Franz Mehring

 

Die Vernunft der Unvernunft [1]

(1892)


Die Neue Zeit, 11. Jahrgang (1892/1893), Bd. 1, S. 161–164.
Aus Franz Mehring, Krieg und Politik, Bd.&nbsI, Berlin 1959, S. 84–88.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Berlin, 26. Oktober 1892

Ein großes Bourgeoisblatt, dessen geschäftliches Interesse in üblicher Weise seine loyalen und patriotischen Pflichten über den Haufen gerannt hat, ist durch die Veröffentlichung der neuen Militärvorlage dem offiziösen Lug- und Trugspiel arg in die Parade gefahren. Ein panischer Schrecken geht durch das ganze Volk, und die Presse aller Parteien ruft ziemlich einmütig: Das ist unmöglich; wir können diese ungeheuren Lasten nicht auf die Schultern nehmen; der Militarismus muß umkehren. An der Wahrhaftigkeit dieses Protestes ist kaum ein Zweifel erlaubt; der Wanderer, dem ein greller Blitz in dunkler Nacht den fürchterlichen Abgrund zeigt, an dessen schmalem Rande sein Fuß sich tastend vorwärts schieben muß, heuchelt nicht, wenn sich ein jäher Schrei des Entsetzens von seinen Lippen ringt. Eine ganz andere Frage ist, ob dieser allgemeine Protest eine Bürgschaft dauernden oder gar siegreichen Widerstandes in sich schließt, und wer nicht fatalen Überraschungen ausgesetzt sein will, muß sie rechtzeitig prüfen.

Soviel steht fest, daß nur die sozialdemokratische Partei auf dem grundsätzlichen Standpunkte steht: keinen Mann und keinen Groschen! Alle anderen Parteien, soweit sie in ihren einzelnen Forderungen auseinander gehen mögen, sind zum Feilschen und Schachern entschlossen. Damit hat aber der Militarismus von vornherein gewonnenes Spiel. Bei einem so großen Geschäfte wird es ihm auf kleine Geschenke nicht ankommen, und mit seiner ganzen Konsequenz ist er all seinen halben Gegnern überlegen. Selbst aber wenn vom gegenwärtigen Reichstage die Militärvorlage abgelehnt werden sollte, so würde diese parlamentarische Körperschaft sofort aufgelöst werden, und der Militarismus würde die Frage stellen, wie sie schließlich ja auch liegt: ich oder die Sozialdemokratie? Was aber darauf kommen müßte, das brauchen wir niemand zu sagen, der die bürgerlichen Klassen des Deutschen Reichs seit ein paar Jahrzehnten oder auch nur seit ein paar Jahren auf ihr Können und Wollen studiert hat.

Es ist schon ein verdächtiges Zeichen, daß die bürgerliche Presse ihre Geschosse gar so zornig gegen den Grafen Caprivi richtet. Wer den bitteren Ernst der Sache versteht, wird die Personen gerne aus dem Spiele lassen. Bismarck oder Caprivi oder Waldersee oder Major Hintze – das ist alles eins. Von allen Personen gilt, was vor hundert Jahren der damals berühmteste preußische Feldherr von sich zu sagen pflegte: c’est plus fort que moi, das ist stärker als ich! Der Militarismus greift um sich gemäß der Dialektik seiner historischen Entwicklung, und kein großer oder kleiner Mann kann ihm gebieten: bis hierher und nicht weiter! Er wird sich selbst forttreiben bis auf die höchste Spitze der Unvernunft, um dann von selbst in die Vernunft umzuschlagen. Er ist längst in die Entwicklung getreten, wo jeder neue Erfolg nur ein weiterer Schritt zu seinem Untergang ist. Aber er kann nicht anders mehr leben als so, und da rennt er mit sehenden Augen in sein Verderben.

Mit sehenden Augen oder vielleicht auch mit geschlossenen; auf diesen Unterschied käme nicht eben viel an. Es ist möglich, daß den Vätern der Militärvorlage selbst angst und bange wird beim Anblick ihres Kindleins; es ist auch möglich, daß sie sich daran erfreuen als an einer wohlgelungenen Geburt. Aber sei dem so oder so – voran müssen sie in ihr Verderben. Das entschuldigt die Personen, vorausgesetzt, daß uns das „sachverständige“ Urteil dieser Personen nicht als maßgebende Instanz für die ungeheuerlichste Belastung des Volkes aufgeredet werden soll. Allen Respekt vor dem Generalstab und dem Kriegsministerium, aber nirgends ist die menschliche Fehlbarkeit größer als in einer abgeschlossenen Offizierskaste, die sich im Kreise ihrer einseitig- technischen Vorstellungen bewegt.

Gerade die Geschichte des preußischen Heerwesens ist überaus reich an Beweisen für diese Tatsache. So waren in den späteren Zeiten Friedrichs II. die genialsten Offiziere des preußischen Stabes der Kapitän v. Steuben und der Major v. Berenhorst. Beide wurden in Ungnaden entlassen, denn wie alle großen Männer konnte Friedrich fähige Leute in seiner Umgebung nicht ertragen. Steuben ging nach Amerika, wo er Sich bekanntlich große Verdienste um die militärische Organisation der Rebellen erwarb. Hier sagte er schon 1793 einem deutschen Besucher, dem Militärschriftsteller Dietrich v. Bülow, die französischen Freiwilligen, über deren Untüchtigkeit ihre eigenen Generale, so namhafte Berufssoldaten wie Carnot, Dumouriez, Hoche, Gouvion St. Cyr, nicht genug klagen konnten, führten denselben Krieg, den die amerikanischen Farmer geführt hätten, und sie würden ebenso unüberwindlich sein. Berenhorst trat nicht wieder in militärische Dienste, aber er schrieb seine berühmten Betrachtungen über die Kriegskunst, worin er das preußische Heer einer scharfen Kritik unterwarf, die „äußerste Grobheit, Härte und Dienstsklaverei der Disziplin“, „die Mikrologie und den Minutismus der Paradekünste“ usw. mit einer vielfach noch heute zutreffenden Bitterkeit geißelte. Und dieser scharfsichtige und für seine Verhältnisse äußerst vorurteilsfreie Offizier verstand doch so wenig, worauf es ankam, daß er noch zwei Jahre nach der Schlacht bei Jena schreiben konnte, der „Genius der Taktik“ müsse ein „höheres Hilfsmittel“ erfinden, um die napoleonische Kriegführung unschädlich zu machen. Wer von beiden sah nun schärfer? Steuben, den sein Schicksal in eine Miliz von Bauern warf, oder Berenhorst, der im Rocke des Berufsoffiziers zu den höchsten Autoritäten der damaligen Kriegswissenschaften gehörte?

An ähnlichen Beispielen ist die preußische Kriegsgeschichte überaus reich, doch können wir hier nicht näher darauf eingehen. Der entscheidende Gesichtspunkt ist immer, daß die „technischen Sachverständigen“ ihr Handwerk vortrefflich, aber weiter auch nichts verstehen. „Die sogenannten Autoritäten haben sich immer blamiert“, wie der alte Ziegler einmal in einer Militärdebatte des Reichstags sagte. Es ist erklärlich, daß die wütende Konkurrenz zwischen den Militärstaaten den unheimlichen Gedanken der neuen Militärvorlage geboren hat. Es ist ebenso erklärlich, daß die Angst vor den unter den unerschwinglichsten Lasten mehr und mehr erliegenden Massen um so hartnäckiger an dem strammen Drill des stehenden Heeres festhalten läßt. Aber es ist unerklärlich, wie „technische Sachverständige“ sich darüber täuschen können, daß der wachsende Widerspruch zwischen dem Wesen einer immer allgemeineren Volksbewaffnung und der Form einer aus den Söldnerheeren überkommenen Disziplin und Dressur auf die Dauer den Militarismus so rettungslos in die Luft sprengen muß, wie auf ökonomischem Gebiete der wachsende Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsformen zu einer sozialen Umwälzung führen wird.

Je allgemeiner die Volksbewaffnung, um so mehr verfügt der Soldat über das Heer, und nicht der Offizier. Das weiß der preußische Generalstab auch recht gut, soweit es sich nämlich um die Vergangenheit handelt. Einer seiner begabtesten Angehörigen, der Major Jähns, schreibt über die Entstehung der modernen Taktik in den französischen Revolutionskriegen des vorigen Jahrhunderts: „Es ist ganz zutreffend, daß das Tiraillieren bei den damaligen Franzosen in keiner Weise durch das Reglement vorgeschrieben war, denn dies war in allen wesentlichen Zügen dasselbe wie das preußische. Das zerstreute Gefecht der Franzosen war nicht verordnet, sondern geworden; man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, und diese wurde, weil sie den realen Verhältnissen entsprach, eine Macht.“ Wenn aber Engels, beiläufig zehn Jahre vor Jähns, in ganz ähnlicher Weise darlegte, wie bei St. Privat unter dem furchtbaren Feuer der Chassepots die reglementsmäßige Kompaniekolonne auf deutscher Seite sich in einen dichten Schützenschwarm auf löste, und dann hinzusetzte: „Der Soldat war wieder einmal klüger gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bis jetzt im Feuer des gezognen Hinterladers sich bewährt, hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führer erfolgreich durch“ [2], so war das natürlich „sozialdemokratische Afterwissenschaft“, die denn auch der echt wissenschaftlichen Zensur des Sozialistengesetzes verfiel. Es ist das Vorrecht der „technischen Sachverständigen“, immer so ein hundert Jährchen hinter der geschichtlichen Entwicklung einherzutraben.

Doch wenn nur nicht auf das ehrliche Gesicht dieser Herren hin das deutsche Volk wieder mit den ungeheuerlichsten Lasten überbürdet werden soll, so darf man ihnen wohlwollende Teilnahme schenken. Sie müssen nun einmal tanzen, wie ihnen die Dialektik des Militarismus auf spielt; da hilft kein Sperren und Sträuben. Und so hälfe auch wohl dem Volke kein Sperren und Sträuben gegen die neue Militärvorlage? Allerdings nicht, solange die politisch organisierte Arbeiterklasse erst die relative, aber noch nicht die absolute Mehrheit der Wähler hinter sich hat und falls sie nicht so viel Unterstützung von den bürgerlichen Klassen erhält, um den Stier des Militarismus bei den Hörnern packen und rücksichtslos niederwerfen zu können. Bei diesen Wenn und Aber muß man vorläufig stehenbleiben, zwar das Beste hoffen, aber auch das Schlechteste nicht fürchten.

Eine solche Resignation erscheint vielleicht etwas nüchtern gegenüber der allgemeinen Entrüstung, in der die neue Militärvorlage augenblicklich ertrunken zu sein scheint. Allein sie ist keineswegs einer Politik der Bosheit entflossen, die immer von Übel ist. Kann die Vorlage mit Hilfe der bürgerlichen Klassen gestürzt werden, um so besser; vernünftige Menschen werden die Unvernunft deshalb nicht minder scharf bekämpfen, weil die Unvernunft durch ihren vorläufigen Sieg nur um so sicherer zum endgültigen Falle kommen muß. Aber in dem Fall einer doch möglichen parlamentarischen Niederlage möchten wir uns nicht mit der fliehenden Bourgeoisie und dem sterbenden Talbot an dem Stoßseufzer genügen lassen: Unsinn, du siegst; wir können den Kampf gegen die neuesten und beispiellos verwegenen Anmaßungen des Militarismus nur um so entschlossener führen, wenn wir wissen, daß uns als letzte und am Ende auch gründlichste Retterin in der Not immer noch bleibt die Vernunft der Unvernunft.

 

Anmerkungen

1. Merhring wendet sich hier gegen die gewaltigen Forderungen der Militärvorlage von 1892/93. Im November 1892 verlangte Reichskanzler Graf Caprivi im Reichstag eine Heeresvermehrung um 84.000 Mannschaften und Unteroffiziere, das heißt mit einem Male soviel, wie die Armee von 1871 bis 1890 insgesamt verstärkt worden war. Dabei sollte die dreijährige Dienstzeit auf zwei Jahre (außer bei der Kavallerie und der reitenden Artillerie) herabgesetzt werden.

2. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“), Berlin 1956, S. 208.


Zuletzt aktualisiert am 11. Juni 2024