Anton Pannekoek

 

Was ist Sozialismus?

(Mai 1915)


Zuerst erschienen in Lichtstrahlen, Nr. 11, Mai 1915, S. 220–3.
Abgedruckt in Pannekoek, Anton, Neubestimmung des Marxismus 1: Diskussion ├╝ber Arbeiterr├Ąte, Berlin (West), Karin Kramer Verlag, 1974, S. 47–9.
HTML-Markierung und Transkription: J.L.W. für das Marxists’ Internet Archive.


 

Daß bei den Regierungsmaßnahmen zur Kontrolle des Lebensmittelverbrauches ein Teil der Partei von Sozialismus redet, „wohin wir auch blicken“, beweist, daß über die Frage, was eigentlich Sozialismus ist, tiefgehende Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Sozialdemokratie bestehen. Aber diese bestehen nicht erst seit den letzten acht Monaten; auch in früheren Jahren trat dieselbe Verschiedenheit hervor, wenn Monopolvorschläge (wie zuletzt das Petroleummonopol), die ein Teil der Radikalen als verkappte indirekte Steuer ansah, von vielen Revisionisten als Schritte auf dem Weg zum Sozialismus bejubelt wurden. Die Frage ist nun nicht bloß: wer hat Recht? sondern vor allem: wie ist es möglich, daß derjenige, der Unrecht hat, sich so irren kann? Die Erklärung liegt in der Entwicklung des Kapitalismus selbst.

Auf die Frage: was ist Sozialismus? werden alle wohl die nämliche Antwort geben: Sozialismus ist gesellschaftliche geregelte Produktion, die dem Bedürfnis der Allgemeinheit statt dem Profit der einzelnen dient. Gesellschaftlich geregelt bedeutet natürlich, durch irgendein Organ der Gesellschaft, etwa den Staat, oder eine Gesamtheit solcher Organe geleitet. In diesem Satz soll aber nicht so sehr eine Beschreibung der künftigen besseren Ordnung gegeben werden, die wir erstreben, sondern er bedeutet Kritik der heutigen kapitalistischen Ordnung. Weil dies sein innerer wesentlicher Gehalt ist, muß Bedeutung und Betonung mit dem Wesen des zu kritisierenden Kapitalismus wechseln. Und das um so mehr, weil in dem Satz zweierlei enthalten ist: erstens die gesellschaftliche Regelung, und zweitens der Zweck, der Allgemeinheit des Volkes zu dienen.

Als die Arbeiterbewegung vor einem halben Jahrhundert emporkam, war die wichtigste und auffallendste Seite des Kapitalismus die frei Konkurrenz, die Regellosigkeit der Privatproduktion. Gegen diese Vergeudung von Arbeit, die nur als zufälliges Resultat und als Durchschnitt vieler falsch gerichteter Anstrengungen das Ziel, die Versorgung der Menschheit mit Lebensmitteln, erreichte, mußte der Vorzug einer umfassenden Organisation der Arbeit klar hervortreten. Gegenüber dem wilden Kampf ums Dasein, in dem die Schwachen massenhaft untergingen, mußte die Pflicht der Gesellschaft gegen alle ihre Mitglieder betont werden. Der Staat hat mehr zu tun, als Nachtwächterdienste bei dem wütenden Konkurrenzkampf der Privatunternehmer zu leisten, das war die Parole; er soll, so wurde gesagt, mit starker Hand eingreifen, um die schlimmsten Feinde des Volkes: Hunger, Kälte und Not, von uns fernzuhalten.

So trat der Sozialismus vor allem als Gegensatz gegen die Manchesterlehre der schrankenlosen Konkurrenz auf. In den Forderungen des Proletariats, das am meisten unter diesen Verhältnissen zu leiden hatte, trat das Ideal der neuen Weltordnung gegen die kapitalistische Wirklichkeit hervor: gegen die Anarchie die Organisation, gegen den schrankenlosen Individualismus das Gemeinschaftsprinzip, gegen das Manchestertum die Staatseinmischung, gegen den Liberalismus der Sozialismus. Regelung, vernünftige Organisation war die Hauptsache; sie konnte nur von der Macht des demokratischen Staates ausgehen, der als überlegenes Organ der Gemeinschaft in die Unmasse der Privatbetriebe eingriff; daß diese Regelung dann notwendig den Interessen der großen Volksmasse dienen würde, schien gar nicht anders denkbar. Jedes regelnde Eingreifen des Staates, sei es zum Schutze der wirtschaftlich Schwachen, sei es zur Verstaatlichung eines bisher privaten Betriebszweiges, wurde als erster Schritt auf dem Weg zum Sozialismus betrachtet und als „Staatssozialismus“ hervorgehoben.

Nun ist es richtig, daß wir gegenüber den bürgerlichen Verteidigern der Privatwirtschaft oft auf die zweckmäßige Organisation staatlicher Monopole, wie Eisenbahn und Post hinweisen als Beispiel, was Organisation vermag. Aber wir vergessen dabei nicht, daß das Wort Staatssozialismus gleichbedeutend ist mit Staatskapitalismus. Und so wird umgekehrt ein Schuh daraus. In den Staatsbetrieben fühlt sich der Arbeiter meist nicht im Dienste eines Organs der Gemeinschaft, um selbst dem Gemeinwohl zu dienen, sondern im Dienste des allermächtigsten Unternehmers, gegen den er absolut machtlos ist. Eine Empfehlung, eine Propaganda für die Idee des Sozialismus kann also von den heutigen Staatsbetrieben oder von sonstigen kräftigen Eingriffen des heutigen Staates nicht ausgehen. Inzwischen hat sich aber der Kapitalismus selbst schon daran gemacht, eine Hälfte des sozialistischen Programms zu verwirklichen. An die Stelle der zahlreichen Privatunternehmer, ist eine kleine Zahl von Magnaten, an die Stelle der freien Konkurrenz ist die Zwangsregelung durch Trusts und Kartelle, an die Stelle der Zersplitterung ist die Organisation getreten. Aber in einer Weise, die für die Arbeiter, für die Volksmassen nicht besser ist als die Anarchie von früher. Denn diese Organisation dient nur den höheren Profiten des Großkapitals, nicht dem Bedürfnis der Allgemeinheit. Und zugleich lastet die gewaltige Macht dieses organisierten Großkapitals viel schwerer auf dem Proletariat, als früher die kleine Macht des Einzelunternehmers. Mit der Staatsgewalt ist das moderne Großkapital eng verbunden; sie arbeiten Hand in Hand zur Förderung der großen wirtschaftlichen Interessen.

Anders gesagt: Sozialismus umfaßte zwei Dinge, Organisation und Demokratie (denn nur Herrschaft des Volkes macht die Bedürfnisse des Volkes zum Zweck der Gesellschaft). Jetzt bringt der Kapitalismus schon immer mehr Organisation; aber dabei entfernt er sich immer weiter von der Demokratie, weil die wirtschaftliche Macht sich in wenige Hände konzentriert. Daher ist es jetzt unnötig, unsererseits die wirtschaftliche Organisation zu propagieren und Schritte dorthin als wichtige Schritte zum Sozialismus zu loben. Der freie Wettbewerb ist abgetan, und diese Seite des Kapitalismus ist unwesentlich geworden. Unsere Hauptaufmerksamkeit muß auf die andere Seite gerichtet werden, auf die Seite, die die Organisation der Wirtschaft aus einer Quelle größeren Drucks auf die Massen und riesiger Macht für das Großkapital zu einer Quelle des Überflusses für die Massen machen muß. Die Demokratie ist jetzt der Hauptteil, die wichtigste Seite des Sozialismus geworden. In dieser Periode der wirtschaftlichen Entwicklung ist alles, was die Demokratie, die Macht der Arbeiterklasse stärkt, ein Schritt auf dem Wege zum Sozialismus. Das staatliche Eingreifen verschiedener Art, das in der letzten Zeit so oft für Sozialismus ausgegeben wurde, hat damit nichts zu tun.


Zuletzt aktualisiert am 30. Dezember 2019