Anton Pannekoek

 

Liberaler und imperialistischer Marxismus

(1915)


Zuerst erschienen in Lichtstrahlen, nr. 7, 1915.
Abgedruckt in Pannekoek, Anton, Neubestimmung des Marxismus 1: Diskussion ├╝ber Arbeiterr├Ąte, Berlin (West), Karin Kramer Verlag, 1974, S. 27–30.
HTML-Markierung und Transkription: J.L.W. für das Marxists’ Internet Archive.


 

So viele Fälle in früheren Jahren vorkamen, daß ehemalige Sozialdemokraten unter allmählichem Wechsel ihrer Gesinnung zu Ministern und Staatsstützen avancierten, so ist doch sicher nie so viel und so rasch umgelernt worden, wie in dem jetzigen Weltkrieg.

Wir denken dabei nicht in erster Linie an die Revisionisten, die es auch früher in Friedenszeiten nie verheimlicht haben, daß sie den Klassenkampf durch den ständigen Burgfrieden ablösen möchten; und auch nicht an die blaßroten Radikalen, die, verwirrt und betäubt in dem Weltensturm, krampfhaft am alten haftend, durch den Mangel klarer Ziele gezwungen sind, mitzumachen. Mehr Verwunderung muß es wecken, wenn Leute, die ehedem als Wortführer der äußersten Linken auftraten, auf einmal zu begeisterten Verfechtern des Imperialismus wurden.

Wir haben einen ähnlichen Fall schon früher erlebt, als in Rußland vor 1905 ehemalige Marxisten, wie Peter von Struve u. a., zu politischen Führern der Bourgeoisie wurden. Weil die Erklärung dieser Tatsache fast wörtlich auf den jetzt vorliegenden Fall paßt, drucken wir aus einem alten Artikel aus dem Jahre 1909 darüber folgendes ab:

„Die Ursache dieser auf den ersten Blick sonderbaren Erscheinung liegt in dem dialektischen Charakter des Marxismus selbst, in dem historischen Charakter der Marxschen Geschichtslehre. Sie bildet nicht nur eine Kritik des Kapitalismus, sondern legt zugleich dessen historische Notwendigkeit dar. Sie würdigt jede Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrer historischen Berechtigung, bis sie für die nächste Platz machen muß.

Marx hat den Kapitalismus nicht einfach angegriffen; er hat ihn in einem wundervoll treffenden Bilde dargestellt, beschrieben und erklärt. Der Proletarier entnimmt diesem Bilde die Ursache seiner Lage, die Einsicht, wie Mehrwert aus seiner Arbeit geholt wird, er entnimmt ihm das Entwicklungsgesetz dieser Ordnung und das Ziel, das er seinem eigenen Streben stellen muß, den Sozialismus. Aber Marx’ Gemälde zeigt noch andere Züge, die den am meisten treffen, der nicht mitten in seiner Wirklichkeit lebt. Es zeigt, wie der Kapitalismus die alten, unbeweglichen Verhältnisse umwälzt, die alte Stickluft der Barbarei und der Unkultur wegfegt, wie er Quellen riesiger Goldströme und unbegrenzter Möglichkeiten eröffnet, den energischen, emporstrebenden Personen freie Bahn schafft und sie zu Weltherrschern macht, und wie er Weltwunder schafft, wie keine Zeit zuvor.

Diese Züge müssen vor allem diejenigen treffen, die, wie unsere russischen Genossen, unter barbarischen Verhältnissen, in der Unkultur primitiver Produktionsverhältnisse leben, die empor wollen, aber gewaltsam niedergehalten werden. Was in ihnen als Ideal aufwächst, ist nicht der in blauer Ferne kaum erkennbare Sozialismus, sondern die gewaltige kapitalistische Entwicklung selbst, die die alten engen Verhältnisse aufhebt. Marx hat sie den Kapitalismus kennen gelehrt, und diesen Kapitalismus wollen sie, ihn sehnen sie herbei.

Natürlich nicht als Endziel; man kann mit seiner ganzen Person nur dann für eine Sache eintreten, wenn man glaubt, daß sie allen Menschen Glück bringt. Die bürgerliche Freiheit und Ordnung allein konnte das nicht mehr; der Sozialismus, den Marx als naturnotwendige Folge des Kapitalismus nachgewiesen hatte, sollte das Endziel sein, aber die Förderung des Kapitalismus, des einzigen Mittels zu diesem Endziel, war das nächste unmittelbar praktische Ziel. So wurde der Marxismus, der besser als alle früheren Ideologien die Notwendigkeit zeigte, mit dem alten aufzuräumen, zur Theorie eines aufsteigenden revolutionären Bürgertums, d. h. in erster Linie der russischen Intelligenz, die die Wortführer dieser Klasse abgab.

Als dann das Proletariat auftrat, mußte der Marxismus dieser Ideologen der Bourgeoisie die bekannte revisionistische Färbung annehmen: die Arbeiter sollen mit dem Bürgertum zusammen den bürgerlichen Rechtsstaat erkämpfen, aber dabei keine eigenen Forderungen stellen. Sie sollen zuerst den Kapitalismus aufpäppeln und stark machen, bevor sie ihn besiegen können.

Ist es also verständlich, wie der Marxismus die Stelle des früheren Liberalismus im Dienst einer Bourgeoisie, wie der russischen, einnehmen kann, so ist zugleich klar, daß er dabei etwas ganz anderes sein muß, als die proletarische Kampfestheorie und namentlich einen engen mechanischen Charakter bekommen muß. Diese Intelligenz nahm vom Marxismus eben nicht mehr, als sie gebrauchen konnte. Sie brauchte nicht mehr, als daß der Kapitalismus vernünftig und notwendig ist. Daß er zugleich der Entwicklung unterworfen und dem Untergang geweiht ist, die Geltung dieser Wahrheit verschob sie auf eine ferne Zukunft, die außerhalb des Gebietes des praktischen Handelns lag.

Der Marxismus ist aber nicht eine solche mechanische Lehre; die beiden Seiten des Kapitalismus sind nicht zu trennen und jene andere Seite ist keine Zukunfts-, sondern Gegenwartssache. Bourgeoisie und Proletariat treten nicht nacheinander, sondern gleichzeitig auf die Weltbühne, und sofort fängt von selbst ihr Widerstreit an. Je früher das Proletariat sich geistig auf eigene Füße stellt, um so rascher wächst seine Kraft, um so früher wird es reif, sein Ziel zu erreichen. Mag sein, daß anfangs die beiden Klassen das gleiche Interesse am Fortschritt haben, so besteht doch von Anfang an ein Gegensatz in der Art und Weise, wie jede Klasse diesen Fortschritt versteht. Das Proletariat möchte die politischen und ökonomischen Formen so gestalten, daß die Bahn für eine ruhige, friedliche Weiterentwicklung möglichst geebnet wird; die Bourgeoisie sucht ihre Herrschaft für alle Zeiten zu festigen. Ließe sich die Arbeiterklasse von den quasimarxistischen Theoretikern einreden, sie solle dem Bürgertum, wo es fortschrittlich auftritt, vertrauensvoll die Führung überlassen, da doch die nächsten Ziele dieselben seien, so würde sie sich selbst den weiteren Aufstieg erschweren. Denn die wirklichen praktischen Ziele sind verschieden, mag auch der Name der Theorie zeitweilig übereinstimmen.“

Was damals von dem Kapitalismus im Gegensatz zu der primitiven Kleinproduktion gesagt wurde, gilt jetzt von dem Imperialismus im Gegensatz zum Kleinkapitalismus. Er öffnet weite Horizonte, führt hinaus aus der Enge des europäischen Raumes, wälzt die Welt in kolossalem Maßstab um und erweckt eine unzähmbare Energie in den Menschen. So wie die Engländer als Herrenvolk in allen Ozeanen zu Hause sind, über jeden Weltteil als Teil ihres Aktionsgebietes reden, so möchte jede aufstrebende Nation es ihnen nachmachen; Englands Weltherrschaft und Englands Reichtum, auf der Beherrschung der reichsten Länder der Welt aufgebaut, ist das Vorbild ihrer Sehnsucht.

Es ist nur allzu natürlich, daß auch sozialistische Theoretiker, um die Unwiderstehlichkeit des Imperialismus zu zeigen, diese Seite betonten in ihrem Kampf gegen die alte Parteitradition, die von Imperialismus nichts wußte. Gegen die stumpfe Geisteserstarrung jener Kreise der Partei, die ihre völlige Impotenz, die moderne Entwicklung zu begreifen, hinter der bequemen Phrase der „alten bewährten Taktik“ versteckten, mußten sie vor allem die Unwiderstehlichkeit der imperialistischen Entwicklung hervorheben. Wer aber nicht mehr sieht, als die Unwiderstehlichkeit und Notwendigkeit des Imperialismus, kann ebensogut ein begeisterter Wortführer des Imperialismus, als ein revolutionärer Sozialdemokrat sein, je nachdem er ihn fördern will, oder aus seiner Einsicht die Notwendigkeit einer kräftigeren Taktik der Arbeiter gegen ihn schließt. In früheren Jahrgängen der Leipziger Volkszeitung ist auch betont worden, daß zu der Neuerscheinung des Imperialismus notwendig die neue Taktik der Massentätigkeit gehört.

So wird begreiflich, daß ein sozialdemokratischer Kenner des Imperialismus, wenn er sich auf die andere Seite schlagen will, in seinem theoretischen Gepäck leicht die Argumente finden kann. Er braucht nur den Marxismus mechanisch aufzufassen und zu sagen: der Sozialismus ist nur möglich auf dem Boden der höchsten kapitalistischen, der imperialistischen Entwicklung; daher helfen wir zuerst mit aller Macht diesen Boden festigen, die Weltmacht des eigenen Landes gegen den fremden Imperialismus verfechten; jetzt müssen wir Imperialisten sein, aber der Sozialismus bleibt das Endziel — in blauer Ferne. In blauer Ferne, denn es hat sich ja gezeigt, daß das Proletariat noch viel zu schwach zum Siege ist.

Daß mit dieser quasimarxistischen Haltung die Verwirklichung des Sozialismus nicht vorbereitet und gefördert, sondern gehemmt und verzögert wird, ist ohne weiteres klar. Denn diese hängt einzig und allein von der Kraft, der Selbständigkeit, der Energie und der Zielklarheit der Arbeiterklasse ab.


Zuletzt aktualisiert am 30. Dezember 2019