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Bücherschau

Mutterschutz

(1. April 1911)


Der Kampf, Jg. 4 7. Heft, 1. April 1911, S. 336.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Luise Zietz hat im Verlag der Leipziger Buchdruckereiaktiengesellschaft eine Broschüre erscheinen lassen, die Zur Frage des Mutter- und Säüglingsschutzes in Deutschland Stellung nimmt. Es ist eine ungemein sachliche Arbeit mit umfangreichem Zahlenmaterial. Die in der Agitation stehenden Genossinnen werden dadurch in die Lage versetzt, über jeden Teil des Mutter- und Kinderschutzes mit Tatsachen belegte Referate zu erstatten. Zum Schlüsse ihrer Darlegungen bringt die Verfasserin eine Gegenüberstellung des Wenigen, was der Staat heute leistet und was die Sozialdemokratie fordert. Es ergeben sich in den Forderungen einige Verschiedenheiten von dem Programm, das die österreichischen Genossinnen zu diesem Gegenstand bei Parteitagen und Konferenzen erhoben haben. Die deutschen Genossinnen und mit ihnen die Partei stellen weitergehende Forderungen als wir; viel weitgehender vor allem auch, als sie von unseren Genossen bei der Beratung der Sozialversicherung in Bezug auf Mutter- und Säuglingsschutz erhoben wurden. Die Ursache davon ist aber nicht in der grösseren Genügsamkeit der österreichischen Arbeiterinnen zu suchen, sondern in der grösseren Rückständigkeit unserer staatlichen und kommunalen Einrichtungen. Nur einige Vergleiche: Die deutsche Reichsversicherungsordnung will an Mutterschutz gewähren: obligatorische Wöchnerinnenunterstützung für acht Wochen, wovon zwei Wochen vor der Entbindung liegen können. Als neue fakultative Mehrleistung lässt sie ein Stillgeld in der Höhe eines halben Krankengeldes für zwölf Wochen zu. Fakultativ auch die Wochenhilfe versicherungsfreier Ehefrauen. Das österreichische Sozialversicherungsgesetz, wie die Regierung es vorgelegt, bleibt bei dem vierwöchigen Wöchnerinnenschutz mit dem einzigen Unterschied, dass das Krankengeld auf das Anderthalbfache erhöht werden soll. Von einem Säuglingsschutz ist weder fakultativ noch obligatorisch etwas enthalten, obwohl die Säuglingssterblichkeit in Oesterreich grösser ist als in Deutschland. Den Gesetzgebern in Oesterreich und vor allem auch den Vertretern unserer grossen Städte könnte es nur von Nutzen sein, wenn sie sich aus der Broschüre der Genossin Zietz belehren würden, wie rückständig ihre Sozialpolitik selbst gegen jene ist, wie sie in Deutschland schon geübt wird und die noch immer viel zu gering ist, um dem Massensterben der Säuglinge und dem physischen Ruin der arbeitenden Frauen vorbeugen zu können.


Zuletzt aktualisiert am 6. April 2024