John Reed


Die Industriearbeiter der Welt

(1920)


Aus: Die Kommunistische Internationale, 2. Jg., Nr. 13, Petrograd 1920, S. 203–225.
Transkription/HTML-Markierung: Thomas Schmidt für das Marxists’ Internet Archive.



I.

In der Industrie der Vereinigten Staaten geht ein wahrer Bürgerkrieg vor sich. Fast jeder Ausstand gleicht einer Schlacht, in welcher der gesamte Staatsapparat gegen die Arbeiter in Bewegung gesetzt wird. Auch freiwillige, mit Gewehren und Maschinengewehren ausgerüstete, aus Raufbolden zusammengesetzte „Truppen“ werden gegen die Streikenden ins Feld geführt. Diese von der Regierung genehmigten „Truppen“ können von jedem gedungen werden, der die nötigen Mittel dazu hat. Ja, in den Bezirken, in denen ein Ausstand stattfindet, werden die Mitglieder dieser Banden von dem höchsten Vertreter des Gesetzes im Bezirk gewöhnlich zu stellvertretenden Sheriffs ernannt, so daß sie eigentlich Regierungsbeamte werden.

Gerichtshöfe, Polizei, Sonderpolizei (wie z. B. die Konstabler der Staaten Pennsylvania und New York, die angeblich zur Ausübung von Polizeifunktionen in den ländlichen Bezirken eingesetzt wurden, tatsächlich aber ausschließlich zur Unterdrückung von Ausständen verwendet werden), ferner die Staats-, Bezirks- und Stadtgerichtsbeamten sind mobilisiert worden, um jede Arbeiterbewegung zu ersticken. Auch die den Kapitalisten zur Verfügung stehenden nicht behördlichen Kräfte — Presse, Handelskammern, Bürgerausschüsse und selbst bewaffnete bürgerliche Banden, wie die während des Krieges angeblich zum Schutz gegen deutsche Spione gegründeten Organisationen — die „Nationale Sicherheitsliga (National Security League), die Vereinigung der „Ritter der Freiheit“ (Knights of Liberty), die Amerikanische Verteidigungsgesellschaft (American Defense Society) und seit Abschluß des Krieges die „antibolschewistischen“ Organisationen, wie z. B. die Amerikanische Legion, die sich größtenteils aus demobilisierten Offizieren zusammensetzt — alle diese nehmen den Kampf gegen die Arbeiter auf.

Außerdem haben die Arbeiter auch noch andere, nicht aus Fleisch und Blut bestehende Feinde. Da sind z. B. die Proskriptionslisten, die dem aktiven Ausständigen die Möglichkeit rauben, andere Beschäftigung zu finden; das absichtliche Zusammenwerfen von Arbeitern verschiedener Nationalität und verschiedenen Glaubensbekenntnisses in einem Unternehmen und das Entfachen von nationalen und religiösen Vorurteilen unter ihnen, das z. B. zum Hinmorden der Neger geführt hat. An erster Stelle aber steht die Aufrechterhaltung des Fachverbandsystems in der Arbeiterorganisation und die offene Bestechung der Arbeiterführer.

Die Staaten und Ortsverwaltungen machten gar kein Hehl daraus, daß sie das Streikbrechertum unterstützten. Der Bundesregierung aber gelang es bis zum Ausbruch des Krieges, den Eindruck hervorzurufen, als verhalte sie sich im Kampf zwischen. Kapital und Arbeit neutral, obgleich es an solchen Maßnahmen, wie die des Präsidenten Cleveland, der Bundestruppen aussandte, um den Streik des Amerikanischen Eisenbahnverbandes in Illinois zu brechen, nicht fehlte.

Der Krieg jedoch lieferte einen Vorwand zur unmittelbaren Kontrolle des Staates über die Industrie durch den nationalen Abwehrrat, der, aus Großfabrikanten und Bankiers bestehend, die Macht offen in seine Hände nahm. Der Abschluß des Krieges befreite zwar die Kapitalisten, nicht aber die Arbeiter von jeder staatlichen Beaufsichtigung. So ist z. B. das Levergesetz, das während des Krieges erlassen wurde, um das Zurückhalten von Lebensmitteln zu verhüten, noch immer in Kraft, und zwar wird diesem Gesetz die Deutung gegeben, daß es Ausstände in der Lebensmittelindustrie verbiete. Der Eisenbahnerausstand im vorigen Herbst wurde von der Regierung mit der Androhung von Waffengewalt beantworte!. Den Streik der Grubenarbeiter erklärte das Bundesgericht offiziell als ungesetzlich, und Hunderte tätiger Arbeiter sitzen jetzt hinter Schloß und Riegel, weil sie gegen das Verbot, diesen Ausstand zu führen oder ihn zu fördern, gehandelt haben.

Der Oberstaatsanwalt der Vereinigten Staaten hat eine Deklaration veröffentlicht, in der er alle Ausstände in Industriezweigen, die „mit dem nationalen Wohlergehen zusammenhängen“, als Kriminal verbrechen erklärt. Kein einziger Arbeiter kann jetzt noch daran glauben, daß die Bundesregierung in Arbeiterfragen „neutral“ sei.

Wenn ein Arbeiter in den Vereinigten Staaten in den Ausstand tritt, so setzt er sein eigenes Leben und das Leben seiner Familie aufs Spiel. Ungestraft werden die Arbeiter von den bewaffneten Raufbolden niedergeschossen; dabei klagt man aber die Streikführer des Mordes an. So geschah es in dem Fall Joe Lawson, eines der Führer des Grubenarbeiterstreiks in Colorado anno 1913; er wurde des Mordes angeklagt, nachdem die Staatsmiliz das Zeltlager der Ausständigen in Brand gesteckt hatte, sodaß viele Frauen und Kinder den Tod fanden. Dasselbe war auch bei Giovannitti und Ettor in Lawrence (Staat Massachusetts) der Fall, wo ein Milizsoldat während des Textilarbeiterstreiks einen Ausständigen tötete. Die gleiche Anklage wurde gegen Carlo Tresca und andere während des Streiks der Grubenarbeiter von Mesaba Range erhoben, wo ein stellvertretender Sheriff einen Arbeiter niederschoß. In den Gefängnissen der Vereinigten Staaten schmachten heute hunderte von Männern, die sich aktiv an Ausständen beteiligt haben, für Verbrechen, die sie nie begingen. Es seien hier einige der zahllosen Opfer aus der amerikanischen Arbeiterbewegung genannt:

MacNamara, Schmidt und Kaplan, zur Kerkerstrafe verurteilt, weil sie die Redaktion des arbeiterfeindlichen Blattes „The Los Angeles Times“ in die Luft gesprengt hatten.

Tom Mooney, zu lebenslänglicher Kerkerstrafe auf die Anklage hin verurteilt, während einer militärischen Kundgebung in San Francisco eine Bombe geworfen zu haben, — eine Anklage, die, wie erwiesen, völlig unbegründet war.

Ford und Suhr, — lebenslängliche Haftstrafe wegen eines Mordes, den sie angeblich während eines Streiks der Hopfensammler begingen; tatsächlich aber wurde der Mord von stellvertretenden Sheriffs verübt.

Joe Hill, Organisator der I.W.W. und Dichter, verurteilt und hingerichtet wegen eines Mordes, den er nie beging.

Frank Little, Mitglied des Generalvollzugsausschusses der I.W.W., der während des Streiks der Kupferminenarbeiter von Butte nachts aus dem Bett geholt und von einer Bande von Beamten des Kupfertrusts erhängt wurde.

Hundert Führer der I.W.W., die 1918 in Chicago angeklagt wurden, die Kriegsoperationen gestört zu haben und zwischen 10 und 25 Jahren Zwangsarbeit erhielten.

Die Liste nimmt kein Ende. Strenge Kerkerstrafen, Lynchjustiz, Deportation erwarten diejenigen Arbeiter in Amerika, die ihre Klasse zu organisieren versuchen. Hunderte erliegen in den Gefängnissen verschiedenen Krankheiten; Hunderte werden irrsinnig; wieder Hunderte begehen Selbstmord. Die amerikanischen Kerker wissen von grausamen Foltern zu erzählen.

An der Spitze dieses Kampfes der Arbeit gegen den übermächtigen bösen Feind stehen die Industriearbeiter der Welt. Sie führen einen Kleinkrieg mit allen Mitteln, mit Gewehr und Sabotage, Propaganda, Streiks und offenen Kämpfen. Vogelfrei und Helden, zu Hunderten hingemordet und eingekerkert, unzerstörbar, singen sie ihre trotzigen Spottlieder.
 

II.

Wie in allen anderen Ländern, hat die Arbeiterbewegung auch in Amerika mit der gewaltigen Konzentration der Industrie, die das Ende des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, nicht Schritt gehalten. Dieser Umstand verschärfte sich in den Vereinigten Staaten noch mehr nach dem spanisch-amerikanischen Kriege, nach welchem Amerika offiziell die Weltarena des kapitalistischen Imperialismus betraf und der den Anfang zur großen Aera der monopolistischen Entwicklung legte. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung, die jeden Industriezweig in zahllose einander bekämpfende und miteinander wetteifernde Fachverbände spaltete, zeigte sich nicht nur außerstande, den Arbeitern in ihrem Kampfe um das tägliche Brot zu dienen; sie entsprach überhaupt nicht dem Aufbau der Industrie.

Die Organisation der Industriearbeiter der Welt wurde 1905 auf einer Konferenz in Chicago gegründet, die von einer Vorkonferenz einiger revolutionärer Arbeiter einberufen war. Es ist bemerkenswert, daß nur zwei Personen die an sie ergangene Einladung zu dieser Konferenz ablehnten, und zwar Victor Berger, der Führer der Sozialistischen Partei, ein Sozialverräter, und Max Hayes, der Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei, der sich späterhin als einer der größten Reaktionäre der Gewerkschaftsbewegung entpuppte.

Auf der Konferenz waren sämtliche revolutionären und nach Industriezweigen organisierten Arbeiterverbände jener Zeit vertreten: die amerikanische Eisenbahnerunion, Debs' Organisation, die sich nach ihrer großen Niederlage int Streik von 1894 keiner großen Autorität erfreute; die Amerikanische Arbeiterunion, ein loser, etwas unbestimmter Verband „allgemeiner“ Arbeiter aus dem Westen; der Verband der Brauereiarbeiter, eine industrielle Organisation ohne besonderen revolutionären Geist; die Sozialist Trade and Labour Alliance, Daniel de Leons vergeblicher Versuch, der Amerikanischen Föderation der Arbeit eine Konkurrenzorganisation entgegenzustellen; einige Verbände der Vereinigten Grubenarbeiter, die Kohlengrubenarbeiter und als wichtigste aller Organisationen, die Western Federation of Miners, die Metallbergwerkarbeiter, die mit Haywood, St. John, Ryan, George Speed, Hazlewood, Frank Little u. a. das Rückgrat und das geistige Feuer der neuen Organisation bildeten.

Die I.W.W. befürwortete die Bildung von Industrieverbänden; jeder Verband sollte sämtliche in einem Industriezweig beschäftigten Arbeiter aller Branchen umfassen; sämtliche Industrieverbände wiederum sollten sich zu einer einzigen Organisation zusammenschließen. Diese Organisationsmethode sollte nicht nur dem täglichen wirtschaftlichen Kampf der Arbeiter dienen; sie sollte die Waffe sein, die den Arbeitern ermöglichen würde, die Kontrolle über die Industrie zu erlangen. Daniel de Leon, der Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei, formulierte die Theorie des Industrieunionismus, die den Sturz des kapitalistischen Staates und dessen Ersatz durch eine auf den Industrieverbänden beruhende Industrieverwaltung anstrebt.

„Der Arbeiterverband“, sagte de Leon, „ist der Keim der künftigen Gesellschaft“. Von den Zielen der neuen Organisation sprechend, meinte er weiter: „Da, wo der Generalvorstand der I.W.W. seinen Sitz hat, wird auch die Weltregierung sein.“ Diese Revolution sollte durch „Aktion auf politischem sowie auf industriellem Gebiet“ zustande gebracht werden.

Eine weitere Parole der I.W.W. war der „Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung in der Hülle der alten“. In anderen Worten, die Arbeiter sollten in Industrieverbände organisiert werden, die ihre Macht wahrscheinlich durch einen Generalstreik zeigen würden; die kapitalistische Gesellschaftsordnung würde dann in Brüche gehen und die Industrieverwaltung würde an ihre Stelle treten. Der Organisationsplan der Industrieverbände wurde von W. E. Trautmann, einem Mitglied des Brauereiarbeiterverbandes, ausgearbeitet. Das Vorwort zu den Statuten, eine der klarsten Definitionen des Klassenkampfes, die je gegeben wurden, schrieb T. J. Haggerty, ein ehemaliger katholischer Priester: „Die beiden Klassen müssen mit einander kämpfen, bis die Arbeiter der Welt sich als Klasse organisieren, sich des Grund und Bodens und der Produktionsmittel bemächtigen und das Lohnsystem abschaffen...“

Das geschah zur selben Zeit, als die Amerikanische Föderation der Arbeit durch ihren Vertreter John Mitchell erklären ließ, daß die Interessen des Kapitals und der Arbeit identisch seien oder zum mindesten einander „gegenseitig ergänzten“ . . .
 

III.

Es ist bemerkenswert, daß die Initiative zur Gründung der I.W.W. nicht von dem hochentwickelten alten kapitalistischen Osten ausging, sondern von dem neuen Lande des Westens. Diese Tatsache bezieht sich übrigens auf sämtliche revolutionären Arbeiterbewegungen in den Vereinigten Staaten. Der Klassenkampf ist im Westen mehr erbittert als im Osten; die Organisation der I.W.W. ist im Westen stärker als im Osten; während die I.W.W. im Westen den größten Einfluß hat, beherrscht die A. F. of&#nbsp;L. (Amerikanische Föderation der Arbeit) den Osten.

Die Ursache dieser Erscheinung liegt in den besonderen Verhältnissen der Entwicklung der Industrie in den Vereinigten Staaten.

Es wäre falsch, den Westen Amerikas als „neues“ Land zu bezeichnen. Der Kapitalismus, der den Westen ausbeutet, ist ein alter Kapitalismus, der in dem altangesiedelten Osten reiche Erfahrung gesammelt hat, ein weiser und grausamer Kapitalismus. Der Charakter der kapitalistischen Unternehmungen im Westen — Bergwerke, Eisenbahnen, Wälder, Viehzüchtereien, ausgedehnte Landwirtschaften — das alles in einem spärlich bevölkerten Lande, fern von dem wohlanständigen Liberalismus und den humanitären Redensarten der dichtbevölkerten Großstädte, machte es möglich, den Klassenkampf offen und unverblümt zu führen. Und in diesen entlegenen Gebieten, fern von öffentlicher Kritik, waren der Entwicklung des Kapitalismus keinerlei Schranken gesetzt. Riesige Trusts entstanden, deren Leitung sich im Osten befand, die sich jedoch unbarmherzig auf den Westen stürzten, die nationalen Reichtümer raubten, die öffentlichen Ländereien stahlen. Sie bewaffneten sich mit ganzen Heeren von Schützen, verschanzten sich in unzugänglichen Städten. (Ganze Städte wurden von den Aktiengesellschaften auf ihren Ländereien errichtet und mit einer Mauer umgeben).

Es wäre unrichtig, den Westen als kapitalistisch unreif zu betrachten, denn in den Bergwerken, den ausgedehnten Getreidefarmen, in der Holzindustrie und auf den Eisenbahnen haben wir bis aufs höchste entwickelte kapitalistische Unternehmungen.

Was die Arbeiter betrifft, so sind sie kein „ungeschliffenes“ Material, sondern wahre Proletarier, die zum größten Teil im Laufe von zwei Generationen aus dem Osten eingewandert sind. Der Zudrang auswärtiger Arbeitskraft zum Osten trieb den amerikanischen ungelernten Arbeiter schon vor langer Zeit nach dem Westen. Noch bedeutungsvoller jedoch ist die Tatsache, daß die eingeborenen Revolutionäre und Kämpfer der Arbeiterbewegung, die in die Proskriptionslisten eingetragen und aus den Industriezentren des Ostens vertrieben wurden, den Weg nach dem Westen fanden, um unter angenommenen Namen auf den Kornfeldern, in den Bergwerken und Wäldern zu arbeiten. Im Osten bilden die amerikanischen Arbeiter eine qualifizierte oder halbqualifizierte Arbeiteraristokratie zum Unterschied von den ungelernten auswärtigen Einwanderern. Im Westen dagegen besteht das Gros der Arbeiter entweder aus Amerikanern oder aus Emigranten, die nicht in abgesonderten Einwandererkolonien, sondern direkt unter den Amerikanern leben und arbeiten.

Wir wollen damit aber durchaus nicht sagen, daß die I.W.W. eine nationalistische Organisation sei. Vielmehr ist gerade das Gegenteil der Fall Die I W. W. ist die einzige Arbeiterorganisation, die die ungelernten Einwanderer organisiert. Sie zählt mehr Einwanderer unter ihren Mitgliedern als jeder andere Arbeiterverband Sie erkennt keine Unterschiede der Rasse oder Hautfarbe an. Die Organisation verfügt über eine ausgedehnte Presse und gibt Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren tu nicht weniger als einem Dutzend Sprachen heraus. Die Gründer und Leiter der I.W.W. aber sind revolutionäre amerikanische Arbeiter; die Organisation ist die wahre Vertreterin der eingeborenen amerikanischen Arbeiterklasse.

Diese Arbeiter, die größtenteils je nach der Saison oder den Arbeitsbedingungen von Ort zu Ort wandern, Männer ohne Stimmrecht, ohne Heim, ohne Familien, die revolutionärsten Elemente der Arbeiterbewegung, erbittert durch lang erduldete Ungerechtigkeit, abgehärtet im Kampf, geübte Schützen, frei von jedem nationalistischen oder Rassenvorurteil, haben sich zusammengeschlossen, um die kapitalistische Ordnung zu stürzen.

Die schlimme Erfahrung, die sie mit verräterischen Führern und Politikern gemacht haben, veranlaßt diese Arbeiter, allen Führern überhaupt zu mißtrauen und sich von jeglicher Beteiligung am kapitalistischen Staatsapparat loszusagen. Die amerikanische Ueberlieferung und ihre eigenen Lebensbedingungen haben in ihnen einen starken Individualismus entwickelt und den Instinkt wachgerufen, die Macht in den Händen der Massen festzuhalten und sich der Zentralisation zu widersetzen. Allein das ändert nichts an der Tatsache, daß das Gros der I.W.W. das beste revolutionäre Material in Amerika darstellt.
 

IV.

Die ersten drei Wirkungsjahre der I.W.W. waren eine Periode schnellen Wachstums und zahlreicher Ausstände, von denen manche gewonnen, viele verloren wurden, die aber sämtlich durch die neue Taktik der Massenaktion und das Hineinziehen von neuen breiten Arbeiterschichten — der ungelernten Arbeiter und der Einwanderer — in den offenen Klassenkampf gekennzeichnet werden. 1907 entbrannte der große Goldfield Streik, der sich über die ganze Stadt erstreckte; es war der erste bedeutungsvolle Generalstreik in einer Stadt Amerikas. Im selben Jahr fand in McKee's Rocks ein Ausstand der Stahlarbeiter statt. Dieser Streik war der erste Versuch, den die I.W.W. im Osten unternahm; es war ihr erster Versuch, die eingewanderten Arbeiter zu organisieren und Leute verschiedener Rasse und Sprache zum Niederlegen der Arbeit in den Fabriken zu veranlassen. Inzwischen hatte die A. F. of&#nbsp;L. ihren Einfluß auf die Stahlindustrie verloren. Aber obgleich die I.W.W. von der A. F. of. L. auf das heftigste bekämpft wurde, machte sie keine Anstalten, mit den Fachverbänden zu wetteifern. Die I.W.W. organisierte solche Arbeiter, wie die auswärtigen Einwanderern, mit denen die A. F. of. L. nichts zu schaffen haben wollte. Zudem macht die I.W.W. während eines Streiks nicht den geringsten Unterschied zwischen Mitgliedern, organisierten oder unorganisierten Arbeitern, sie betrachtet alle Arbeiter als Proletarier, als Waffenbrüder im Klassenkampf.

Der Streik in McKee's Bocks war der erste große Streik in Amerika, der auf industrieller Grundlage geführt wurde; es war der erste Ausstand, an dem die eingewanderten Arbeiter sich als organisierte Kraft beteiligten. Unterstützt von den Pennsylvanischen Staatskonstablern, die die Arbeiter mit ihren Gewehren niederknallten, griff der Stahltrust zu den grausamsten Mitteln, um den Streik zu brechen. Die Führer der I.W.W. aber antworteten darauf mit der Drohung, daß sie für jeden getöteten Ausständigen drei Schutzleute niedermachen würden, und sie führten ihre Drohung auch tatsächlich aus. Obgleich der Streik mißlang, trug er doch erheblich dazu bei, die Arbeiter im ganzen Lande aufzurütteln. Die I.W.W. erklärte auf das nachdrücklichste, daß die halbqualifizierten und die ungelernten Arbeiter von ebensolcher Bedeutung für die Arbeiterbewegung seien wie die qualifizierten Arbeiter.

Im inneren der Organisation aber ging ein Kampf vor sich, bei dem es sich darum handelte, ob man bei „industrieller“ Aktion bleiben, oder auch zur „politischen“, d. h. parlamentarischen Aktion schreiten sollte. Der Streit fand seine Lösung auf der Konferenz von 1908; der Satz in den Statuten, der den Zusammenschluß der Arbeiter nicht nur auf industriellem sondern auch auf politischem Gebiet befürwortete, wurde gestrichen. Daniel de Leon war genötigt, die Konferenz zu verlassen, da das Beglaubigungskomitee ihm einen Platz verweigerte. Auf dieser Konferenz wurde die Grunddoktrin der I.W.W., daß der Kapitalismus durch Besitzergreifung der Industrie durch die organisierten Arbeiter gestürzt werden müsse, endgültig formuliert.

Tatsächlich aber haben die I.W.W. die „politische Aktion“ nie ausdrücklich verworfen. Es hat stets viele Mitglieder der I.W.W. gegeben, die sich aktiv an politischen Parteien beteiligten, unter ihnen Haywood, der 1912 Mitglied des Nationalen Vollzugsausschusses der Sozialistischen Partei war.

Das Vorgehen der Sozialistischen Partei, die 1912 den Industrialismus und die außerparlamentarische Aktion als Mittel zum Sturz des Kapitalismus verwarf, trieb die I.W.W. dazu, sich endgültig in das industrielle Lager zurückzuziehen. Die Partei unterstützte die A. F. of&#nbsp;L. und die Fachverbände in der Absicht, durch Einsetzung von Sozialisten als Verbandsfunktionäre sich der Verbünde zu bemächtigen. Allein sie erzielte genau das Gegenteil, denn die A. F. of&#nbsp;L. bemächtigte sich der Partei.

Nach dem Sieg der Industriellen traten viele Elemente aus der I.W.W. aus. De Leon und seine Anhänger nannten ihre Organisation nach wie vor die I.W.W. (Detroiter Gruppe). Sie hielten die ursprünglichen Grundsätze der Organisation aulrecht, doch wurde ihre Gruppe immer schwächer und kleiner, bis sie zu dem Internationalen Industrieverband der Arbeiter (Workers' International Industrial Union) zusammenschmolz, der fast gar keine Rolle in der Arbeiterbewegung spielt. Im darauffolgenden Jahr entzog der von Mayer geführte rechte Flügel der Grubenarbeiterföderation des Westens (Western Federation of Miners) der I.W.W. seine Unterstützung und schloß sich endgültig der A. F. of&#nbsp;L. an. Die besten Elemente der Grubenarbeiter aber blieben in der I.W.W., deren Einfluß sich jetzt tatsächlich auf die gesamte Metallbergwerkindustrie erstreckt.

Die Spaltung war ein schwerer Schlag für die I.W.W. Anderseits aber tauchten neue Persönlichkeiten in der Organisation auf, wie z. B. Vinzent St. John, der jahrelang Generalsekretär der I.W.W. war und Joe Ettor, ein Italiener, der sich als Streikführer und Organisator hervortat.

In den darauffolgenden zwei Jahren setzte in der von der I.W.W. geführten Streikbewegung eine Ebbe ein. Dagegen aber betätigte sich die Organisation in einer neuen Weise, in dem sogenannten „Kampf um die Wortfreiheit“, der in anderen Ländern ganz unbekannt ist. Der Kampf äußerte sich in folgender Weise: wurde ein Organisator der I.W.W. wegen einer Rede unter freiem Himmel verhaftet, so setzte er die nächstliegenden Ortsorganisationen davon in Kenntnis. Die Nachricht wurde weitergegeben, und auf den Dächern der Frachtwagen kamen „Mitarbeiter“ von allen Teilen des Landes gefahren, versammelten sich zu Tausenden und drangen einer barbarischen Invasion gleich in die Unglücksstadt ein. Darauf machten sie sich daran, in den Straßen Reden zu halten; sobald ein Redner verhaftet wurde, trat ein neuer Redner auf, der wiederum von anderen ersetzt wurde. Ohne irgend welche Gewalt zu üben, fuhren sie fort, Reden zu halten und sich verhaften zu lassen. Schon waren die Gefängnisse überfüllt, aber es kamen immer wieder neue Redner, bis die Behörden ratlos dastanden und die Waffen strecken mußten. Hatten die Mitarbeiter der I.W.W. ihr Spiel gewonnen und die „Redefreiheit“ in der betreffenden Stadt gesichert, so verschwanden sie ebenso rasch wie sie gekommen waren, meistens um sich zu einem anderen „Kampf um die Wortfreiheit“ etwa 2000 Kilometer weiter zu begeben.

Dieser eigentümliche Kleinkrieg dauerte von 1907, als in Spokane (Staat Washington) der erste „Kampf um die Wortfreiheit“ geführt wurde, bis zum Jahre 1917. Hunderte solcher Kämpfe wurden ausgefochten — in Missoula, Staat Montana; in Portland, Staat Oregon; in Denver, in Kansas City, Sioux City, St. Louis, Tacoma, ja fast in allen Ländern des Westens. Im ganzen Westen genügte die Schreckensbotschaft, daß die I.W.W. unterwegs waren, um die Stadt zur Toleranz zu bewegen. Es ging bei diesen Kämpfen aber keineswegs ohne Blutvergießen ab. Die Verhafteten wurden in den Gefängnissen geschlagen, bis sie starben; in San Diego schlugen die Polizei, die Feuerwehrleute und bürgerliche Freiwillige Dutzende von Mitgliedern der I.W.W. zu Krüppeln, töteten mehrere und mißhandelten andere mit glühendem Eisen. In dem letzten „Kampf um die Wortfreiheit“ in Everett (Staat Washington), wo die I.W.W. die Holzfäller organisierten, eröffneten die Sheriffs und eine Bande von Schützen des Holztrusts Feuer auf ein ganzes Dampfboot voll Mitarbeiter der f. W. W., das sich der Stadt näherte. Fünf Mann aus der Organisation wurden getötet, viele verwundet; die übrigen wurden des Mordes angeklagt.

Im Jahre 1911 führte die I.W.W. einen großen Streikkampf in den Holzfälleransiedlungen im Süden. Dieses Gebiet, die Wälder von Louisiana, wird unter einem despotischen Regime ausgebeutet. Die unglücklichen Arbeiter, Weiße und Neger, führen in diesen von hohen Mauern umgebenen und von bewaffneter Mannschaft bewachten Städten, die völlig Eigentum der Aktiengesellschaft sind, ein jämmerliches Hungerdasein. Der Streik wuchs sich zu einem offenen bewaffneten Kampf aus. Viele Arbeiter wurden gelötet, 37 Mann wurden wegen angeblich verübten Mordes zu gerichtlicher Verantwortung gezogen. Der Ausstand endete mit gänzlichem Mißerfolg; die Arbeiterorganisation in dem südlichen Waldgebiet wurde gänzlich zugrunde gerichtet. Von Bedeutung aber ist die Tatsache, daß in diesem Streik zum ersten Male Weiße und Neger zusammen gegen die Arbeitgeber vorgingen.

im Jahre 1912 traten die äußerst schlecht bezahlten, hungernden Textilarbeiter in Lawrence (Staat Massachusetts) in den Ausstand und wandten sich an die I.W.W. mit der Bitte, sie zu führen. Darauf bot die A. F. of&#nbsp;L. der Polizei sofort ihre Dienste an, um die I.W.W. aus der Stadt vertreiben zu helfen. Einunddreißig Nationalitäten gingen im Streik von Lawrence wie ein Mann vor. Zahlreiche Organisatoren durchreisten ganz Neuengland und legten die gesamte Industrie lahm. Die I.W.W. ließen es sich angelegen sein, sorgfältig vorbereitete dramatische Episoden zu veranstalten; so z. B. sandten sie die hungernden Kinder der Ausständigen nach Boston und New York. Dank den Methoden, die die Ausständigen anwandten, wurde das ganze Land durch den Streik aufgerüttelt; die öffentliche Meinung war auf Seiten der Ausständigen; die gesamte Arbeiterschaft Amerikas horchte bei der einem Wirbelwind gleichen Massentaktik der I.W.W. auf. Die Arbeiter gewannen einen glänzenden Sieg und sicherten sich die größte Lohnzulage, die ein Streik in Amerika je erzielte.

Im darauffolgenden Jahr brach der nicht minder große Streik der Seidenweber in Paterson aus. Aber dieses Mal waren die Kapitalisten vorbereitet. Sieben Monate lang hielten die 25 000 Ausständigen aus, dann jedoch trieb der Hunger sie in die Fabriken zurück. Zum mindesten aber waren durch den Streik die Solidarität der zahlreichen Nationalitäten und die Kraft der Massemaktion der I.W.W. bewiesen worden.

Ein Ausstand, an dem die I.W.W. teilnimmt, läßt sich etwa folgendermaßen beschreiben. Die Arbeiter sind unzufrieden. Entweder sind sie nicht organisiert oder aber ihr Verband will ihre Forderungen nicht unterstützen. Ein unvorbereiteter Streik bricht aus, und die I.W.W. wird gebeten, die Führung zu übernehmen. Ob Verband oder nicht, die I.W.W. macht keinen Unterschied, denn ihr Ziel ist es, die gesamte Industrie zu unterbinden. Andere Arbeiter werden zu einem Sympathiestreik aufgefordert. Durch Reden, Demonstrationen und Aufstellung zahlreicher Streikposten — eine Taktik, die häufig zu Zusammenstößen mit der Polizei führt — werden die Massen in ständiger Bewegung erhalten. Inzwischen erziehen die Führer die Ausständigen in revolutionärem Sinne, überzeugen sie von der Notwendigkeit, den Kapitalismus zu stürzen und befürworten den „ständigen Streik“. Das will etwa heißen: „Das ist kein Streik um Lohnerhöhung. Haben wir diesen Ausstand gewonnen, so werden wir aber- und abermals streiken, bis die Kapitalisten endgültig zu Grunde gerichtet sind und die Arbeiter die gesamte Industrie in ihre Hände nehmen.“

Die I.W.W. ist dagegen, daß Streikfonds gesammelt und jedes Hervortreten sorgfältig vorbereitet werde. Sie ist der Ansicht, daß überhaupt keine Kontrakte oder sonstige Abmachungen mit den Unternehmern abgeschlossen werden sollen. Die Arbeiterklasse muß eben frei sein zu streiken, sobald die Gelegenheit es erfordert.

Jedoch trotz der großen Ausstände, von denen viele mit einem Sieg für die Arbeiter endeten, war die I.W.W. außerstande, sich in den Industrieunternehmungen des Ostens zu behaupten. Kaum sechs Monate nach dem siegreichen Streik von Lawrence z. B. war die Organisation der I.W.W. aus der Stadt verschwunden. Dasselbe war in Paterson der Fall. Von allen Angriffen auf die Fabrikunternehmen, von allen großen Ausständen im Osten ist kaum ein Skelett der Organisation nachgeblieben, das von dem Geschehen erzählen könnte.

Woran liegt das? Ist es einem Fehler in der Organisation zuzuschreiben? Eignet die I.W.W. sich nicht dazu, das Fabrikproletariat zu organisieren? Oder liegt es daran, daß die I.W.W. als Kampforganisation, nicht aber als ständige Organisation gedacht ist? Nein. Die Kapitalisten hassen und fürchten gar bitterlich dieses Heer von unermüdlichen Unruhestiftern, die es auf die Vernichtung des Kapitals abgesehen haben und nicht dazu zu bringen sind, einen Waffenstillstand im Klassenkampf zu unterzeichnen. In einem wohlgeordneten industriellen Zentrum hält es verhältnismäßig leicht, eine derartige Organisation zu zerstören, ihre Mitglieder zu entlassen und in die Proskriptionslisten einzutragen. Ueberdies werden die Streiks der I.W.W. gewöhnlich vermittels großer Massen geistig unentwickelter Arbeiter durchgeführt, die, wenn sie nicht von der Begeisterung der Klassenbewegung mitgezogen werden, in ihre frühere Apathie zurückfallen.
 

V.

Auf der 1912 abgehaltenen Konferenz kam es in der I.W.W. zu einer >Krise, die sich schon seit langem angedeutet hatte, nämlich zu einem Kampf zwischen Zentralisation und Dezentralisation. Die Organisation hatte sich noch kaum von den Folgen der 1908 erfolgten Spaltung zwischen den „Industrialisten“ und den „politischen Aktionisten“ erholt, sodaß der Kampf zwischen den beiden neuen Gruppen die I.W.W. beinahe vernichtet hätte.

Der Individualismus der über weite Landstrecken verstreuten, jeder fernen Autorität mißtrauenden Mitglieder aus dem Westen war durch den Eintritt zahlreicher Anarchisten in die Organisation und durch das Umsichgreifen syndikalistischer Ideen in Amerika noch verstärkt worden. Die Dezentralisten forderten, daß die Generalleitung der Organisation aufgehoben und ein System von lose zusammengefügten Ortsverbänden geschaffen werde, da nur die Arbeiter der betreffenden Gegenden mit den örtlichen Bedingungen bekannt seien. Ferner forderten sie für die Ortsorganisationen das Recht, ihre eigene Presse zu besitzen, Gelder zu sammeln und zu verausgaben usw.

Diese Politik war von derart vernichtender Wirkung, daß Hunderte der besten, erfahrensten Mitglieder der Organisation empört waren und die großen Industrieverbände einen schweren Schlag erlitten. Auf der Konferenz jedoch wurden die „Dezentralisten“ nach hartem Kampfe geschlagen. Sie verließen die I.W.W. zu Tausenden, um erst in der Periode der großen Kämpfe, die dem Krieg vorangingen, in die Organisation zurückzukehren.

Die Konferenz von 1916, die zu einer Zeit abgehalten wurde, als die besten und tätigsten Mitglieder, Führer und Organisatoren sämtlich hinter Schloß und Riegel saßen, verhalf den „Dezentralisten“ wiederum zum Siege. Jedoch wurde den Beschlüssen dieser Konferenz fast gar keine Beachtung geschenkt, und die „Dezentralisten“ bilden jetzt eine Minderheit.

Die jetzige Form und Organisation der I.W.W. wurden auf der Konferenz vom Jahre 1916 endgültig festgelegt. Die I.W.W. bestehen aus Verbänden, die auf der Grundlage der Industriezweige aufgebaut sind, wobei jeder Arbeiter in dem betreffenden Industriezweig, unabhängig von seinem Fach oder seiner Arbeit, ein Mitglied des entsprechenden Industrieverbandes ist.

Außer dem allgemeinen Werbungsverband, der neue Mitglieder aufnimmt und in die Industrieverbände verteilt, sowie die Arbeiter organisiert, in deren Industriezweig noch kein Verband besteht, gehören gegenwärtig siebzehn Industrieverbände der I.W.W. an und zwar: