Karl Renner

Klarheit im Gewerkschaftsstreit!

(1. April 1911)


Der Kampf, Jg. 4 7. Heft, 1. April 1911, S. 293–297.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Die Entscheidung ist gefallen: Die Reichskonferenz der Zentralverbände der österreichischen Gewerkschaften hat die so lange hinausgezögerten Vorschläge der tschechischen Separatisten geprüft und verworfen, sie hat die Verhandlungen als nutzlos abgebrochen. Nicht ohne Bedauern und Sorge sieht wohl die Internationale der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Oesterreichs einen so grossen Bruchteil des tschechischen Proletariats, mit dem sie durch Jahrzehnte in voller Gemeinschaft ihre politischen und wirtschaftlichen Kämpfe geführt, mit dem vereint sie so viele Jahrzehnte gelitten und so viele Siege erstritten hat, den gemeinsamen Weg verlassen und in die Irre gehen. Trotz aller Enttäuschung, trotz aller angetanen Unbill und Schädigung besitzt die österreichische Arbeiterschaft Besonnenheit und Selbstachtung genug, dem langjährigen Gefährten heute, da er zu seinem eigenen Unheil irrt, nicht Schimpf und Hass nachzusenden. Sie ist zu gut geschult, als dass sie ihrem Bedauern nur mit moralischen Schuldsprüchen gegen einzelne Personen oder ihr Gefolge Luft machen wollte. Sind doch auch sie die Produkte und Opfer jener unglückseligen Verhältnisse, die man im allgemeinen die österreichische Misere und im besonderen die sinnlose politische Ueberreizung der tschechischen Nation nennt.

Aber ungeachtet dieser schmerzvollen Enttäuschung begrüssen wohl alle internationalen Arbeiter Oesterreichs den Beschluss der Gewerkschaftskonferenz als eine Erlösung aus unhaltbar gewordenen Zuständen. Endlich ist Klarheit geschaffen, endlich ist dem Beschluss des Kopenhagener Kongresses, dem Votum von dreissig Nationen Rechnung getragen, die sich mit 222 gegen die 5 Stimmen der tschechischen Separatisten für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung ausgesprochen haben. Es waren unser nicht wenige, welche sofort nach Kopenhagen den bedingungslosen Vollzug der Weisungen unserer höchsten Instanz gefordert haben, die einen, weil sie auf Grund der behaupteten genauen Kenntnis der Stimmungen unter den Separatisten alles Verhandeln als verlorene Mühe ansahen, die anderen, weil ihnen das Prinzip der Internationalität und die Entscheidung der Internationale zu hoch und heilig für jedes Kompromiss galt, wieder andere, weil sie der Ansicht waren, dass man den Irrenden eher zurecht führt am Anfang des Abwegs als mitten auf demselben. Sie alle haben die Genugtuung, dass nunmehr der allen tschechischen Ableugnungen zum Trotz unbeeinflusste, freie Entschluss des Weltparlaments der Arbeit voll zur Geltung kommt, sie alle haben sich heute wohl dahin bekehrt, dass die Friedensverhandlungen eine parteipolitische Notwendigkeit waren. Dagegen beweist ihr Scheitern nicht das mindeste. Denn kein Mann von Verantwortung kann und darf, solange nicht das letzte erträgliche Auskunftsmittel erschöpft ist, die Brüchen abbrechen und die Heerlager auseinanderreissen, die in jahrzehntelangem Kriege ineinander verwachsen sind, mit dem leichtfertigen Worte: Verhängnis, nimm deinen Lauf! Seit dem Hainfelder Parteitag marschieren die Proletarier Oesterreichs politisch und gewerkschaftlich in einer Reihe. Nicht politisch, aber gewerkschaftlich sind wir jetzt hinter Hainfeld zurückgeworfen und wir Jüngeren dürfen es schon glauben, dass die Männer aus den Tagen von Hainfeld ebenso umsichtig und gewissenhaft sich zum Verhandeln entschlossen, wie die Verhandlungen abgebrochen haben.

Heute aber ist die Parole klar gegeben: Zurück auf Kopenhagen! Partei und Gewerkschaft müssen diese denkwürdigen Debatten und Resolutionen der Arbeiterschaft in Erinnerung bringen, in ihrem Denken verankern und ihrem proletarischen Gewissen einverleiben. Die ernsten und tiefen Argumente Plechanows, die schlichten, ergreifenden Worte Greulichs über das Lebensgebot proletarischer Kampfgemeinschaft sollen nicht mit dem Tage untergegangen sein, sie sollen auf- und fortleben in dem Tatwillen der internationalen Arbeiterschaft Oesterreichs!

Die letzten Vorschläge der tschechischen Separatisten sind wie ihre ersten das strikte Gegenteil dessen, was die ganze Welt unter dem Worte international versteht. Und doch glauben die meisten von ihnen, die echte Formel der Internationalität gefunden zu haben. Das Recht, für sich allein zu sein, das Recht auf ihr besonderes Ich, also gerade das, was alle Welt nationale Sonderung nennt, das heisst ihnen Verwirklichung der Internationale. Löset also das Rutenbündel, vereinzelt jeden Stab, dann ist der natürliche Verband zwischen den Stäben hergestellt! Das einigende Band, welches eben das Bündel ausmacht – das ist Behemmung, Knechtschaft, Sklaverei: Dieses Bild veranschaulicht die ganze Auffassung der Separatisten. Wir anderen aber wissen, dass die Uebermacht des Kapitals die gelösten Stöcke einzeln zerbricht, und verstehen unter Internationale eben die Pflicht, vereint zu handeln!

Freilich schlagen sie auch „gemeinsame Aktion“ vor, sprechen von „einheitlichem Vorgehen“ bei Lohnbewegungen und dergleichen. Aber wie stellen sie sich das vor? Sie übersenden Vorschläge „zur Regelung des gegenseitigen Verkehrs“, die wahrscheinlich ein Jurist nach den Lehren des Völkerrechts ausgearbeitet hat. Tschechische und internationale Gewerkschaften marschieren da auf wie zwei getrennte Grossmächte, die einander Botschaften schicken. Wenn das die rechte Internationalität ist, dann sind auch der russische Zar und der deutsche Kaiser durch geregelten gegenseitigen Verkehr verbunden und erlauchte Vorbilder der internationalen Gesinnung. Man sehe nur näher zu! Bei Lohnbewegungen suchen die zwei gewerkschaftlichen Grossmächte „das gegenseitige Einvernehmen“. Bei diesen Verhandlungen wird so gewissenhaft wie bei den Diplomaten das Recht des Vortritts geregelt. Soli ein Streikausschuss gebildet werden, so entsendet man nicht den Mann des allgemeinen Vertrauens, den Entschlossenen,. Klugen, Ernsten, sondern beginnt mit der Arithmetik, die Mitgliederlisten werden vorgewiesen, die Mitglieder gezählt und die zwei Grossmächte teilen die Zahl der befugten Vertreter ebenso verhältnismässig nach der Mitgliederzahl auf, wie dies mehrere Staaten etwa nach der Zahl der ins Feld gestellten Bajonette tun! Soll Krieg sein, so hat die eine Grossmacht der anderen dies rechtzeitig anzumelden, worauf wohl die zwei Arbeiterschaften getrennt beraten, ob der Casus foederis, der Bundesfall, gegeben ist oder nicht – wenn beide ja sagen, dann gemeinsamer Krieg gegen die dritte Grossmacht Kapital, wenn eine ja, die andere aber nein sagt, dann Krieg zwischen den beiden Grossmächten selbst wegen Verrates an der Bundespflicht. Ein häufiger völkerrechtlicher Fall, von dem jedoch die separatistischen Vorschläge schweigen.

Bei grossen Streiks, wo die höchste Einheitlichkeit und Raschheit nottut, tritt wieder die Rechenkunst in Tätigkeit. Jede beteiligte Branche schickt zwei Vertreter, macht vier, sechs, acht, zehn Mitglieder, wovon je ein Tscheche und je ein Internationaler. (Komischerweise bezeichnen die Vorschläge die Separatisten als „Tschechen“, die Internationalen im Gegensatz dazu als „Oesterreicher“.) Hierzu addiere zwei Mitglieder der separatistischen Kommission und noch zwei der „österreichischen“ Kommission und der Ausschuss ist fertig!

Welch eine sonderbare Konfusion! Die Internationalen reden vom Krieg und seinen Notdürften, die Separatisten von der Addition und Proportion! Der Lohnkampf ist nicht das solidarische Ringen um Existenz und Freiheit, sondern ein Rechenexempel!

Und die kämpfenden Arbeiter sollen ihre Organisation aufbauen mit einem Hand" buch des österreichischen Staatsrechtes in Händen, sie sollen erst in ihren Ortsgruppen festsetzen, ob am Orte einsprachiges oder gemischtsprachiges Gebiet ist – eine Frage, die heute für kein einziges Sprachgebiet entschieden ist! Also wäre die endgültige Erledigung der nationalen Streitfragen Oesterreichs die Vorbedingung dafür, dass sich die Schuhmacher Mährens eine kampffähige Organisation wider ihre Ausbeuter schaffen!

Wenn zwei Staaten in dauernder Interessengemeinschaft stehen, schliessen sie nicht bloss Verträge, sondern Bündnisse. So bestand früher zwischen Ungarn und Oesterreich ein Handelsbündnis und besteht jetzt wenigstens ein Zoll- und Handelsvertrag. Nur in der Zeit von Szell-Koerber bis Beck-Weckerle, also in der Konfliktszeit, half man sich notdürftig mit blosser Reziprozität, mit blosser Gegenseitigkeit fort, ein Zustand, der das ganze Wirtschaftsleben lähmte. Die Separatisten schlagen vor, dass dem Bedürfnis entsprechend zwischen den gewerkschaftlichen Grossmächten Gegenseitigkeitsverträge abgeschlossen werden!

Ueberhaupt haben die staatsrechtlichen Querelen der Ungarn, der ganze Widersinn des Dualismus bei den Separatisten Schule gemacht, sie konstruieren das Verhältnis zwischen der tschechischen und österreichischen Gewerkschaftsgrossmacht genau nach dem Muster des Dualismus, nur noch verschärft: Es gibt nicht einmal drei gemeinsame Minister, sondern drei Prager und drei Wiener Kommissionsmitglieder bilden den gemeinsamen Ausschuss, der nicht ständig ist, sondern wie die Delegationen nach Bedarf Zusammentritt. Man stelle sich die Monarchie mit zwei auswärtigen, zwei Kriegs- und zwei Reichsfinanzministern vor, von denen je einer Oesterreicher, einer Ungar ist! Die zwei Gewerkschaftsgrossmächte zahlen auch je eine Quote, welche zunächst in Wien und in Prag (Budapest) getrennt eingesammelt werden. Aber dann werden sie nicht zuhanden eines gemeinsamen Finanzministers abgeführt, sondern getrennt verwaltet. Die zwei Finanzminister tauschen bloss „gegenseitig“ die Ausweise und arbeiten eine gemeinsame Bilanz aus, offenbar, damit doch wenigstens auf einem Blatt Papier die Summen zusammenkommen, als sichtbares Zeichen dafür, dass die Internationalität bloss Papier und blosse Addition sein soll! Und Unterstützung aus diesem Fonds wird nicht nach Bedürfnis, nach dem Herzen, nach dem Gebot der Solidarität, sondern mit dem Rechenstift in der Hand, nach der Quote gewährt!

Solche Verheerungen vermag der staatsrechtliche Jammer Oesterreich-Ungarns in den Gehirnen anzurichten, so sehr hat der vereinigte magyarische und tschechische Nationalismus das Denken der Separatisten gefangen genommen, dass sie von allen seinen Denk- und Rechtsformen unbewusst und daher sklavisch beherrscht sind! Diese ganze Misere wollen sie, im besten Glauben, dass das Demokratie und Gerechtigkeit sei, in die proletarische Organisation hineintragen! Solche Zerstückung des lebendigen Körpers des österreichischen Proletariats nennt ihre Salomonische Weisheit „Autonomie“!

Die tschechischen Separatisten unterscheiden ihre tschechischen von den österreichischen Gewerkschaftsverbänden, sie nennen die anderen Oesterreicher; aber in Wahrheit sind sie die absoluten geistigen Sklaven dieser österreichischen Jämmerlichkeit. Man weiss nicht, wie gründlich sie sich um diese Formeln bemüht haben, und doch hätten sie sich s einfach machen können. Sie hätten bloss sagen brauchen: Für den Verkehr zwischen den tschechischen und sonstigen Gewerkschaften gelten die Regeln des Völkerrechts. für ihre gemeinsamen Institutionen gilt der Siebenundsechziger Ausgleich. Basware klug und in vielen Punkten besser gewesen!

Was sonst in der Welt Demokratie ist, davon haben sie keine Ahnung, sonst wäre ihnen wohl die Grundregel der englischen Demokratie einmal aufgestossen: Wer direkt mitleidet oder mitgewinnt, zahlt, verwaltet und geniesst direkt mit. Ins Proletarische übersetzt heisst das: Wer mit mir arbeitet, organisiert sich, zahlt und verwaltet mit mir. Und umgekehrt: Wer sich nicht mit mir organisiert, hat kein Recht, mit mir zu arbeiten, weil er sich herausnimmt, die von mir erstrittenen Arbeitsverhältnisse mitzugeniessen ohne eigenes Opfer. So fordert gerade die Demokratie und die Gerechtigkeit gebieterisch die Solidarität, deren absolutes Gegenteil eben die Separation ist. An diesem Sachverhalt ändert die Tatsache, dass diejenigen, die miteinander arbeiten, verschiedener Sprache sind, nicht das mindeste. Denn der Gewerkschaftskampf bezieht sich auf die schaffende Hand und den hungernden Magen, nicht auf die redende Zunge. Die Solidarität aber erfordert nicht blosse Addition, sondern organische Gemeinschaft.

Sie bekümmern sich nicht im geringsten darum, was sonst in der Welt „Autonomie“ genannt wird. Autonomie ist Untergliederung eines einheitlichen Ganzen. Sie setzen an Stelle derselben die volle Selbstherrlichkeit, die Souveränetät, und. belügen sich selbst damit, dass sie sich doch bereit erklären, mit den anderen Verträge zu schliessen; aber schliessen der Zar und der Mikado von Japan nicht auch Verträge miteinander? Wie aber, wenn kein Vertrag zustandekommt? Wer sorgt dann für die Einheit der Aktion? Wer verhindert den Kampf? Wo ist dann für den Fall des Streites nur ein Schiedsgericht mit zwingender Autorität vorgesehen? Wer das heutige Völkerrecht kennt, wird zugestehen, dass die Separatisten sich nicht einmal zu jener Höhe internationaler Gesinnung theoretisch und praktisch emporgearbeitet haben, wie sie die bürgerlichen Friedensfreunde hegen.

Aber ist es nicht eine offenbare Fiktion, ja pure Selbstverhöhnung der tschechischen Arbeiterschaft, ihr einreden zu wollen, dass sie völkerrechtliche Souveränität in wirtschaftlichen Dingen habe, während jeder einzelne tschechische Proletarier faktisch ebenso Sklave der Maschine und des Pfluges ist wie der deutsche oder polnische Arbeiter, der mit ihm arbeitet!

Miteinander arbeiten – das gilt nicht nur für die einzelne Werkstatt. An einem und demselben Dreadnought werden die Arbeiter der Skodawerke, von Witkowitz, von Donawitz und vom Stabilimento in Triest mitarbeiten und in einem und demselben Kassenschrank sind heute in der Regel Aktien all dieser Unternehmungen vereinigt, ob der Schrank in der Živnostenska banka oder in der Bodenkreditanstalt oder in einer Triester Bank steht. Lasset die passive Resistenz der Postbediensteten in Triest scheitern und die Postbediensteten in Prag werden den Druck mitspüren. Natürlich – das sind Binsenwahrheiten! Aber leider ist es auch eine ganz neue, unerwartete und unerhörte Wahrheit traurigster Art, dass eine so grosse, kampfbewährte, mit geschichtlichem Ruhm bedeckte Arbeitermasse, wie jene der Separatisten, diese alte, bewährte, einfache Wahrheit um nationaler Seifenblasen willen in den Wind zu schlagen bereit ist!

Und was nun? Ich weiss, in den Kreisen der internationalen Gewerkschafter [1] hat das Vorgehen der Separatisten Schmerz und Entrüstung hervorgerufen und diese Empfindungen ringen nach Ausdruck. Die erste Reaktion auf jeden Schlag ist automatisch das Ausholen zum Gegenschlag und niemand darf es wundernehmen, dass der Ruf nach Massregeln laut wurde.

Temperament ist eine grosse Gnade, es hält uns auf dem Marsche warm, aber ein guter Kompass für die Wegrichtung ist es nicht. Einer der grössten Vorteile der vielmonatigen Verhandlungen ist, dass allen, den Internationalen wie den Separatisten, die rauchenden Köpfe inzwischen kühl geworden sind.

Fragen wir uns doch, vzas alle Leidenschaft vermöchte, welche Massregeln uns zu Gebote stünden? Plechanow hat in Kopenhagen erschöpfend ausgeführt:

„Es ist selbstverständlich, dass, wenn sie (die Separatisten) trotzdem auf demselben Wege weiterschreiten sollten, wir keine Zwangsmittel gegen sie haben. Wir haben keine Polizei, keine Bajonette zur Verfügung, um sie zu zwingen; aber wir verfügen über eine grössere Macht als es die Bajonette sind: über die ganze moralische Macht der Internationale. Diese Macht ist heute so gross, dass keine Partei es wagen kann, sich ihr entgegenzusetzen. (Stürmischer Beifall.) Wenn sie gegen den Beschluss des Kongresses rebellieren sollten, so bin ich überzeugt, dass die tschechischen Proletarier selbst sich gegen ihre Taktik auflehnen würden.“

Alle Arbeiterorganisationen des Proletariats sind auf dem eigenen Entschluss jedes einzelnen aufgebaut, wir kennen und anerkennen keine Zwangsgenossenschaft und keine andere Waffe steht uns zu Gebote als Vernunft und Notwendigkeit. Die Notwendigkeit – das ist die Uebermacht des Kapitals, die die streitenden Brüder zusammenzwingen wird und muss; die Vernunft, das ist die Belehrung, die Propaganda, die zusammenführt. Der schwere Schlag für das österreichische Proletariat ist zugleich eine heilsame Schule: In dem tausendfachen Kleinkram des Tages geht uns ohnehin zu leicht die Besinnung auf unsere grossen Grundsätze verloren. Wohlan denn: Wir werden wieder vom Grund ausgehen, dem wir entwachsen sind. Ja, wir wollen nicht in einemfort an argentinisches Fleisch und Schiffsgeschütze denken. Lasset uns wieder vom Sozialismus reden! Lasset uns wieder von Brudergemeinschaft aller Ausgebeuteten sprechen! Ein Schicksalsschlag! Aber es ist schon einmal das Schicksal des Proletariats, immer wieder von neuem, immer fester zusammengehämmert zu werden durch leidvolle Erfahrung. Wir schwärmen manchmal aus – aber es deucht mich, dass der Schmied schon am Amboss steht!

Die Vorschläge der Separatisten mussten abgelehnt werden. Die Verhandlungen von Leitung zu Leitung sind beendet, die Einigung von oben herab ist gescheitert. Bis zu diesem Moment hatte jedermann Pflicht und Gründe, an sich zu halten. Von nun ab liegt die Entscheidung an den Arbeitern selbst, wir haben und kennen keine andere Instanz. Die lebendige Wahrheit, die wirkende Realität des Internationalismus wird ihre Kraft zu erweisen haben: Bei uns Deutschen gegen den separatistischen Nationalismus, der ausserhalb der Partei steht, bei den Tschechen gegen den nationalen Separatismus in der Partei. Die ökonomische Notwendigkeit, die Solidarität der Massen selbst werden uns zusammenführen. Sie sollen nunmehr das Wort haben! Da die Partei vor der deklarierten Krisis des Separatismus theoretisch und praktisch steht, ist jeder Aufschub blosse Zeitversäumnis, jede Beschönigung blosse Verlängerung der Unklarheit. Je früher, je entschlossener wir in den Strom hineinsteigen, um so eher sind wir hindurch. Aussprechen, was ist, und das Uebel bei den Hörnern fassen, ist nunmehr die beste Taktik.

* * *

Anmerkung

1. Ich sage mit Absicht Internationale statt Zentralisten. Der Ausdruck Separatisten ist richtig, ganz falsch aber ist die Anwendung des Wortes Zentralisten. Die Wiener Gewerkschaftskommission war zu jeder Form der Dezentralisation, zu territorialer wie nationaler, bereit, solange nur die Einheit (die Union) verbürgt war. Um den Leser nicht mit staatsrechtlichen Unterscheidungen zu behelligen, mag eine Erörterung der Gegensätze – Union, Separation, Zentralisation und Dezentralisation unterbleiben. Ich weise nur darauf hin, dass sowohl Frankreich wie England (ohne Irland und Schottland) absolute Einheitsstaaten, also völlig uniert sind, woran niemand zweifelt. Trotzdem aber weist Frankreich die höchste Zentralisation, England die höchste Dezentralisation auf. Die Separatisten gebrauchen das Wort Zentralisten bloss, um sich selbst über ihren Irrtum hinwegzutäuschen.


Zuletzt aktualisiert am 6. April 2024