L. Sedov

Rotbuch über den Moskauer Prozess


Trotzkis „Verbindung“ mit den Angeklagten

Im Prozess wurden folgende Verbindungen Trotzkis mit den Angeklagten für erwiesen betrachtet

  1. Über Sedow mit Smirnow und Golzman. Mit Golzman unmittelbar in Kopenhagen.
     
  2. Über Sedow und durch direkten Briefwechsel mit Dreitzer.
     
  3. Mit Berman-Jurin und Fritz David.
     
  4. Über Sedow mit Olberg.
     
  5. Mit M. Lurie über Ruth Fischer-Maslow.

Um dem Leser zu helfen, sich in dieser Frage leichter zurechtzufinden, fügen wir ein Schema dieser Verbindungen bei. [1] Das Schema ist selbstverständlich auf Grund der Prozessangaben und nicht der Wirklichkeit gezeichnet.
 

Smirnow und Golzman

Am 5. August 1936, d.h. wenige Tage vor Beginn des Prozesses wurde auch I.N. Smirnow gebrochen. Bis dahin hatte er sich gehalten. Wyschinski erzählt, Smirnows „ganze Vernehmung ... bestand nur aus den Worten: Ich bestreite das, ich bestreite noch einmal, ich bestreite“. [2] Dann betrat auch er den Weg der falschen Geständnisse. Bei der Schilderung seiner Begegnung mit Sedow in Berlin sagt er:

„Im Verlauf unserer Unterredung brachte L. Sedow bei der Analyse der Lage in der Sowjetunion seine Meinung zum Ausdruck, dass unter den gegebenen Umständen nur der Weg der gewaltsamen Beseitigung der führenden Persönlichkeiten der KPdSU(B) und der Sowjetregierung zu einer Veränderung der allgemeinen Lage im Lande führen könne ...“ [3]

Doch dieses Falschzeugnis genügt Stalin nicht. Man verlangt von ihm „deutlichere“ Formulierungen. Es verstreicht noch eine Woche, eine Woche fürchterlicher moralischer Qualen, und am 13. August, am Vorabend der Unterzeichnung der Anklageschrift durch den Staatsanwalt, ergibt sich Smirnow endgültig.

„Ich gestehe, dass die Einstellung auf den Terror als die alleinige Maßnahme, die die Lage in der Sowjetunion verändern könnte, mir aus dem Gespräch mit Sedow im Jahre 1931 in Berlin als seine persönliche Einstellung bekannt war.“ [4]

An all dem ist selbstverständlich kein Wort wahr. Wahr ist lediglich, dass Sedow im Juli 1931 ganz zufällig im grossen Berliner Warenhaus „Kadewe“ I.N. Smirnow begegnet ist. I.N. Smirnow hat Sedow viele Jahre und nahe gekannt. Nach sekundenlanger Unschlüssigkeit erklärte sich I.N. Smirnow zu einer Zusammenkunft und einer Unterredung bereit. Die Begegnung kam zustande. Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass I.N. Smirnow bereits ziemlich lange in Berlin war, aber keinen Versuch gemacht hatte, mit der Opposition in Verbindung zu treten, und diesen Versuch auch nicht gemacht hätte, wäre nicht die zufällige Begegnung im „Kadewe“ gewesen. Diesen Umstand bestätigt indirekt auch der Prozessbericht, dem zufolge I.N. Smirnow im Mai 1931 in Berlin ankam. Sedows Begegnung mit Smirnow jedoch fand erst im Juli statt. (Wenn Smirnow, – wie die Anklage glauben machen will – zu dem bestimmten Zweck nach Berlin gereist wäre, mit Trotzki in Verbindung zu treten, so ist unverständlich, warum er, nachdem er im Mai angekommen war, gewartet hätte, d.h. zwei Monate verlor),

Die Gesprächspartner tauschten vor allen Dingen Informationen aus. Im Verlauf des Gesprächs wies I.N. Smirnow, ohne direkt auf die Frage seines Fortgangs von der Opposition einzugehen, mit Nachdruck darauf hin, dass zwischen ihm und L.D. Trotzki vor allem die Meinungsverschiedenheit bestehe, dass er, Smirnow, nicht L.D. Trotzkis Ansicht von der Notwendigkeit, in der USSR politische Arbeit zu leisten, teile. Smirnow wollte damit sozusagen seinen Fortgang von der Opposition rechtfertigen und erklären. I.N. Smirnow war der Ansicht, die gegenwärtigen Verhältnisse in der USSR erlaubten keinerlei Oppositionsarbeit, und auf jeden Fall müsse man einen Wechsel dieser Verhältnisse abwarten. Ein charakteristischer Zug: von der Opposition sprach Smirnow mit ihr – nicht wireuer Standpunkt, eure Genossen, usw. Smirnow erklärte im Besonderen kategorisch, ohne dass Sedow irgendetwas derartiges vorgeschlagen hätte, mit den Bolschewiki-Leninisten der USSR wolle und werde er keinesfalls in Verbindung treten. Es ist hier nicht der Ort, gegen Smirnows Standpunkt zu polemisieren, doch wie weit ist das alles entfernt vom „Terror“ oder von Trotzkis „Vertretung“ [5] in der USSR! In den politischen Fragen stellten die Gesprächspartner eine gewisse Nähe ihrer Anschauungen fest, wenn I.N. Smirnow das auch nicht kategorisch aussprach, und überhaupt an alle politischen Fragen eher betrachtend passiv heranging. Am Ende der Unterredung wurde nur ausgemacht, dass falls sich die Möglichkeit dazu bieten werde, I.N. Smirnow Nachrichten über die wirtschaftliche und politische Lage in der USSR übermitteln solle, mit deren Hilfe man sich hier im Auslande in den russischen Fragen richtiger orientieren könnte. Aber auch in dieser Beziehung übernahm I.N. Smirnow keinerlei Verpflichtungen. Lohnt es sich zu bestreiten, dass irgendwelche „terroristische“ Gespräche und „Instruktionen“ bestanden? Weisen wir beiläufig nur darauf hin, wie albern es ist, dass Sedow I.N. Smirnow, einem alten Bolschewik, einem der Bahnbrecher und Führer der Partei, der Sedows Vater hätte sein können. von sich aus persönlich „Instruktionen“ erteilt hätte. Doch übermittelte vielleicht Sedow „Instruktionen“ in Trotzkis Namen? Das hat Smirnow selber vor Gericht bestritten, kategorisch bestritten.

Die Begegnung war also eine ganz zufällige, halb persönliche, und lag jedenfalls außerhalb alter irgendwie gearteten Organisationsverbindungen. Das Hauptinteresse an dieser Begegnung war, einen unmittelbaren persönlichen Kontakt mit einem lebendigen, kürzlich aus der USSR gekommenen Menschen herzustellen. Zur Erfassung der Sowjetwirklichkeit waren solche persönlichen Begegnungen wertvoller als ein Dutzend ausgezeichneter Artikel.

Über ein Jahr lang war von I.N. Smirnow nichts zu hören. Es schien bereits, dass die zufällige Begegnung mit ihm kein Nachspiel haben würde, nicht einmal die Zusendung von ein paar kleinen Nachrichten.

Plötzlich aber, im Herbst 1932, suchte ein aus der USSR nach Berlin gereister Sowjetbeamter Sedow auf. Das war Golzman. Er teilte mit, I.N. Smirnow, dem er persönlich nahe stand, habe ihn, als er von seiner Dienstreise ins Ausland erfuhr, gebeten, in Berlin Sedow zu besuchen.

Golzman selbst war nie ein aktiver Oppositioneller gewesen, wenn er der Opposition auch sympathisch gegenüberstand. Er war ein ziemlich typischer Vertreter jener Schicht alter Bolschewiki, die in Oppositionskreisen „Liberale“ genannt wurden. Es waren ehrliche Leute, die mit der Opposition halb sympathisierten, aber zum Kampf gegen den stalinschen Apparat nicht imstande waren; sie waren es gewohnt, ihre Gedanken nicht offen auszusprechen, sich dem Apparat anzupassen, im engen Kreise zu brummen, und waren gern berett, einzelnen Oppositionellen, insbesondere Verbannten, diesen oder jenen Dienst zu erweisen. Golzman war nicht im Namen der Organisation der Linken Opposition gereist – er hatte mit ihr ebenso wie I.N. Smirnow gar keine Verbindung – noch im Namen irgendeiner anderen Gruppe, denn solche gab es nicht (umsoweniger im Namen eines „Zentrums“!), sondern persönlich im Namen I.N. Smirnows, auf den sich Golzman auch berief. Smirnow hatte ihn gebeten, Sedow zu erzählen, was in der USSR vorgehe und ihm einen kurzen Brief zu überbringen, der der wirtschaftlichen Lage der USSR gewidmet war. Dieser Brief ist in Form eines Artikels im russischen Bulletin der Opposition abgedruckt (Nr.31, November 1932) unter der Überschrift Die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion. Dieser Artikel enthielt viel Zahlen und Tatsachenmaterial und war rein informatorisch.

Das war das einzige Dokument, das Golzman mitbrachte. Im übrigen beschränkte er sich auf eine mündliche Schilderung der politischen Lage in der USSR, der Stimmungen usw. Auf Grund dieser Mitteilungen verfasste die Redaktion des „Bulletins“ eine Korrespondenz aus Moskau, die in derselben Nummer erschien (Nr.31).

Aus dem ganzen Charakter dieser Begegnungen geht ganz deutlich hervor, dass Golzman weder „Instruktionen“ noch Briefe erhielt, ja auch nicht erbat. Hätte er überhaupt irgendwelche Materialien mit in die USSR mitgenommen, so hätte es nur das „Bulletin“ sein können.

Seine Aufgabe erblickte er darin, Trotzkis Ansicht, sein Urteil insbesondere über die russischen Fragen eingehend kennen zu lernen, um sie dann Smirnow erzählen zu können.

Bald darauf fuhr Golzman in die USSR zurück. Nach Kopenhagen ist er nicht gefahren, und Trotzki hat er nicht gesehen (siehe diesbezüglich Näheres im Kapitel Kopenhagen).

Da aber die GPU mit dieser Zusammenkunft Golzman–Sedow nichts anfangen konnte, so zwang sie Golzman, Aussagen über einen Abstecher nach Kopenhagen zu machen, um der ganzen Anklage durch eine direkte Verbindung Golzmans mit Trotzki ein größeres Gewicht zu verleihen. Wir sahen bereits, wie jämmerlich dieser Versuch scheiterte.

Diese beiden Tatsachen, d.h. dass Smirnows und Golzmans Begegnungen mit Sedow wirklich stattgefunden hatten – sind die einzigen Wahrheitstropfen in dem Lügenmeer des Moskauer Prozesses. Die einzigen! Alles übrige ist Lüge, von Anfang bis Ende Lüge.

Doch was beweist die bloße Tatsache der Begegnung Smirnows und Golzmans mit Sedow? Sie beweist, dass Begegnungen stattfanden und weiter nichts.

* * *

Am 1. Januar 1933 wurde I.N. Smirnow verhaftet. Damals, vielleicht auch ein wenig eher, wurde auch Golzman verhaftet. Smirnow wurde vom GPU-Kollegium zu zehn Jahren Isolator verurteilt „wegen Verbindung mit der ausländischen Opposition.“ Stalin und die GPU wussten ohne Zweifel bereits damals, d.h. zu Beginn 1933, über alle Umstände der Begegnung zwischen I.N. Smirnow und Sedow Bescheid, denn I.N. Smirnow hatte nichts zu verheimlichen. Smirnow wurde allein verhaftet. Keiner von seinen engeren Freunden (Safonowa, Mratschkowski usw.) wurde verhaftet, einige wurden nur verbannt. Dies allein schon beweist, dass es die GPU – infolge der Untersuchung des Falles Smirnow – für erwiesen hielt, dass seine Verbindung „mit dem Ausland“ rein individuellen Charakter trug, dass um Smirnow keinerlei „Zentrum“ oder organisierte Gruppe bestand. Sonst wären die Verhaftungen viel ausgedehnter gewesen und zu Isolatorhaft würde nicht bloss Smirnow verurteilt worden sein.

Andererseits, wäre die „Verbindung“ mit Smirnow eine organisatorische gewesen, so hätte nach I.N. Smirnows Verhaftung diese Verbindung automatisch von jemand anderem übernommen werden müssen. Aus den gerichtlichen Angaben selbst aber geht mit aller Deutlichkeit hervor, dass die „Verbindung“ nur mit Smirnow bestand, und dass sie nach Smirnows Verhaftung abriss.

Das hinderte Stalin jedoch nicht, dreieinhalb Jahre nach Smirnows Verhaftung aus dieser unglückseligen Begegnung – die Smirnow bereits eine Verurteilung zu zehn Jahren Isolator gekostet hatte – eine neue Affäre zu konstruieren mit terroristischem Zentrum, terroristischer Aktivität, und – Smirnow zu erschießen.

* * *

In der Anklageschrift wird Golzmans Name nur ein einziges Mal, und zwar nur nebenbei, erwähnt. Er soll bei einem persönlichen Zusammentreffen von Trotzki Instruktionen erhalten haben. Im Verlauf des gesamten Prozesses wird von Golzman als von einem Empfänger der Terrorinstruktionen gesprochen. Im Prozess wird nicht ein einziges Mal gesagt, dass Golzman diese Instruktionen an Smirnow, dem einzigen Angeklagten, mit dem Golzman persönlich in Verbindung stand, übermittelt hätte. Golzman selbst bestritt kategorisch, „Instruktionen“ übermittelt zu haben. Als Überbringer der trotzkischen Terrorinstruktionen fungiert im Prozess nicht Golzman sonders J. Gawen, der die Terrorinstruktionen persönlich von Trotzki erhalten und I.N. Smirnow überbracht haben soll. Von Gawen als dem einzigen Überbringer der trotzkischen Terrorinstruktionen an das „Vereinigte Zentrum“ sprechen sowohl die Anklageschrift, wie Smirnow, Mratschkowski, Safonowa usw. in ihren Aussagen. Auch Staatsanwalt Wyschinski erwähnt ihn in seiner Anklagerede an die fünf-, sechsmal.

Dafür, dass Golzman Trotzkis Terrorinstruktionen überbrachte, gab es im Prozess keine einzige Aussage. Indes wurde der Fall Gawen aus unbekanntem Grunde „abgetrennt“ und er selbst nicht zum Prozess hinzugezogen, nicht einmal als Zeuge. Golzman aber ist erschossen worden auf Grund von „Instruktionen“, die er erhielt, aber niemandem weiterleitete. Gawen und nicht Golzman, das ist die Version, die den ganzen Prozess hindurch aufrechterhalten wurde.

Im Urteil aber steht es ganz genau umgekehrt. Gawens Name ist dort überhaupt nicht erwähnt; als Überbringer der Terroranweisungen Trotzkis ans Vereinigte Zentrum wird Golzman genannt. Dies Drunterunddrüber war die unausbleibliche Folge der groben und frechen Polizeimachination, die der Prozess darstellt.

Verlohnt es sich zu sagen, dass Trotzki durch Gawen ebensowenig wie durch irgendjemand anders Terrorinstruktionen übermittelte und Gawen im Ausland überhaupt nicht begegnet ist, ebensowenig wie irgendeinem anderen Angeklagten?
 

Trotzkis „Brief“ an Dreitzer

Bekanntlich verfügte die Anklage auf dem Prozess nicht über ein einziges echtes Schriftstück oder Schreiben. Um diese Lücke auszufällen, wurde in der Verhandlung, wenn auch aus dem Gedächtnis, so doch in Anführungsstrichen ein „Brief“ Trotzkis an Dreitzer und Mratschkowski zitiert, dessen Original selbstredend fehlt.

Diese Geschichte beginnt mit Dreitzers Reise nach Berlin (Herbst 1931); dort traf dieser „in einem Café in der Leipzigerstrasse zweimal mit Sedow, dem Sohn Trotzkis, zusammen. Sedow sagte ihm damals, dass Trotzkis Direktiven später geschickt werden“. [6]

All das ist reinste Erfindung. Sedow hat Dreitzer in Berlin nicht nur überhaupt niemals getroffen, sondern sie haben einander persönlich auch gar nicht gekannt. (Für Berlin-Kenner sei es in Klammern bemerkt, dass Cafés in der Leipzigerstrasse kaum ein geeigneter Ort für konspirative Zusammenkünfte sind.)

Die oben zitierten drei Zeilen sind alles, was Dreitzer über seine berliner Zusammenkünfte erzählt. „Instruktionen“ gab es keine. Gespräche über Terror ebenfalls nicht. Wozu, fragt man sich dann, musste die GPU Dreitzer auf Rendezvous nach Berlin „schicken“? Das werden wir sogleich erfahren. Drei Jahre überspringend, wird von Dreitzers Aussagen des weiteren berichtet:

„Im Oktober 1934 brachte Dreitzers Schwester ihm aus Warschau eine deutsche Filmzeitschrift mit, die ihr von einem Agenten (?) Sedows für Dreitzer übergeben worden war. In der Zeitschrift konnte Dreitzer – da er bereits in Berlin mit Sedow eine derartige Methode der Verbindung vereinbart hatte (das ist des Rätsels Lösung! Jetzt wird verständlich, warum die GPU die Berliner Begegnung ersann) leicht einen von Trotzki mit chemischer Tinte eigenhändig geschriebenen Brief finden. Dieser Brief enthielt die Direktive, sofort Terrorakte gegen Stalin und Woroschilow vorzubereiten und auszuführen. Dreitzer übersandte diesen Brief sofort an Mratschkowski, der ihn nach Kenntnisnahme aus Gründen der Konspiration verbrannte.“ [7]

Es ist nicht uninteressant, vor allen Dingen zu bemerken, dass diese so wichtige Aussage Dreitzers erst nach vielwöchigem, ja vielleicht monatelangem Verhör gemacht wurde (in der Akte seiner Aussagen steht sie auf den Seiten 102 und 103). 100 Seiten erzwungener Geständnisse waren nötig, um eine so wichtige Tatsache „in Erinnerung zu bringen“.

Der Brief war aus Warschau mitgebracht worden. Weder Trotzki noch Sedow sind je in Warschau gewesen. Auf welchem Wege erhielt Dreitzers Schwester, die niemand kennt (warum wurde sie nicht als Zeugin aufgerufen? Existiert sie überhaupt?), diesen eigenhändigen und so konspirativen Brief Trotzkis, durch wen, von wem, unter welchen Umständen? Von alledem sagt man uns vorsichtigerweise nichts. Geht man ab absurdo aus, dass Trotzki wirklich einen Brief mit der Direktive, Stalin zu töten, habe schreiben können, so kann man doch immerhin unmöglich annehmen, dass Trotzki so unvorsichtig gewesen sei, einen solchen Brief der ihm ganz unbekannten Schwester Dreitzers anzuvertrauen, ihn ferner eigenhändig zu schreiben, gerade als hätte er absichtlich der GPU ein so mörderisches Indiz gegen sich selbst liefern wollen. Der Brief war nicht einmal chiffriert! [8] Diese Handlungsweise ist eines terroristischen Gymnasiasten würdig, nicht aber eines in konspirativen Dingen bewanderten alten Revolutionärs. Wenn die GPU den Brief nicht in die Hände bekam, so nur, weil er nie geschrieben wurde.

Dreitzer sagt ferner aus, dass, nachdem er den Brief in Moskau erhalten hatte, er von seinem Inhalt Kenntnis nahm. Der Brief war mit chemischer Tinte geschrieben, um ihn lesen zu können, musste er also erst entwickelt werden. Nachdem er den Brief entwickelt und gelesen hatte, sandte Dreitzer ihn Mratschkowski nach Kasachstan. Wie geht man in einem solchen Fall zu Wege? Der Brief musste mit chemischer Tinte abgeschrieben werden, von der Chiffre ganz zu schweigen. Wie aber Dreitzer?

Mratschkowski „weist ... darauf hin, dass er im Dezember 1934, als er in Kasachstan war, von Dreitzer einen mit chemischer Tinte geschriebenen Brief Trotzkis ... erhielt ... Mratschkowski betont, dass er die Handschrift Trotzkis ausgezeichnet kenne und dass er nicht den geringsten Zweifel hege, dass der Brief wirklich von Trotzki geschrieben wurde.“ [9]

Diese Einzelheiten sind von enormem Interesse. Dreitzer hätte somit Trotzkis Brief nicht abgeschrieben, sondern Mratschkowski das von ihm entwickelte Original gesandt. Dreitzer schickt Mratschkowski nach Kasachstan eine ausländische Zeitung, auf deren freiem Raum ganz offen, wie mit gewöhnlicher Tinte geschrieben, ein von Trotzki eigenhändig geschriebener Brief steht, der zum Mord an Stalin und Woroschilow auffordert!

In der ganzen Geschichte des revolutionären Kampfes ist wohl noch nie und nirgends ein Fall vorgekommen, wo ein entwickelter chemischer Brief (und was für ein Brief!) ganz offen über Tausende von Kilometern geschickt worden wäre. Dieser Fall stände in der Geschichte der illegalen Korrespondenz einzig da. Wir sagen: stände, denn es hat ihn nicht gegeben. Es kommt aber noch viel fantastischer. Mratschkowski, so stellt sich heraus, erhielt das Original des „mit chemischer Tinte, geschriebenen“ Trotzkibriefes unentwickelt. So geschah denn mit dem Brief unterwegs eine wundersame Verwandlung: Dreitzer schickte ihn entwickelt und bei Mratschkowski kommt er unentwickelt an! Solche Fälle sind nicht nur in der revolutionären Praxis, sondern auch in der Natur nicht bekannt. [10]

Nein, welche Tölpelei, welche Pfuscherei! Nicht einmal lägen können die stalinistischen Bürokraten von Untersuchungsrichtern!

Es ist aber nötig, noch einige Worte über Inhalt und Stil dieser plumpen Fälschung zu sagen.

Vor Gericht wurden zwei Varianten des Briefes zum Besten gegebene die eine aus Dreitzers „Gedächtnis“, die andere von Mratschkowski. Die beiden Varianten sind sich äußerlich ähnlich, gehen aber in einem wesentlichen Punkt auseinander. Bei Mratschkowski heißt es, Trotzki habe Anweisung gegeben, „im Kriegsfall muss eine defätistische Stellung bezogen ... werden“. [11] Bei Dreitzer: „Im Falle eines Krieges jeden Misserfolg ... auszunutzen ...“ [12]

Die Linke Opposition stand immer unversöhnlich auf dem Standpunkt der unbedingten Verteidigung der USSR. Nach Mratschkowski hätte Trotzki in seinem Brief in dieser so wichtigen Frage eine Wendung um 180 Grad gemacht und einen Standpunkt bezogen, der dem, den die Linke Opposition und Trotzki viele Jahre lang bis in ihre letzten Arbeiten hinein vertraten, genau entgegengesetzt war. Dieser Punkt des Briefes hätte die Empfänger erstaunen und sich ihrem Gedächtnis genau und für immer einprägen müssen, hätte er doch einen Bruch mit der gesamten Vergangenheit bedeutet. Indessen, in dieser höchst wichtigen Frage widersprechen die Aussagen Dreitzers und Mratschkowskis einander.

Man kann auch nicht umhin zu bemerken, dass Trotzkis Brief, in dem er vorschlug, Stalin und Woroschilow zu töten, einen defaitistischen Standpunkt zu beziehen, illegale Zellen in der Armee zu organisieren, aus ganzen 8, 9 Zeilen besteht! Man sollte meinen, dass eine so extravagante „Plattform“ wenigstens einiger Erklärungen bedurft hätte. Und noch eins: wenn Mratschkowski oder Dreitzer wirklich einen solchen Brief erhalten hätten, zweifellos hätten sie ihn für eine grobe Provokation gehalten.

Diese ungeschlachte und dumme Fälschung steht, was „Qualität“ betrifft, anderen Mustern des Polizeischaffens wie dem bekannten „Sinowjewbrief“ bei weitem nach, von dem Bordereau der Dreifußaffäre ganz zu schweigen.

Ja, alles scheint darauf hinzudeuten, dass der Prozess das Werk von Schädlingen ist.

* * *

Ziehen wir eine kurze Bilanz (siehe Schema).

  1. Berman-Jurin und Fritz David standen mit keinem anderen Angeklagten in Verbindung. Sie konnten zum Prozess nur mit Hilfe des dünnen Fadens herangezogen werden, der sie mit Trotzki und Sedow verbindet. Wir haben bereits gezeigt. dass dieser „Faden“ von der GPU stammt. Reissen wir ihn ab, und Berman-Jurin und Fritz David hängen in der Luft. Es wird deutlich, dass sie zu Amalgamzwecken in den Prozess verwickelt worden sind.
     
  2. Olberg steht ausser mit Sedow mit keinem der Angeklagten in Verbindung, Wir haben ebenfalls bereits gezeigt, wer Olberg war, was es mit dieser „Verbindung“, die 1932 abbrach, auf sich hatte. Reißen wir auch diesen Faden ab, und Olberg hängt ebenfalls in der Luft. In den Prozess wurde er zu Amalgamzwecken aufgenommen.
     
  3. M. Lurie wurde in den Prozess über Ruth Fischer-Maslow verwickelt, die ihm zu Beginn 1933 in Berlin eine Terrorinstruktion von Trotzki übermittelt haben sollen. Aber Trotzki hatte in jener Periode überhaupt keine Verbindung mit Ruth Fischer-Maslow, denn ihre politischen Positionen waren verschieden (diese Verbindung kam erst 1934 zustande). [13] Selbstverständlich wäre es purer Unsinn anzunehmen, dass Ruth Fischer und Maslow in ihrem eigenen Namen Sinowjew „Instruktionen“ erteilt hätten. Der Faden, der den antitrotzkistischen Schreiberling M. Lurie mit Trotzki verbindet, reißt an zwei Stellen [14] (diese morschen Fäden reissen leicht!).
     
  4. Dreitzer. Alles Notwendige über diese Verbindung ist in diesem Kapitel gesagt worden. Reißen wir auch diesen Faden ab.
     
  5. Der Faden, der Trotzki direkt mit Golzman verbindet, ist im vorigen Kapitel zerstört worden. Bleibt das Dreieck Sedow–Smirnow–Golzman. Zum Unterschied von den anderen Linien haben wir es mit durchgehenden Strichen gezeichnet, denn die Tatsache der Begegnung an sich ist wahr. Es ist das einzig Wahre an dem ganzen Prozess. Die Begegnungen landen 1931 und 1932 statt. Seitdem hat es keinerlei Verbindung gegeben; seit Beginn 1933 saßen sowohl Smirnow wie Golzman im Gefängnis.

Und diese beiden Begegnungen – der eine Teilnehmer, Smirnow, bestreitet kategorisch den Erhalt von Terrorinstruktionen seitens Trotzki; das war „Sedows persönliche Meinung“, sagt er; der andere, Golzman, hat Terroranweisungen nicht übermittelt und sich durch seine „Reise“ nach Kopenhagen hoffnungslos kompromittiert – diese beiden Begegnungen sollen Trotzkis Beteiligung an der terroristischen Aktivität, im Besonderen an Kirows Ermordung beweisen! Und im Urteil wird gesagt, dass „L. Trotzki ... aus dem Auslande ... die Vorbereitung des Mordes an Gen. S.M. Kirow eifrig forciert“ hat (obgleich im Prozess selbst davon nicht ein einziges Mal die Rede war).

Um zu erklären, warum der doch gar keine selbstständige Rolle spielende Kirow ermordet werden musste, wird uns gesagt, dies sei die Rache der Sinowjewisten dafür gewesen, dass Kirow sie in Leningrad zunichte gemacht hatte. Wo bleibt da aber Trotzki? Als Kirow die Sinowjewisten in Leningrad zunichte machte, waren sie der Linken Opposition gegenüber bereits ebenso feindlich gesonnen wie die Stalinisten.

Ueber Trotzkis Rolle am Kirowmord sagte Sinowjew viel beredter: „Meiner Meinung nach hat Bakajew Recht, wenn er sagt, dass die wirklichen und Hauptschuldigen an der niederträchtigen Ermordung Kirows in erster Linie ich – Sinowjew, sowie Trotzki und Kamenew waren“. [15]

Vier Jahre lang leiten Sinowjew und Trotzki eine in ihrem Umfang noch nie dagewesene terroristische Aktivität. Und einer der Hauptangeklagten, Sinowjew, spricht von der Rolle des Hauptschuldigen, Trotzki, in äußerst unbestimmter Form („meiner Meinung nach“), unter Berufung auf eine dritte Person.

Ohne Kommentar.

Auf Grund unbestreitbarer Tatsachen haben wir nachgewiesen, dass es weder Terror noch ein „Zentrum“ gab; wir haben ebenfalls nachgewiesen, welchen Wert der „Verbindung“ Trotzkis mit den Angeklagten beizumessen ist. Das stalinsche „Schema“ hat sich in nichts aufgelöst. Ein der Wirklichkeit entsprechendes „Schema“ musste folgendermassen aussehen: zwei Rechtecke, eins größer: Stalin; eins kleiner: Jagoda. Der Moskauer Prozess ist ihr Werk, von vorn bis hinten, in jedem Detail.

Schema der Verbindungen

Schema


Anmerkungen

1. Siehe Schema (Figur)

2. Prozessbericht, S.161

3. Ebendort, S.16/17.

4. Ebendort, S.17, Dies Beispiel erhellt aufs neue die Vernehmungstechnik: die Angeklagten werden von Stufe zu Stufe zu den falschen Geständnissen gedrängt.

5. Vor Gericht wird Smirnow die ganze Zeit Trotzkis „Vertreter“ in der USSR geheißen. Solch eine persönliche – Vertreterschaft – der „Unterführer“ vertritt nicht die Organisationen, sondern den „obersten Führer“ – war selbstverständlich der Opposition ganz fremd, ist aber umgekehrt ein für die Bürokratie überaus typischer, ihr ureigener Gedanke: der „Führer“ mit seinen persönlichen Stellvertretern. Aber wie hätte Smirnow überhaupt „Vertreter“ der Opposition sein können, er, der öffentlich mit ihr gebrochen hatte, wo es in der USSR Tausende von der Sache treuen Bolschewiki-Leninisten gibt? An der Spitze der Linken Opposition in der USSR stand bis 1934 Rakowski, dessen moralische Autorität damals mit der I.N. Smirnows sich gar nicht messen konnte.

6. Prozessbericht. S.52.

7. Ebendort, S.52.

8. Golzman aber sagte aus, für den Briefwechsel mit Trotzki habe eine Chiffre bestanden.

9. Ebendort, S.43/44.

10. Einige Leser haben darauf hingewiesen, dass es chemische Tinten oder Verfahren gibt, die es erlauben, entwickelte Briefe wieder unsichtbar werden zu lassen. Das war uns nicht unbekannt, entkräftigt aber keineswegs unsere Beweisführung, denn das Gericht hätte auf diesen Umstand hinweisen und die Anwendung solcher Verfahren besonders angeben, beschreiben müssen, usw. Ist aber nicht der Fall gewesen.

11. Ebendort, S.43.

12. Ebendort, S.92.

13. Dieser Tatbestand kann auf Grund von Dokumenten und vielen Zeugenaussagen festgestellt werden.

14. Was M. Luries „Verbindung“ mit Sinowjew betrifft, so ist es interessant zu bemerken, dass M. Lurie, der im März 1933 so wichtige Terrorinstruktionen für Sinowjew nach Moskau brachte, diesen erst im August 1934 traf!

15. Ebendort, S.63.




Zuletzt aktualisiert am 7.07.2009