Leo Trotzki

 

1917
Die Lehren des Oktobers


Die Oktoberrevolution und die „Legalität“ der Sowjets


Im September, in den Tagen der demokratischen Konferenz, forderte Lenin den unmittelbaren Übergang zum Aufstand:

„Um uns zum Aufstand im Sinne von Marx zu stellen, das heißt, wie zu einer Kunst, müssen wir, ohne Zeit zu verlieren, sogleich damit beginnen, daß wir einen Stab der Revolution bilden, die vorhandenen Truppen richtig verteilen, die zuverlässigsten Regimenter an die wichtigsten Punkte heranführen, die Peter-Pauls-Festung einnehmen, den Generalstab und die Regierung gefangen setzen, und solche Truppen gegen die Junker und die wilden Divisionen senden, die imstande sind, für ihre Sache zu kämpfen und nie dem Feinde die Möglichkeit geben, das Stadtzentrum einzunehmen. Wir müssen die bewaffneten Arbeitermassen mobilisieren, sie zur letzten und entscheidenden Schlacht führen, sofort die Telephon- und Telegraphenämter besetzen, unseren Stab bei den Telephonstationen unterbringen, von dort aus telefonisch die Verbindung mit allen Regimentern und Fabriken, mit allen Kampfstellen herstellen usw. Das ist natürlich nur beispielsweise gemeint, nur zur Illustration dessen, daß man im gegebenen Moment dem Marxismus und der Revolution nicht treu sein kann, ohne sich zu dem Aufstand wie zu einer Kunst zu stellen“ (Band 14, Teil 2, Seite 140).

Eine solche Fragestellung setzte voraus, daß die Vorbereitung zum Umsturz und dieser selbst durch die Partei und in ihrem Namen geschehe und erst der Sieg vom Sowjetkongreß besiegelt werde. Das Zentralkomitee nahm jedoch diesen Vorschlag nicht an. Der Aufstand wurde in das Fahrwasser der Sowjets geleitet und agitatorisch mit dem zweiten Sowjetkongreß verbunden. Dieser Zwiespalt erfordert eine ausführliche Erklärung, denn obwohl er keine Prinzipienfrage, sondern eher technischer Art ist, bleibt er doch von großer praktischer Bedeutung. Wir haben bereits dargestellt, mit welch’ angespannter Unruhe sich Lenin zu einer Verschleppung des Aufstandes verhielt. Auf Grund der Schwankungen, die sich bei den Spitzen der Partei zeigten, mußte ihm die Agitation, welche den Umsturz mit dem zweiten Sowjetkongreß verband, ein unzulässiges Hinausschieben bedeuten, eine Unentschlossenheit, die an Verbrechen grenzte. Zu diesem Gedanken kehrte Lenin von Ende September an immer wieder zurück.

„Bei uns im Zentralkomitee und bei den Spitzen der Partei – schrieb er am 29. September – herrscht die Strömung und die Meinung, lieber den Sowjetkongreß abzuwarten, als die Macht sofort zu ergreifen. Diese Strömung und Meinung muß bekämpft werden.“

Anfang Oktober schreibt Lenin: „Zögern ist ein Verbrechen, den Sowjetkongreß abwarten, ein kindisches Spiel mit dem Formalismus, ein Verrat der Revolution.“ – In den Thesen zur Petersburger Konferenz sagt Lenin am 8. Oktober: „Die konstitutionellen Illusionen und die Erwartungen, die an den Sowjetkongreß gestellt werden, müssen bekämpft werden. Man muß auf den Gedanken verzichten, den Sowjetkongreß unbedingt abwarten zu wollen.“ – Endlich, am 24. Oktober, schreibt er:

„Es ist mehr als klar, daß jetzt in Wahrheit jeder Aufschub, jede Verzögerung des Aufstandes seinem Tode gleich ist“ – und weiter: „Die Geschichte würde den Revolutionären eine Verzögerung nie verzeihen, die heute siegen können (und ganz gewiß heute siegen werden) während sie morgen vieles, ja alles verlieren können.“

Alle diese Briefe, in denen jedes Wort auf dem Amboß der Revolution geschmiedet wurde, sind von außergewöhnlichem Interesse für die Charakteristik Lenins und die Beurteilung der Lage. Der durchgehende Grundgedanke in ihm ist die Empörung, der Protest und die Verachtung der fatalistischen, abwartenden, sozialdemokratischen, menschewistischen Einstellung zur Revolution. Wenn die Zeit an und für sich ein wichtiger Faktor in der Politik ist, so wächst ihre Bedeutung hundertfach im Kriege und in der Revolution. Man kann nicht alles, was man heute tun kann, auch morgen tun. Ein Aufstand, die Niederringung des Feindes, die Eroberung der Macht kann heute möglich sein, morgen aber unmöglich. Mit der Aneignung der Macht ändert man den Lauf der Geschichte – kann denn ein so bedeutendes Ereignis auch von 24 Stunden abhängen? Ja, es kann; wenn die Entwicklung der Dinge zur bewaffneten Erhebung führt, wird nicht mehr mit dem großen Maß der Politik, sondern mit dem kleinen des Krieges gemessen. Die Verzögerung um eine Woche, um einen Tag, ja, um eine Stunde, kann unter gewissen Verhältnissen den Mißerfolg der Revolution, die Kapitulation, herbeiführen. Wenn die Lenin’sche Erregung, der Druck, die Kritik, dieses unausgesetzte revolutionäre Mißtrauen nicht gewesen wäre, hätte die Partei wohl kaum die Front im entscheidenden Moment aufgerollt; denn der Widerstand in den Spitzen der Partei war ein sehr großer und von der Führung im Krieg sowohl als im Bürgerkrieg hängt alles ab.

Es ist aber auch klar, daß die Vorbereitungen zum Aufstand durch die Vorbereitungen zum zweiten Sowjetkongreß verdeckt wurden, unter dem Vorwande, dieser müsse geschützt werden, was uns einen ungeheueren Vorteil in die Hände gespielt hatte. Mit dem Moment, da wir, der Petrograder Sowjet, gegen Kerenskis Befehl, zwei Drittel der Garnisonstruppen an die Front zu schicken, protestierten, traten wir de facto in den bewaffneten Aufstand ein. Lenin, der sich außerhalb Petrograds befand, hat diesen Umstand nicht in seiner ganzen Bedeutung erkannt. In allen seinen Briefen aus jener Zeit erwähnt er dieses Ereignis, soweit ich mich entsinne, mit keinem Wort. Und doch war der Ausgang des Aufstandes vom 25. Oktober zu drei Viertel, wenn nicht mehr, in dem Moment entschieden, als wir uns der Absendung der Truppen entgegenstemmten, das kriegsrevolutionäre Komitee bildeten (16. Oktober), in allen Truppenteilen und Organisationen unsere Kommissare ernannten und dadurch nicht nur den Stab des Petrograder Militärbezirkes, sondern auch die Regierung gänzlich isolierten. Wir hatten es in Wirklichkeit mit einem bewaffneten, wenn auch unblutigen, Aufstand der Petrograder Regimenter gegen die provisorische Regierung zu tun, der unter der Leitung des kriegsrevolutionären Komitees stand und angeblich die Aufgabe hatte, den zweiten Sowjetkongreß, auf dem das Schicksal der Regierung entschieden werden sollte, zu schützen. Lenins Vorschlag, den Aufstand in Moskau zu beginnen, wo er seiner Meinung nach einen unblutigen Verlauf nehmen würde, entsprang dem Umstand, daß er aus seinem Versteck heraus den großen Umschwung nicht übersehen konnte, der nicht nur in der Stimmung, sondern auch in den organisatorischen Zusammenhängen, in der militärischen Subordination und Hierarchie nach der „stillen“ Empörung der hauptstädtischen Garnisonen Mitte Oktober sich vollzogen hatte. Mit dem Moment, da die Bataillone auf den Befehl des kriegsrevolutionären Komitees sich weigerten, die Stadt zu verlassen und sie auch nicht verließen, hatten wir in der Hauptstadt einen siegreichen Aufstand, dessen Umrisse die Überbleibsel der bürgerlich-demokratischen Staatsform kaum noch zu verbergen vermochten. Der Aufstand am 25. Oktober hatte nur einen ergänzenden Charakter, darum vollzog er sich auch so schmerzlos. Im Gegensatz hierzu nahm der Kampf in Moskau einen langwierigeren und blutigen Verlauf, ungeachtet dessen, daß in Petrograd bereits die Macht der Volkskommissare sich befestigt hatte. Es ist offensichtlich, daß, wenn der Aufstand in Moskau eingeleitet worden wäre, dieser einen noch langwierigeren Verlauf genommen hätte und sein Ausgang sehr fraglich gewesen wäre. Ein Mißerfolg in Moskau hätte für Petrograd die schwersten Folgen gehabt. Ein Sieg wäre auch dann nicht ausgeschlossen gewesen, aber der Weg, auf dem sich die Ereignisse wirklich vollzogen, erwies sich als bedeutend ökonomischer, vorteilhafter und siegreicher.

Wir hatten mehr oder weniger die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Eroberung der Macht dem Moment des Zusammentrittes des zweiten Sowjetkongresses anzupassen nur deshalb, weil der „stille“, fast „legale“ bewaffnete Aufstand zum mindesten in Petrograd zu dreiviertel, wenn nicht gar zu neun Zehntel durchgeführt war. Wir nennen diesen Aufstand „legal“ in dem Sinne, daß er sich aus der „normalen“ Situation einer Doppelregierung ergab, während der Herrschaft der Opportunisten. Schon im Petrograder Sowjet war es öfter vorgekommen, daß die Sowjets die Entscheidungen der Regierung überprüften oder diese korrigierten. Das lag in der Verfassung des Regimes, das in der Geschichte das Kerenskische genannt wird. Als wir Bolschewisten im Petrograder Sowjet die Macht antraten, haben wir die Methoden dieser Doppelregierung nur fortgesetzt und vertieft. Wir haben die Kontrolle des Abmarschbefehls der Regierung an die Garnison zu unserer Aufgabe gemacht. Damit hatten wir durch die Traditionen und Gepflogenheiten der legalisierten Doppelregierung den tatsächlichen Aufstand der Petrograder Garnison maskiert. Aber nicht nur das: indem wir in der Agitation die Frage der Machtergreifung mit dem Zeitpunkt des zweiten Sowjetkongresses verknüpften, haben wir die Traditionen der Doppelregierung entwickelt und vertieft und damit den Rahmen der sowjetistischen Legalität für den bolschewistischen Aufstand im allrussischen Maßstab vorbereitet.

Wir haben die Massen nicht mit konstitutionellen Sowjetillusionen eingeschläfert, denn unter der Losung des Kampfes für den zweiten Kongreß gewannen wir und gliederten uns organisatorisch die Waffen der revolutionären Armee an. Außerdem glückte es uns, in größerem Maße, als wir erwartet hatten, unsere Feinde, die Opportunisten, in die Falle der Legalität zu treiben. Politische Schlauheit anzuwenden, ist immer gefährlich, besonders aber während einer Revolution. Es ist bei weitem nicht sicher, daß man den Feind betrügt, aber man richtet Verwirrung in den Massen an, die man führt. Wenn uns unsere „Schlauheit“ bis zu 100 Prozent glückte, so nur deshalb, weil sie nicht von Strategen, die den Bürgerkrieg umgehen wollten, ausgeklügelt war, sondern weil sie aus den Bedingungen der fortschreitenden Zersetzung innerhalb des opportunistischen Regimes natürlicherweise entsprang, aus ihren schreienden Widersprüchen. Die provisorische Regierung wollte die Truppen der Garnison loswerden. Die Soldaten wollten nicht an die Front gehen. – Wir haben dieser natürlichen Weigerung einen politischen Ausdruck, ein revolutionäres Ziel, einen „legalen“ Deckmantel gegeben. Damit erzielten wir eine seltene Einigkeit innerhalb der Garnison und verbanden sie mit den Petrograder Arbeitern. Umgekehrt neigten unsere Gegner dazu, bei der Hoffnungslosigkeit und Verzwicktheit ihrer Lage, den Schein für Wirklichkeit zu nehmen. Sie wollten betrogen sein und wir gaben ihnen diese Möglichkeit.

Zwischen uns und den Opportunisten ging der Kampf um die Legalität. Im Volksbewußtsein waren die Sowjets die Träger der Macht, aus den Sowjets gingen Kerenski, Zeretelli und Skrobelew hervor. Aber auch wir waren mit den Sowjets durch unsere Hauptlosung verbunden: „Alle Macht den Sowjets!“ Die Bourgeoisie leitete ihre Rechtsgrundlagen von der Duma ab, die Opportunisten von den Sowjets. Sie hatten die Absicht sie in’s Nichts zurückzuführen. Wir aber wollten ihnen alle Macht übertragen. Die Opportunisten konnten den Sowjets Ihre Macht nicht entreißen und vesuchten daraufhin, eine Brücke von Ihnen zum Parlament zu schlagen. Zu diesem Zwecke beriefen sie die demokratische Konferenz und schufen das Vorparlament. Die Beteiligung der Sowjets am Vorparlament schien diesen Weg zu sanktionieren. Die Opportunisten versuchten, die Revolution mit der Angel der Legalität einzufangen, um sie nachher in das Fahrwasser des bürgerlichen Parlamentarismus zu führen.

Aber auch wir waren daran interessiert, diese Sowjetlegalität auszunutzen. Am Schluß der demokratischen Konferenz entrissen wir den Gegnern das Einverständnis, den zweiten Sowjetkongreß einzuberufen. Dieser Kongreß bereitete ihnen viele Schwierigkeiten: einerseits konnten sie sich gegen die Einberufung nicht sträuben, ohne mit der sowjetistischen Legalität zu brechen, andererseits sahen sie, daß der Kongreß ihnen, seiner Zusammensetzung nach, nicht viel Gutes bringen würde. Um so entschiedener traten wir für den zweiten Sowjetkongreß, als der Vertretung des Landes, ein und wir richteten unsere Vorbereitungsarbeiten so ein, daß sie gleichzeitig auch der Unterstützung und dem Schutze des Sowjetkongresses dienten, da man mit Angriffen von seiten der Kontrerevolution zu rechnen hatte. Wenn die Opportunisten uns auf die Sowjetlegalität durch das Vorparlament, das aus den Sowjets hervorgegangen war, festgelegt hatten, so hatten wir sie auf diese Sowjetlegalität hin durch den zweiten Kongreß der Sowjets festgelegt. Die Organisation des bewaffneten Aufstandes unter der Parole: „Ergreifung der Macht durch die Partei“, ist eine Sache; die Vorbereitung und spätere tatsächliche Durchführung des Aufstandes mit der Losung: „Verteidigung der Rechte des Sowjetkongresses“, sind etwas ganz anderes. Die zeitliche Annäherung des Aufstandes und des zweiten Sowjetkongresses bedeutete demnach nicht, daß wir irgendwelche, wenn auch noch so naive Hoffnungen hegten, der Kongreß könnte die Machtfrage von sich aus entscheiden. Ein solcher Fetischismus der Sowjetform war uns ganz fremd. Die ganze zur Eroberung der Macht erforderliche Arbeit, nicht nur die politische, sondern auch die Organisationsarbeit und die kriegstechnische, vollzog sich im gesteigerten Tempo. Der legale Vorwand war immer der Hinweis auf den bevorstehenden Kongreß, welcher die Lösung der Machtfrage bringen sollte. Wir führten den Angriff auf der ganzen Linie, erweckten aber den Anschein, als handelte es sich um die Verteidigung. Wenn die provisorische Regierung sich wirklich hätte verteidigen wollen, hätte sie den Kongreß verbieten müssen, wodurch sie dem Gegner den für sie ungünstigen Anlaß zum bewaffneten Aufstand gegeben hätte. Wir waren bestrebt, die provisorische Regierung in die mißlichste Lage zu bringen und diese Leute glaubten tatsächlich, es handelte sich für uns um den Sowjetparlamentarismus, um den neuen Kongreß, aus dem eine neue Resolution über die Machtfrage hervorgehen werde, nach dem Beispiel der Moskauer und Petrograder Sowjetresolutionen, nach welcher die Regierung sich auf das Vorparlament und die bevorstehende konstituierende Versammlung berufend, zurücktreten könnte und uns in eine lächerliche Situation versetzen würde. Daß die Gedanken der Weisesten unter den kleinbürgerlichen Weisen sich in dieser Richtung bewegten, bezeugt Kerenski in seinen Erinnerungen. Er erzählt, wie in der Nacht zum 25. Oktober, als der Aufstand bereits in vollem Gange war, heftige Auseinandersetzungen in seinem Kabinett mit Dan und andere fanden. „Dan sagte mir“ erzählt Kerenski „daß sie viel besser orientiert seien als ich, und daß ich die Ereignisse überschätzte, unter dem Einfluß meines reaktionären Stabes.“ Weiter erklärte er, daß die für die „Eigenliebe der Regierung“ unangenehme Resolution der Mehrheit der Sowjets der Republik überaus vorteilhaft sei und bedeutsam für den „Stimmungsumschwung der Massen“. Der Effekt „zeige sich“ bereits, so daß der Einfluß der bolschewistischen Propaganda „schnell schwinden wird“. Auf der anderen Seite hatten die Bolschewisten – seinen Worten zufolge – in Unterhandlungen mit den Vertretern der Sowjetmehrheit ihre Bereitwilligkeit erklärt, sich der Mehrheit zu fügen und „morgen schon“ alle Maßnahmen zu ergreifen, um den Aufstand zu ersticken, der „ohne ihre Einwilligung, ohne ihre Sanktion entstand“. Zum Schluß erinnerte Dan daran, daß die Bolschewisten „schon morgen“ (immer morgen!) ihren Militärstab auflösen würden und erklärte mir (Kerenski), daß die von mir eingeleiteten Maßnahmen zur Unterdrückung des Aufstandes „die Massen nur aufreizen“ würden und ich überhaupt durch „meine Einmischung“ die „Vertreter der Sowjetmehrheit störte, erfolgreiche Verhandlungen, die die Liquidation des Aufstandes bezweckten, mit den Bolschewisten zu führen“. Zur Vervollständigung des Bildes fügt Kerenski hinzu, daß

„Dan diese bedeutsamen Mitteilungen in dem Moment machte, in dem Teile der bewaffneten ‚Roten Garde‘ die öffentlichen Gebäude besetzten. Zur selben Zeit als Dan mit seinen Freunden das Winterpalais verließ, wurde auf der Millionaja auf dem Heimwege von einer Sitzung der zeitweiligen Regierung der Minister Kartaschew verhaftet und in das Smolny abgeführt, wohin Dan zurückkehrte, um die Friedensverhandlungen mit den Bolschewisten fortzuführen. Man muß anerkennen, daß die Bolschewisten sehr energisch und nicht weniger geschickt vorgingen. Zur selben Zeit als der Aufstand sich in vollem Gange befand und die ‚roten Heere‘ in der ganzen Stadt tätig waren, versuchten einige bolschewistische Abgeordnete, die hierzu ausersehen waren, und zwar mit Erfolg, die Vertreter der ‚revolutionären‘ Demokratie zu betören – diese sahen zwar, aber begriffen nichts, sie hörten, aber sie verstanden nichts. Die ganze Nacht verbrachten die Debattierkünstler mit dem Beraten verschiedener Formeln, welche angeblich das Fundament der Einigung und der Liquidation des Aufstands bilden sollten. Durch diese Methode der ‚Verhandlungen‘ gewannen die Bolschewisten viel Zeit und die Streitkräfte der Sozialrevolutionäre und Menschewisten konnten nicht rechtzeitig mobilisiert werden. Quod erat demonstrandum!“ (A. Kerenski: Aus der Ferne, S.197/8.)

Und fürwahr: das war eben zu beweisen. Wie wir aus dieser Darstellung sehen, waren die Opportunisten ganz und gar von der sowjetistischen Legalität befangen. Kerenskis Annahme, daß die Bolschewisten durch besondere Delegierte die Menschewisten und Sozialrevolutionäre in die Irre führten, war de facto nicht richtig. In Wirklichkeit nahmen an den Unterhandlungen diejenigen Bolschewisten teil, die tatsächlich die Liquidation des Aufstandes wünschten und die an der Formel der sozialistischen Regierung, gebildet aus den verschiedenen Parteien, glaubten. Objektiv betrachtet, haben diese Parlamentäre dem Aufstand zweifellos einen gewissen Dienst geleistet, indem sie mit ihren eigenen Illusionen diejenigen des Feindes nährten. Doch konnten sie diesen Dienst nur deshalb erweisen, weil die Partei sich durch ihre Ratschläge und Warnungen nicht beeinflussen ließ und mit ungeschwächter Energie den Aufstand vorwärts und zu Ende führte.

Damit diese breitangelegte Operation siegreich sein konnte, mußten ganz außergewöhnliche Umstände, große und kleine, zusammentreffen. Zunächst mußte eine Armee vorhanden sein, die am Kriege nicht mehr teilnehmen wollte. Die Revolution hätte besonders in ihrer ersten Periode, vom Februar bis Oktober einschließlich, ein völlig anderes Antlitz erhalten, wenn wir bei ihrem Ausbruch nicht eine geschlagene, unzufriedene, millionenstarke Bauernarmee gehabt hätten. Nur unter dieser Voraussetzung konnten wir das Experiment mit der Petrograder Garnison erfolgreich durchführen, ein Experiment, das den Oktobersieg bestimmt hat. Es hätte auch davon nicht die Rede sein können, den „stillen“, fast unbemerkten Aufstand irgendwie mit der Verteidigung der sowjetistischen Legalität dem Kornilowputsch gegenüber zu kombinieren. Umgekehrt kann man mit Überzeugung behaupten, daß ein solches Experiment sich in dieser Form niemals und nirgends wiederholen wird. Dennoch ist ein aufmerksames Studium derselben unerläßlich. Es erweitert den Gesichtskreis eines jeden Revolutionärs und zeigt ihm die Fülle der Mittel und Verschiedenheiten der Methoden, welche angewandt werden können und welche, sofern das Ziel klar vor Augen steht, alle Umstände richtig erwogen und eingeschätzt worden sind, bei genügender Entschlußkraft, den Kampf zum Siege führen können.

In Moskau hatte der Kampf einen weit langwierigeren Charakter und erforderte weit größere Opfer. Das erklärt sich daraus, daß die Moskauer Garnison keiner so sorgfältigen revolutionären Vorbereitung unterworfen war wie die Petrograder in Verbindung mit der Frage der Absendung der Truppen an die Front. Wir sagten es schon einmal und müssen es noch einmal wiederholen, daß der bewaffnete Aufstand in Petrograd sich in zwei Etappen vollzogen hat: in der ersten Oktoberhälfte, als die Petrograder Regimenter sich den Befehlen der Sowjets unterordneten, was ihrer eigenen Stimmung entsprach und straflos den Befehlen der obersten Heeresleitung nicht nachkamen und am 25. Oktober, wo es schon nur eines geringen Anstoßes bedurfte, um den Aufstand zu entfesseln, der die Nabelschnur der Februarregierung abgeschnitten hat. In Moskau vollzog sich der Aufstand in einer Etappe, was vielleicht den Hauptgrund für seinen zögernden Charakter ergibt. Aber es gab noch eine andere Ursache: die Unentschlossenheit der Führung. In Moskau konnten wir beobachten, wie die militärischen Operationen zu Verhandlungen übergeleitet wurden, die aber wieder durch Kämpfe abgelöst wurden. Ein Schwanken der Führung, die den Geführten bemerkbar wird, ist auch in der Politik gefährlich, bei einem bewaffneten Aufstand wirkt jede Unentschlossenheit tödlich. Die herrschende Klasse verliert bereits das Vertrauen zu ihrer Kraft (ohne die keine Siegeshoffnung vorhanden sein kann), der Staatsapparat aber befindet sich noch in seiner Hand. Die revolutionäre Klasse hat die Aufgabe, den Staatsapparat zu erobern, dazu braucht sie Vertrauen in die eigene Kraft. Wenn die Partei die Werktätigen auf den Weg des Aufstandes geführt hat, muß sie auch alle Konsequenzen tragen. „Im Kriege geht es kriegerisch zu“. Hier sind Schwankungen und Zeitvergeudungen weniger als anderswo zulässig. Im Kriege wird mit kurzen Ellen gemessen. Auf einem Fleck zu verweilen, wenn auch nur für wenige Stunden, bedeutet, daß dem Feinde ein Teil seines Selbstvertrauens zurückgegeben und den Revolutionären genommen wird. Dadurch wird aber das Kräfteverhältnis berührt, das den Ausgang des Kampfes entscheidet. Unter diesem Gesichtspunkt muß man den Gang der kriegerischen Operationen in Moskau in seiner Beziehung zur politischen Führung betrachten.

Außerordentlich wichtig wäre es noch, einige Punkte festzuhalten, wo der Bürgerkrieg unter besonderen Verhältnissen, z.B. durch nationale Elemente kompliziert, sich abgespielt hat. Ein solches Studium, auf Grund sorgfältiger Bearbeitung des Tatsachenmaterials, müßte unsere Vorstellung von der Mechanik des Bürgerkrieges ungemein bereichern und zugleich die Ausarbeitung bestimmter Methoden und Regeln erleichtern, die genügend allgemeinen Charakter haben, daß sie zu einer Art eines „Reglements“ des Bürgerkrieges zusammengestellt werden könnten. [4] Wenn es auch heute noch verfrüht erscheint, diese oder jene Schlußfolgerungen ziehen zu wollen, so kann doch gesagt werden, daß zum Beispiel der Gang des Bürgerkrieges in der Provinz abhängig war und zwar in bedeutendem Maße von der Entwicklung in Petrograd, trotz des verlangsamten Tempos in Moskau. Die Februarrevolution zerbrach den alten Staatsapparat; die provisorische Regierung erbte ihn, war aber unfähig, ihn zu erneuern oder zu befestigen. Der Staatsapparat existierte demzufolge zwischen Februar und Oktober nur auf Grund des bürokratischen Trägheitsgesetzes. Die bürokratische Provinz war gewöhnt, sich nach Petrograd zu richten: das tat sie im Februar, das wiederholte sich im Oktober. Unser großer Vorteil bestand darin, daß wir uns an den Sturz einer Regierung machten, die kaum Zeit gefunden hatte, sich zu bilden. Die außergewöhnliche Unbeständigkeit und der Mangel an Selbstvertrauen innerhalb des Apparates der Februar-Regierung erleichterte unsere Aufgabe und weckte das Selbstvertrauen der revolutionären Massen und der Partei selbst.

In Deutschland und Österreich lagen die Verhältnisse nach dem 9. November 1918 ähnlich. Aber dort half die Sozialdemokratie dem republikanischen Bürgerregime sich zu behaupten, indem sie die Lücken des Staatsapparates ausgefüllt hat, und obwohl dieses Regime beim besten Willen nicht als ein Beispiel der Entschlossenheit hingestellt werden kann, hält diese Regierung sich doch nunmehr sechs Jahre. Was die anderen kapitalistischen Länder anbetrifft, werden diese nicht den Vorzug einer so engen zeitlichen Verbindung zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Revolution haben. Ihr „Februar“ liegt schon weit zurück. Wohl gibt es in England viel übriggebliebenen feudalen Schutt, von irgendeiner eigenen bürgerlichen Revolution kann man aber nicht reden. Die Säuberung des Landes von der Monarchie, den Lords u.a. wird durch das erste Ausholen des Besens des Proletariats, sobald es die Macht ergriffen haben wird, vollführt. Die proletarische Revolution im Westen wird es mit vollständig ausgebautem bürgerlichem Staatsapparat zu tun haben. Das heißt aber noch nicht mit einem festgefügten Staatsapparat, da doch die Möglichkeit der proletarischen Revolution selbst einen weit fortgeschrittenen Zerfallprozeß des kapitalistischen Staates voraussetzt. Wenn bei uns die Oktoberrevolution sich im Kampf mit einem Staatsapparat aufrollte, dem es nach dem Februar noch nicht gelang, sich zu konsolidieren, so wird in den anderen Ländern der Aufstand einem Staatsapparat gelten, der sich im Zustande des fortschreitenden Zerfalls befindet.

Als eine allgemeine Regel kann man annehmen – wir haben sie bereits auf dem vierten Kongreß der kommunistischen Internationale dargelegt – daß die Kraft des Voroktoberwiderstandes der Bourgeoisie in den alten kapitalistischen Ländern in der Regel weit stärker sein wird als bei uns, der Sieg des Proletariats viel schwieriger, dagegen wird diesem die Eroberung der Macht sogleich eine festere Lage zusichern, als diejenige, in die wir am Morgen nach dem Oktober kamen. Bei uns entbrannte der Bürgerkrieg tatsächlich erst, nachdem das Proletariat in den wichtigsten städtischen und Industriezentren zur Macht gelangt war und dauerte dann drei Jahre an. Vieles spricht dafür, daß die Eroberung der Macht in Zentral- und Westeuropa mit viel größeren Mühen verknüpft sein wird, dagegen wird das Proletariat nach der Ergreifung der Macht unvergleichlich mehr Bewegungsfreiheit haben. Es versteht sich, daß diese Perspektiven nur einen bedingten Charakter haben können. Sehr viel wird davon abhängen, in welcher Reihenfolge die Revolution in den verschiedenen Ländern Europas sich vollziehen wird, welche Möglichkeiten für eine militärische Intervention bestehen werden, was für eine ökonomische und militärische Kraft die Sowjetunion in diesem Moment besitzen wird u.a. Jedenfalls verpflichtet uns diese unsere grundsätzliche und unseres Erachtens unbestreitbare Erwägung, wonach der Prozeß der Eroberung der Macht in Amerika und Europa auf einen viel größeren, viel mehr durchdachten und hartnäckigeren Widerstand der herrschenden Klasse stoßen wird als bei uns, den bewaffneten Aufstand und überhaupt den Bürgerkrieg in der Tat als eine Kunst zu behandeln.

Fußnote

4. Siehe: L. Trotzki, Probleme des BürgerkriegesPrawda Nr.202, 6. Sept. 1924.

 


Zuletzt aktualisiert am 21.7.2008