Leo Trotzki

 

Was Nun?


IX. Die SAP (Sozialistische Arbeiter-Partei)

Die SAP als „sozialfaschistische“ oder „konterrevolutionäre“ Partei zu bezeichnen, dazu sind nur besessene Beamte imstande, die meinen, ihnen sei alles erlaubt, oder dumme Papageien, die Schimpfwörter wiederholen, ohne deren Sinn zu verstehen. Doch sein Vertrauen im voraus einer Partei zu schenken, die nach ihrem Bruch mit der Sozialdemokratie sich erst noch auf dem Weg zwischen Reformismus und Kommunismus befindet, mit einer Führung, die dem Reformismus näher steht als dem Kommunismus – wäre unverzeihlicher Leichtsinn und billiger Optimismus. Die Linke Opposition trägt auch in dieser Frage nicht die mindeste Verantwortung für die Politik Urbahns.

Die SAP hat kein Programm. Es geht dabei nicht um ein formelles Dokument; einem Programm wohnt nur dann Kraft inne, wenn sein Text mit der revolutionären Erfahrung der Partei verbunden ist, mit Kampfeslehren, die ihren Kadern in Fleisch und Blut übergegangen sind. Nichts davon bei der SAP. Die russische Revolution, ihre einzelnen Etappen, der Kampf ihrer Fraktionen, die deutsche Krise von 1923, der Bürgerkrieg in Bulgarien, die Ereignisse der chinesischen Revolution, die Kämpfe des englischen Proletariats (1926), die spanische revolutionäre Krise all diese Ereignisse, die im Bewußtsein eines Revolutionärs als leuchtende Marksteine am politischen Wege lebendig sein müßten, sind für die Kader der SAP nur blasse Zeitungserinnerungen, nicht aber verarbeitete revolutionäre Erfahrungen.

Daß eine Arbeiterpartei Einheitsfrontpolitik treiben muß, ist unbestreitbar. Doch hat die Einheitsfrontpolitik ihre Gefahren. Erfolgreich kann diese Politik nur von einer kampferprobten revolutionären Partei geführt werden. Jedenfalls kann die Einheitsfrontpolitik nicht einer revolutionären Partei als Programm dienen. Darauf ist aber die gesamte Tätigkeit der SAP aufgebaut. Als Ergebnis wird die Einheitsfront ins Innere der Partei hineingetragen, d.h. sie. dient zur Verwischung der Gegensätze zwischen den verschiedenen Tendenzen. Aber gerade das ist die wesentliche Funktion des Zentrismus.

Die Tageszeitung der SAP ist vom Geiste der Halbheit durchtränkt. Trotz Ströbels [1] Abgang bleibt das Blatt halbpazifistisch und nicht marxistisch. Die vereinzelten revolutionären Artikel ändern nichts an seiner Physiognomie, sondern machen sie noch augenfälliger. Die Zeitung ergeht sich in Begeisterung über den geschmacklosen, durch und durch kleinbürgerlichen Brief Küsters an Brüning über den Militarismus. Sie applaudiert einem dänischen „Sozialisten“, ehemaligen Minister von Königs Gnaden, für den Verzicht auf die Teilnahme an einer Regierungsdelegation wegen allzu erniedrigender Bedingungen. Der Zentrismus ist mit wenigem zufrieden. Die Revolution aber fordert viel. Die Revolution fordert alles, ganz und gar.

Die SAP verurteilt die Gewerkschaftspolitik der KPD – Spaltung der Gewerkschaften und Schaffung der RGO (Revolutionäre Gewerkschaftsopposition [2]). Kein Zweifel, die Politik der KPD ist auch auf diesem Gebiete vollkommen falsch; Losowskis [3] Führerschaft kommt die internationale proletarische Avantgarde teuer zu stehen. Doch ist die Kritik der SAP nicht weniger falsch. Es handelt sich keineswegs darum, daß die KPD die Reihen des Proletariats „spaltet“ und die sozialdemokratischen Verbände „schwächt“ Das sind keine revolutionären Kriterien, denn unter der heutigen Leitung dienen die Verbände nicht den Arbeitern, sondern den Kapitalisten. Das Verbrechen der KPD liegt nicht darin, daß sie Leiparts Organisation „schwächt“, sondern darin, daß sie sich selbst schwächt. Die Teilnahme der Kommunisten an den reaktionären Verbänden wird nicht durch ein abstraktes Einheitsprinzip diktiert, sondern von der Notwendigkeit des Kampfes für die Säuberung der Organisationen von den Agenten des Kapitals. Bei der SAP tritt dieses aktive, revolutionäre, offensive Element zurück vor dem abstrakten Prinzip der Einheit von Verbänden, die durch Agenten des Kapitals geführt werden.

Die SAP klagt die Kommunistische Partei wegen „putschistischer“ Tendenzen an. Auch diese Anklage stützt sich auf bestimmte Fakten und Methoden; Ehe sie sich aber das Recht zu dieser Anklage nimmt, muß die SAP genau formulieren und praktisch vorführen, wie sie selbst zu den Grundfragen der proletarischen Revolution steht. Die Menschewiki haben die Bolschewiki stets des Blanquismus und Abenteurertums, d.h. des Putschismus beschuldigt. Die Leninsche Strategie aber war so fern vom Putschismus wie Himmel und Erde. Doch Lenin begriff und wußte anderen die Bedeutung der „Kunst des Aufstands“ im proletarischen Kampf verständlich zu machen.

Die Kritik der SAP ist in diesem Punkt umso verdächtiger, je mehr sie sich auf Paul Levi [4] stützt, der, durch die Kinderkrankheiten der Kommunistischen Partei erschreckt, ihnen den Altersmarasmus der Sozialdemokratie vorzog. Bei internen Beratungen über die Märzereignisse des Jahres 1921 in Deutschland sagte Lenin von Levi: „Der Mann hat endgültig den Kopf verloren.“ Allerdings fügte Lenin sogleich hinzu: „Er hatte zumindest etwas zu verlieren, von den anderen kann man nicht einmal das behaupten.“ Unter den „anderen“ figurierten Bela Kun [5], Thalheimer usw. Daß Paul Levi einen Kopf auf den Schultern hatte, läßt sich nicht leugnen. Aber ein Mensch, der den Kopf verloren hat und einen Sprung aus den Reihen des Kommunismus in die des Reformismus vollführt, eignet sich kaum zum Lehrmeister einer proletarischen Partei. Levis tragisches Ende, der Sturz aus dem Fenster im Zustande der Unzurechnungsfähigkeit, symbolisiert gleichsam seinen politischen Weg.

Ist für die Massen der Zentrismus bloß der Übergang von einer Etappe zur anderen, so kann er einzelnen Politikern zur zweiten Natur werden. An der Spitze der SAP steht eine Gruppe verzweifelter sozialdemokratischer Funktionäre, Advokaten, Journalisten, Leute in einem Alter, wo man die politische Erziehung als abgeschlossen ansehen muß. Ein verzweifelter Sozaldemokrat ist noch kein Revolutionär.

Ein Vertreter dieses Typus – sein bester Vertreter – ist Georg Ledebour. [6] Erst kürzlich habe ich die Protokolle seines Gerichtsprozesses von 1919 lesen können. Und mehr als einmal applaudierte ich während der Lektüre in Gedanken dem alten Kämpen, seiner Ehrlichkeit, seinem Temperament, seinem vornehmen Wesen. Doch die Grenzen des Zentrismus hat Ledebour nie überschritten. Wo es um Massenaktionen geht, um höhere Formen des Klassenkampfes, deren Vorbereitung, um die Übernahme einer offenen Verantwortung für die Leitung von Massenkämpfen durch die Partei – dort bleibt Ledebour bloß der beste Vertreter des Zentrismus. Das trennte ihn von Liebknecht und Luxemburg. Das trennt ihn jetzt von uns.

Empört darüber, daß Stalin den radikalen Flügel der alten Sozialdemokratie der passiven Haltung zum Kampf der unterdrückten Nationen beschuldigt, beruft Ledebour sich darauf, gerade in der nationalen Frage stets große Initiative bewiesen zu haben. Das ist völlig unbestreitbar. Persönlich hat Ledebour stets mit größter Leidenschaftlichkeit auf die chauvinistischen Noten in der alten Sozialdemokratie reagiert, wobei er keineswegs das in ihm selbst stark entwickelte deutsche Nationalgefühl verbarg. Ledebour war stets bester Freund der russischen, polnischen und anderen revolutionären Emigranten, und viele von ihnen haben dem alten Revolutionär bis heute ein warmes Gedenken bewahrt, den man in den Reihen der sozialdemokratischen Bürokratie mit verächtlicher Ironie bald „Ledeburow“, bald „Ledebursky“.

Und nichtsdestoweniger hat Stalin, der weder die Tatsachen noch die Literatur jener Zeit kennt, in dieser Frage recht, zumindest soweit er Lenins Einschätzung wiederholt. Während er versucht, sie zu widerlegen, bestätigt Ledebour nur diese Einschätzung. Er beruft sich darauf, in seinen Artikeln mehr als einmal der Empörung gegen die Parteien der Zweiten Internationale Ausdruck gegeben zu haben, die mit Seelenruhe der Arbeit ihres Parteikollegen Ramsay Macdonald [7] zusahen, der das nationale Problem Indiens mit Hilfe von Flugzeugbombardements löste. In dieser Empörung und diesem Protest liegt der unzweifelhafte und ehrenvolle Unterschied zwischen Ledebour und einem Otto Bauer [8], von Hilferding oder Wels gar nicht zu sprechen; diesen Herren fehlt zur demokratischen Bombardierung nur ein Indien.

Nichtsdestoweniger überschreitet Ledebours Position auch in dieser Frage nicht die Grenzen des Zentrismus. Ledebour fordert den Kampf gegen koloniale Unterdrückung, er wird im Parlament gegen Kolonialkredite stimmen, er wird die kühne Verteidigung der Opfer eines unterdrückten Kolonialaufstandes auf sich nehmen. Aber Ledebour wird nie teilnehmen an der Vorbereitung eines Kolonialaufstandes. Solch eine Arbeit hält er für Putschismus, Abenteurertum, Bolschewismus. Und hier liegt der Kern der Sache.

Was den Bolschewismus in der nationalen Frage kennzeichnet, ist, daß er die unterdrückten Nationen, selbst die rückständigsten, nicht nur als Objekte, sondern auch als Subjekte der Politik betrachtet. Der Bolschewismus begnügt sich nicht mit der Anerkennung ihres „Rechtes“ auf Selbstbestimmung und mit parlamentarischen Protesten gegen die Mißachtung dieses Rechtes. Der Bolschewismus dringt tief in die unterdrückten Nationen ein, erhebt sich gegen die Unterdrücker, verbindet ihren Kampf mit dem Kampf des Proletariats der kapitalistischen Länder, unterweist die unterdrückten Chinesen, Inder und Araber in der Kunst des Aufstandes und nimmt die volle Verantwortung für diese Arbeit vor dem Angesicht der zivilisierten Henkersknechte auf sich. Hier erst beginnt auch der wahre Bolschewismus, d.h. der revolutionäre Marxismus der Tat. Was vor dieser Grenze stehenbleibt, bleibt alles Zentrismus.

 

Die Politik einer proletarischen Partei läßt sich nie nur auf Grund nationaler Kriterien richtig beurteilen. Für den Marxisten ist das ein Grundsatz. Was sind die internationalen Verbindungen und Sympathien der SAP? Norwegische, schwedische, holländische Zentristen, Organisationen, Gruppen, Einzelpersonen, deren passiver und provinzieller Charakter es ihnen erlaubt, sich zwischen Reformismus und Kommunismus zu halten, – das sind die nächsten Freunde. Angelica Balabanowa [9] ist eine symbolische Figur für die internationalen Verbindungen der SAP; sie versucht auch jetzt, die neue Partei mit den Splittern der Zweieinhalbten Internationale zu vereinigen.

Leon Blum [10], der Verfechter der Reparationen und sozialistische Gevatter des Bankiers Oustric [11], wird auf den Seiten des Seydewitz-Blattes „Genosse“ geheißen. Was ist das? Höflichkeit? Nein: Prinzipienlosigkeit, Charakterlosig-keit, Rückgratlosigkeit, „Kleinigkeitskrämerei“, wird irgendein Kabinettsweiser sagen. Nein, in diesen Kleinigkeiten zeigt sich der Kern der Politik viel wahrhaftiger und offener als in der abstrakten, durch keinerlei revolutionäre Erfahrung bekräftigten Anerkennung der Sowjets. Es ist sinnlos, Blum einen „Faschisten“ zu nennen und sich selbst lächerlich zu machen. Wer aber anderes als Geringschätzung und Haß für diese politische Kreatur übrig hat, ist kein Revolutionär.

Die SAP grenzt sich vom „Genossen“ Otto Bauer in jenem Rahmen ab, in dem sich auch Max Adler [12] von ihm abgrenzt. Für Rosenfeld und Seydewitz ist Bauer lediglich – und vielleicht vorübergehend – ein geistiger Gegner, während er für uns ein unversöhnlicher Feind ist, der Österreichs Proletariat in den furchtbarsten Morast hineingeführt hat.

Max Adler ist ein ziemlich empfindliches zentristisches Barometer. Auf den Gebrauch eines solchen Instruments darf man nicht verzichten, muß jedoch genau wissen, daß es den Wetterwechsel zwar registriert, aber nicht beeinflußt. Unter dem Druck der kapitalistischen Ausweglosigkeit ist Max Adler nicht ohne philosophische Bitternis bereit, die Unvermeidlichkeit der Revolution anzuerkennen. Was ist das aber für eine Anerkennung! Wieviel Klauseln und Seufzer! Das Beste wäre, wenn II. und III. Internationale sich vereinigten. Am vorteilhaftesten, den Sozialismus auf demokratischem Wege einzuführen. Aber ach, diese Methode ist offenbar nicht zu verwirklichen. Auch in den zivilisierten Ländern, nicht nur in den barbarischen, wird die Arbeiterklasse leider, leider die Revolution vollbringen müssen. Aber auch diese melancholische Anerkennung der Revolution bleibt nur ein literarisches Faktum. Bedingungen, unter denen Max Adler sagen könnte: „Es ist so weit!“, hat es niemals gegeben und wird es in der Geschichte niemals geben. Leute vom Typus Adlers sind fähig, vergangene Revolutionen zu rechtfertigen, ihre künftige Unausbleiblichkeit anzuerkennen, nie aber mögen sie hierzu in der Gegenwart aufrufen. Von dieser ganzen Gruppe alter linker Sozialdemokraten, die weder der imperialistische Krieg noch die russische Revolution verwandelt hat, ist nichts zu hoffen. Als Barometerinstrumente – vielleicht. Als revolutionäre Führer – nein!

 

Ende Dezember wandte sich die SAP an alle Arbeiterorganisationen mit der Aufforderung, im ganzen Lande Versammlungen zu organisieren, auf denen die Redner aller Richtungen über gleiche Redezeit verfügen würden. Es ist klar, auf diesem Weg läßt sich nichts erreichen. Welchen Sinn hätte es in der Tat für die Kommunistische oder die Sozialdemokratische Partei, gleichberechtigt mit Brandler, Urbahns und anderen Vertretern von Organisationen und Gruppen aufzutreten, die zu bedeutungslos sind, um auf einen besonderen Platz in der Bewegung Anspruch erheben zu können? Einheitsfront ist Einheit der kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitermassen und nicht das Paktieren politischer Gruppen, die ohne Massenanhang sind.

Man wird uns erklären: der Block Rosenfeld-Brandler-Urbahns ist nur ein Block für Einheitsfrontpropaganda. Aber gerade auf dem Gebiete der Propaganda ist die Einheitsfront unzulässig. Die Propaganda muß sich auf klare Prinzipien stützen, auf ein bestimmtes Programm. Getrennt marschieren, vereint schlagen. Der Block dient lediglich praktischen Massenaktionen. Spitzenabkommen ohne prinzipielle Grundlage können nichts als Verwirrung bringen.

Die Idee, einen Präsidentschaftskandidaten der Arbeitereinheitsfront aufzustellen, ist eine von Grund auf falsche Idee. Einen Kandidaten kann man nur auf dem Boden eines bestimmten Programms aufstellen. Die Partei hat kein Recht, während der Wahlen auf die Mobilisierung ihrer Anhänger und auf die Berechnung ihrer Kräfte zu verzichten. Die allen übrigen Kandidaturen gegenüberstehende Kandidatur der Partei wird eine Übereinkunft mit anderen Organisationen über unmittelbare Kampfziele keineswegs hindern. Sämtliche Kommunisten, ob sie nun der offiziellen Partei angehören oder nicht, werden mit aller Kraft Thälmanns Kandidatur unterstützen. Es geht nicht um Thälmann, sondern um das Banner des Kommunismus. Dieses werden wir gegen alle übrigen Parteien verteidigen. Indem sie die von der Stalinbürokratie den einfachen Kommunisten eingeimpften Vorurteile hinwegräumt, wird sich die Linke Opposition den Weg zu ihrem Bewußtsein bahnen. [1*]

 

Wie war die Politik der Bolschewiki Arbeiterorganisationen oder „Parteien“ gegenüber, die sich vom Reformismus oder Zentrismus nach links hin zum Kommunismus entwickelten?

In Petrograd bestand 1917 die Organisation der Interrayonisten, die an die 4.000 Arbeiter umfaßte. Die bolschewistische Organisation belief sich in Petrograd auf Zehntausende von Arbeitern. Nichtsdestoweniger setzte sich das Petrograder Komitee der Bolschewiki über alle Fragen mit den Interrayonisten ins Einvernehmen, unterrichtete sie über alle seine Pläne und erleichterte damit die völlige Verschmelzung.

Man könnte einwenden, die Interrayonisten hätten politisch den Bolschewiki nahegestanden. Doch beschränkte sich die Sache nicht auf die Interrayonisten. Als die Gruppe der Menschewiki-Internationalisten (Gruppe Martow [13]) sich den Sozialpatrioten entgegenstellte, unternahmen die Bolschewiki entschieden alles, um zu gemeinsamen Aktionen mit den Martow-Anhängem zu kommen, und wenn sie dies in der Mehrzahl der Fälle nicht erreichten, so war es keineswegs Schuld der Bolschewiki. Man muß hinzufügen, daß die Menschewiki-Internationalisten formell im Rahmen einer gemeinsamen Partei mit Zeretelli und Dan blieben.

Dieselbe Taktik wurde, nur in unvergleichlich breiterem Maßstab, den Linken Sozialrevolutionären gegenüber wiederholt. Die Bolschewiki reihten einen Teil der Linken Sozialrevolutionäre sogar in das Revolutionäre Militärkomitee, das Organ des Umsturzes ein, obwohl die Linken Sozialrevolutionäre damals noch immer zur gleichen Partei gehörten wie Kerenski, gegen den der Umsturz gerichtet war. Gewiß, das war nicht sehr logisch seitens der Linken Sozialrevolutionäre und bewies, daß in ihren Köpfen nicht alles in Ordnung war. Würde man aber die Stunde abgewartet haben, wo in allen Köpfen alles in Ordnung wäre, so hätte es auf der Welt nie eine siegreiche Revolution gegeben. Die Bolschewiki schlossen später mit der Partei der Linken Sozialrevolutionäre (nach der heutigen Terminologie linke „Kornilowianer“ oder linke „Faschisten“) einen Regierungsblock, der sich mehrere Monate hielt und erst nach dem Aufstand der Linken Sozialrevolutionäre sein Ende fand.

Folgendermaßen resümierte Lenin die Erfahrung der Bolschewiki mit den nach links strebenden Zentristen: „Die richtige Taktik der Kommunisten muß darin bestehen, daß man diese Schwankungen ausnutzt, keineswegs darin, daß man sie ignoriert. Um sie auszunutzen, muß man Zugeständnisse an diejenigen Elemente machen, die sich dem Proletariat zuwenden, und zwar dann, wenn sie sich dem Proletariat zuwenden, und insoweit, wie sie sich dem Proletariat zuwenden – gleichzeitig aber muß man den Kampf gegen diejenigen führen, die zur Bourgeoisie abschwenken ... Durch einen übers Knie gebrochenen ‚Beschluß‘: ‚keinerlei Kompromisse, keinerlei Lavieren‘ kann man dem Wachstum des Einflusses des revolutionären Proletariats und der Mehrung seiner Kräfte nur schaden.“ Die Taktik der Bolschewiki hatte auch in dieser Frage nichts gemein mit bürokratischem Ultimatismus.

Thälmann und Remmele waren selbst vor noch nicht allzu langer Zeit in der Unabhängigen Partei. Würden sie ihr Gedächtnis anstrengen, so gelänge es ihnen vielleicht, ihre politische Geistesverfassung jener Jahre zu rekonstruieren, als sie nach dem Bruch mit der Sozialdemokratie der Unabhängigen Partei beigetreten waren und sie nach links drängten. Was, wenn ihnen damals jemand gesagt hätte, sie seien bloß „der linke Flügel der monarchistischen Konterrevolution“? Sie hätten wahrscheinlich gedacht, ihr Ankläger sei betrunken oder verrückt. Aber gerade so bestimmen sie selbst jetzt den Charakter der SAP.

Erinnern wir uns, welche Schlüsse Lenin aus dem Entstehen der Unabhängigen Partei zog: „Warum hat in Deutschland derselbe, völlig gleichartige Drang“ (wie in Rußland 1917) „der Arbeiter von rechts nach links nicht sofort zur Stärkung der Kommunisten, sondern zunächst zur Stärkung der Zwischenpartei der ‚Unabhängigen‘ geführt ...? Eine der Ursachen war offensichtlich die fehlerhafte Taktik der deutschen Kommunisten, die diesen Fehler furchtlos und ehrlich zugeben und lernen müssen, ihn zu korrigieren. Der Fehler bestand in zahlreichen Äußerungen jener ‚linken‘ Kinderkrankheit, die jetzt offen zum Ausbruch gekommen ist und umso gründlicher, um so schneller, mit umso größerem Nutzen für den Organismus kuriert werden wird.“ Das ist ja wirklich direkt für den heutigen Tag geschrieben!

Die heutige Kommunistische Partei ist weitaus stärker als der damalige Spartakusbund. Wenn nun heute eine zweite Ausgabe der Unabhängigen Partei erscheint, zum Teil mit der gleichen Führung, lastet die Schuld umso schwerer auf der Kommunistischen Partei.

Das Entstehen der SAP ist eine widerspruchsvolle Tatsache. Besser wäre natürlich gewesen, wenn die Arbeiter direkt zur Kommunistischen Partei gegangen wären. Doch dazu hätte die Kommunistische Partei eine andere Politik und eine andere Führung haben müssen. Bei der Einschätzung der SAP darf man nicht von einer kommunistischen Idealpartei ausgehen, sondern von der, die es wirklich gibt. Soweit die Kommunistische Partei auf den Positionen des bürokratischen Ultimatismus verharrt und den zentrifugalen Kräften innerhalb der Sozialdemokratie entgegenwirkt, war das Entstehen der SAP eine unvermeidliche und progressive Tatsache.

Der progressive Charakter dieser Tatsache wird aber außerordentlich gemindert durch die zentristische Führung. Würde sie festen Fuß fassen, wäre das das Verderben der SAP. Sich mit dem Zentrismus der SAP ihrer allgemein progressiven Rolle wegen auszusöhnen, hieße ihre progressive Rolle liquidieren.

Die an der Spitze der Partei stehenden, im Manövrieren erfahrenen Versöhnlerelemente werden auf jede Weise versuchen, die Gegensätze auszulöschen und die Krise hinausschieben. Aber diese Mittel reichen bloß bis zum ersten ernsthaften Ansturm der Ereignisse. Die Krise der Partei kann sich gerade am Siedepunkt der revolutionären Krise entwickeln und ihre proletarischen Elemente lähmen. Aufgabe der Kommunisten ist es, den Arbeitern der SAP rechtzeitig zu helfen, ihre Reihen vom Zentrismus zu säubern und sich der zentristischen Führerschaft zu entledigen. Dazu ist nötig, nichts zu verschweigen, die guten Absichten nicht für Taten zu nehmen und alles beim richtigen Namen zu nennen. Aber wirklich mit dem und nicht mit einem ausgedachten. Kritisieren, nicht verleumden! Annäherung suchen, nicht vor den Kopf stoßen!

Über den linken Flügel der Unabhängigen Partei schrieb Lenin: „Ein ‚Kompromiß‘ mit diesem Flügel der Partei zu fürchten, wäre geradezu lächerlich. Im Gegenteil, die Kommunisten müssen unbedingt die geeignete Form eines Kompromisses mit ihm suchen und finden, eines Kompromisses, das einerseits die notwendige völlige Verschmelzung mit diesem Flügel erleichtern und beschleunigen, andererseits aber die Kommunisten in ihrem ideologischen und politischen Kampf gegen den opportunistischen rechten Flügel der ‚Unabhängigen‘ in keiner Weise behindern würde.“ Dieser taktischen Direktive ist auch heute fast nichts hinzuzufügen.

Den linken Elementen der SAP sagen wir: „Revolutionäre werden nicht nur in Streiks und Straßenkämpfen gestählt, sondern vor allem – im Kampf um die richtige Politik der eigenen Partei. Nehmt die 21 Bedingungen, die seinerzeit für die Aufnahme neuer Parteien in die Komintern ausgearbeitet wurden. Nehmt die Arbeiten der Linken Opposition, wo die 21 Bedingungen auf die politische Entwicklung der letzten 8 Jahre angewendet sind. Eröffnet im Lichte dieser Bedingungen eine planmäßige Offensive gegen den Zentrismus in den eigenen Reihen und führt die Sache bis zum Ende. Sonst wird Euch nichts bleiben als die wenig ehrenvolle Rolle der linken Deckung des Zentrismus.“

Und weiter? Weiter – mit dem Gesicht zur KPD. Die Revolutionäre stehen durchaus nicht zwischen SPD und Kommunistischer Partei, wie Rosenfeld und Seydewitz es wünschen. Nein, die sozialdemokratischen Führer bilden die Agentur des Klassenfeindes im Proletariat. Die kommunistischen Führer sind verwirrte, schlechte, ungeschickte, vom Wege abgekommene Revolutionäre oder Halbrevolutionäre Das ist nicht ein und dasselbe. Die Sozialdemokratie muß man zerstören. Die Kommunistische Partei korrigieren. Ihr sagt, das sei unmöglich? Aber habt Ihr überhaupt versucht, die Sache ernsthaft anzupacken?

Gerade jetzt, wo die Kommunistische Partei unter dem Druck der Ereignisse steht, müssen wir durch den Druck unserer Kritik den Ereignissen nachhelfen. Die kommunistischen Arbeiter werden uns umso aufmerksamer anhören, je rascher sie sich praktisch davon überzeugen werden, daß wir keine „dritte Partei“ wollen, sondern ehrlich bemüht sind, ihnen wirklich zu helfen, die bestehende Kommunistische Partei zum wirklichen Führer der Arbeiterklasse umzuwandeln.

– Und wenn es nicht gelingt?

– Wenn es nicht gelänge, würde das in der jetzigen geschichtlichen Situation fast unvermeidlich den Sieg des Faschismus bedeuten. Doch vor großen Kämpfen fragt der Revolutionär nicht danach, was sein wird, wenn es nicht gelingt, sondern was zu tun ist, damit es gelingt. Das ist möglich, das ist realisierbar.


Fußnote von Trotzki

1*. In der Permanenten Revolution ist leider ein Artikel zur Verteidigung eines einheitlichen Arbeiterkandidaten erschienen, der freilich nicht von der Redaktion stammt. Es kann kein Zweifel bestehen, daß die deutschen Bolschewiki-Leninisten eine solche Haltung ablehnen werden.

 

Anmerkungen

1. Heinrich Ströbel (1869-1943): linker Sozialdemokrat; später Mitglied der USPD; noch später für eine kurze Zeit Mitglied der SAP.

2. Revolutionäre Gewerkschaftsorganisation: von Kommunisten geführte Gewerkschaftsorganisation, die als Opposition zum von Sozialdemokraten geführten Gewerkschaftsbund gegründet wurde; taktisch gesehen war es ein verheerender Fehler, weil er kommunistische Militanten von der Masse der Gewerkschafter trennte.

3. Salomon Losowski (1878-1932): ehemaliger Menschewik; Sekretär der Roten Gewerkschaftsinternationale ab ihrer Gründung 1921; später stellvertretender Volkskommissar für russischen Außenpolitik und Chef des Sowjetischen Informationsbüros; 1952 erschossen.

4. Paul Levi (1883-1930): Spartakist; enger Mitarbeiter von Rosa Luxemburg; Gründungsmitglied der KPD; wichtiger Führer nach der Ermordung von Luxemburg, Liebknecht und Jogiches; Gegner der Märzaktion; trat deswegen aus der Partei aus; wurde später Mitglied der SPD.

5. Bela Kun (1886-1939): ungarischer Kommunist; führender Persönlichkeit in der Ungarischen Sowjetrepublik 1919; Vertreter der Komintern in Deutschland während der Märzaktion 1921; Mitglied der KPdSU während der 1930er Jahre; in Rußland erschossen 1939.

6. Georg Ledebour (1850-1947): langjähriger Sozialdemokrat; Gründer der USPD 1917; Mitglied des Berliner Arbeiterrats 1918; Gegner des Beitritts der USPD in die Komintern; später Mitglied der SAP.

7. James Ramsay MacDonald (1866-1937): Ministerpräsident der ersten britischen Labour-Regierung 1924; verriet die Partei während seiner zweiten Amtsperiode 1929-31 und bildete Nationalregierung mit den Konservativen.

8. Otto Bauer (1881-1938): Führer der österreichischen Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg; Theoretiker des Austromarxismus.

9. Angelika Balabanowa (1878-1965): russisch-italienische Führerin der PSI vor dem Ersten Weltkrieg; wurde erste Sekretärin der Komintern unter Sinowjew; trat nach dem Kronstädter Aufstand zurück; kehrte zur PSI zurück.

10. Leon Blum (1872-1950): Führer der französischen Sozialistischen Partei; Ministerpräsident in der Volksfront-Regierung 1936-37.

11. Albert Oustric: französischer Bankier und Spekulant.

12. Max Adler (1873–1940): führender Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie und des Austromarxismus; versuchte Marxismus und Kantianismus zu verschmelzen.

13. Julius Martow (1873-1923): ab 1895 Mitarbeiter von Lenin im Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse in St. Petersburg; von Anfang an Mitarbeiter und Redakteur von Iskra; 1903 Bruch mit Lenin beim zweiten Kongreß der RSDAP über die Frage der Mitgliedschaftsbedingungen; führender Menschewik; Gegner des Ersten Weltkriegs als Führer der Menschewiki-Internationalisten; Gegner der Oktoberrevolution; wanderte 1920 nach Deutschland aus.

 


Zuletzt aktualiziert am 20 December 2009