Leo Trotzki

 

Stalins Verbrechen


Im „sozialistischen“ Norwegen


Fast anderthalb Jahre, von Juni 1935 bis September 1936, verbrachte ich mit meiner Frau im norwegischen Dorfe Veksal, 60 Kilometer von Oslo entfernt, in der Familie des Redakteurs der Arbeiterzeitung, K. Knudsen. Der Wohnort war uns von der norwegischen Regierung von Anfang an zugewiesen worden. Unser Leben verlief äußerst gleichmäßig und friedlich, man hätte sagen können – kleinbürgerlich. Man gewöhnte sich bald an uns. Die Beziehungen mit der uns umgebenden Bevölkerung waren fast wortlos, aber absolut freundschaftlich. Einmal in der Woche besuchten wir gemeinsam mit der Familie Knudsen das nächste Kino, wo man die vorjährigen Hollywooder Sensationen zeigte. Manchmal, hauptsächlich im Sommer, besuchten uns ausländische Freunde, in der Mehrzahl Vertreter des linken Flügels der Arbeiterbewegung. Das Leben der Welt belauschten wir durchs Radio: dieses zauberhafte und unerträgliche Instrument hatten wir erst vor etwa drei Jahren zu benutzen begonnen.

Am meisten verblüfften uns die administrativen Unterhaltungen der Sowjetbürokratie, die wir anhörten. Diese Menschen fühlen sich im Äther wie zu Hause. Sie befehlen, drohen, schimpfen, ohne elementare Vorsicht walten zu lassen in Bezug auf Staatsgeheimnisse. Die feindlichen Stäbe holen sich zweifellos die wertvollsten Informationen aus der Offenheit der großen und kleinen „Führer“ der Sowjetunion. Und das alles geschieht in einem Lande, wo ein der Opposition verdächtiger Mensch stets riskiert, der Spionage beschuldigt zu werden! Der zentrale Moment des Tages in Veksal war die Ankunft der Post. Gegen ein Uhr mittags begannen wir ungeduldig auf unseren invaliden Briefträger zu warten, der uns die Post im Winter mit einem Schlitten, im Sommer mit dem Rade brachte: ein schweres Zeitungspaket und Briefe mit Marken aus allen Teilen der Erde.

Unsere außerordentlich umfangreiche Korrespondenz bereitete viel schlaflose Nächte nicht nur dem Polizeimeister von Hönefoss, einem kleinen Nachbarstädtchen mit einer Bevölkerung von viertausend Menschen, sondern auch der sozialistischen Regierung in Oslo selbst, was wir allerdings erst später erfahren sollten. Wie sind wir nach Norwegen geraten? Darüber muss man einige Worte sagen. Die norwegische Arbeiterpartei hatte früher zur Komintern gehört, später mit ihr gebrochen – nicht allein durch die Schuld der Komintern –, war aber in die II. Internationale, als für sie angeblich zu opportunistisch, nicht hineingegangen.

Als die Partei an die Macht gekommen war (im Jahre 1935), lastete auf ihr noch ihr gestriger Tag. Ich beeilte mich, Oslo um ein Visum anzusuchen, in der Hoffnung, in diesem ruhigen Lande mich unbehindert meinen literarischen Arbeiten hingeben zu können. Nach einigen Schwankungen und Reibungen in der Parteispitze war die Regierung bereit, mich ins Land zu lassen. Die Bedingung der „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“ usw. unterschrieb ich ohne Bedenken, da ich gar keine Absicht hatte, mich mit der norwegischen Politik zu beschäftigen.

Bei der ersten Berührung mit der Parteispitze verspürte ich den Atem eines dumpfen Konservativismus, der so schonungslos in den Stücken Ibsens enthüllt ist. Das Zentralorgan der Partei, Arbeiterbladet, beruft sich zwar nicht auf die Bibel und Luther, sondern auf Marx und Lenin, bleibt aber durchdrungen von jener philiströsen Beschränktheit, für die Marx und Lenin einen unüberwindlichen Widerwillen empfanden ... Ihre Hauptambition sah die „sozialistische“ Regierung darin, sich so wenig wie möglich von ihren reaktionären Vorgängerinnen zu unterscheiden. Die ganze alte Bürokratie saß auf ihren Plätzen.

Zum Guten oder zum Bösen? Ich bekam bald Gelegenheit, mich durch eigene bittere Erfahrung davon zu überzeugen, dass manch bürgerlicher Beamter einen viel weiteren Horizont und ein stärkeres Gefühl der eigenen Würde besitzt als die Herren „sozialistischen“ Minister. Rechnet man nicht den halboffiziellen Besuch, den mir bald nach meiner Ankunft der Parteiführer Martin Tranmæl (in den Vereinigten Staaten hatte dieser Mensch zur IWW gehört – Jugendsünden!) und der Justizminister Trygve Lie gemacht haben, stand ich mit den Regierungsspitzen in keinerlei persönlicher Beziehung.

Ich mied auch mit den Tiefen der Partei jede Berührung, um nicht den Verdacht der Einmischung in die Politik des Landes zu erwecken. Ich lebte mit meiner Frau, wie schon gesagt, sehr isoliert und hatte keinen besonderen Grund, mich darüber zu beklagen. Mit der Familie Knudsen hatten sich bei uns sehr freundschaftliche Beziehungen herausgebildet, aus denen die Politik nach beiderseitigem stillschweigendem Übereinkommen ausgeschlossen war. In den Pausen zwischen den Krankheitsanfällen arbeitete ich an meinem Buch Die verratene Revolution, wo ich die Gründe für den Sieg der Sowjetbürokratie über die Partei, die Sowjets und das Volk aufzudecken versuchte und die Perspektiven der weiteren Entwicklung der UdSSR aufzeigen wollte.

Am 5. August (1936) sandte ich die ersten Exemplare des fertigen Manuskriptes an den amerikanischen und an den französischen Übersetzer ab. Am gleichen Tage reisten wir mit dem Ehepaar Knudsen nach dem Süden Norwegens, um zwei Wochen am Meere zu verbringen. Aber schon am nächsten Morgen erfuhren wir unterwegs, dass in der vergangenen Nacht von norwegischen Faschisten ein Überfall auf unsere Wohnung verübt worden war, mit der Absicht, meine Archive zu rauben.

Die Aufgabe bot an sich keine Schwierigkeiten: das Haus war von keinem bewacht und die Schränke waren nicht abgeschlossen. Die Norweger sind derart an den ruhigen Rhythmus ihrer Demokratie gewöhnt, dass man nicht einmal von Freunden die Wahrung der elementarsten Vorsichtsmaßregeln erreichen konnte. Die Faschisten drangen um Mitternacht ein, zeigten falsche Polizeiabzeichen und versuchten sofort eine „Haussuchung“ vorzunehmen. Die Tochter unseres Wirtes, die zu Hause geblieben war, witterte gleich etwas Schlimmes, verlor die Geistesgegenwart nicht, stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Tür meines Zimmers und erklärte, sie werde niemand hineinlassen. Fünf Faschisten, in ihrem Handwerk wohl noch unerfahren, wurden stutzig vor dem Mut des jungen Mädchens.

Inzwischen schlug der jüngere Bruder Alarm. Es tauchten in Nachtgewändern Nachbarn auf. Die Helden verloren den Kopf und stürzten davon, nachdem sie vom nächst stehenden Tisch einige zufällige Dokumente an sich gerissen hatten. Die Polizei vermochte am nächsten Tag mühelos die Einbrecher festzustellen.

Es konnte scheinen, dass das Leben wieder in seine ruhigen Ufer zurückkehren würde. Auf unserer wiederaufgenommenen Reise nach dem Süden mussten wir jedoch bald feststellen, dass uns ein Auto mit vier Faschisten unter Führung des Propagandachefs, Ingenieur N., auf den Fersen folgte. Erst am Ende unserer Reise gelang es uns, die Verfolger loszuwerden: wir ließen ihren Wagen einfach nicht auf die Fähre, die uns auf die andere Seite des Fjords übersetzte.

Verhältnismäßig ruhig verbrachten wir zehn Tage auf der kleinen Insel, in dem einzigen Fischerhäuschen zwischen den Felsen. Unterdessen nahten die Wahlen für den Storthing. Jedes der Lager suchte Sensationsnummern für sein nicht sehr originelles Programm. Die Blätter der Regierungsparteien (in Norwegen mit seiner Bevölkerung von insgesamt drei Millionen, besitzt die Arbeiterpartei 35 Tageszeitungen und etwa ein Dutzend Wochenblätter) eröffneten eine Kampagne gegen die Faschisten, und zwar in sehr gemäßigten Tönen. Die rechte Presse antwortete mit einer wütenden Hetze gegen mich und die Regierung, die mir ein Visum gegeben hatte. Meine politischen Artikel, die ungehindert in den verschiedensten Ländern der Welt erschienen waren, wurden jetzt sorgfältigst von der norwegischen reaktionären Presse gesammelt, in aller Eile übersetzt und unter den sensationellsten Überschriften nachgedruckt. Ganz unerwartet geriet ich in den Brennpunkt der norwegischen Politik.

Bei den Arbeitermassen hatte der faschistische Überfall eine außerordentliche Empörung hervorgerufen. „Wir sind gezwungen, Öl auf die Wogen zu gießen“, klagten mit tiefsinnigen Mienen die sozialdemokratischen Führer. „Warum eigentlich?“ „Weil die Massen sonst die Faschisten in Stücke reißen werden.“ Die Erfahrungen einer Reihe von europäischen Ländern haben diese Herren nichts gelehrt: sie ziehen es vor, zu warten, bis die Faschisten sie in Stücke reißen werden. Ich enthielt mich jeder Polemik sogar in Privatgesprächen: jedes unvorsichtig geäußerte Wort konnte in die Presse kommen. Es blieb nichts anderes übrig, als mit den Achseln zu zucken und abzuwarten. Noch einige Tage kletterten wir friedlich in den Felsen herum oder fischten.

Unterdessen verdichteten sich im Osten viel bedrohlichere Wolken. Dort ging man daran, der Welt zu verkünden, ich arbeite Hand in Hand mit den Nationalsozialisten an dem Sturze der Sowjets. Der Überfall auf mein Archiv und die wüste Hetze der faschistischen Presse gegen mich kamen Moskau sehr ungelegen. Aber solcher Lappalien wegen konnte man doch nicht haltmachen! Im Gegenteil, es ist möglich, dass man unter dem Einfluss der norwegischen Ereignisse in Moskau beschlossen hatte, die Inszenierung des Prozesses zu beschleunigen.

Man braucht nicht zu betonen, dass die Sowjetgesandtschaft in Oslo keine Zeit verlor. Am 13. August kam der Chef der Kriminalpolizei, Swen, mit dem Flugzeug auf unsere kleine Insel, um mich in Sachen des Faschistenüberfalls als Zeugen zu vernehmen. Die so eilige Vernehmung geschah auf direkten Befehl des Justizministers: das versprach nichts Gutes. Swen zeigte einen mir von den Faschisten geraubten und von der norwegischen Presse bereits veröffentlichten Brief (ganz harmlosen Inhalts) an einen Freund in Paris und bat mich, Erklärungen über meine Tätigkeit in Norwegen zu geben.

Der Polizeibeamte motivierte seine Fragen damit, dass die Faschisten zur Rechtfertigung ihres nächtlichen Überfalls sich auf den verbrecherischen Charakter meiner Tätigkeit berufen. Ein faschistischer Advokat habe sogar den Reichsstaatsanwalt aufgefordert, mich „wegen Handlungen, die Norwegen in einen Krieg hineinziehen“ könnten, anzuklagen. Das Verhalten von Swen selbst war vollkommen korrekt: er spürte den unangebrachten Charakter der Fragen, die ihm von oben diktiert worden waren. Auf Grund meiner ausführlichen Aussagen erklärte er Pressevertretern, dass er in meinen Handlungen nichts Ungesetzliches oder den Interessen Norwegens Feindliches finden könne.

Man hätte wiederum glauben sollen, „der Fall ist erledigt“. In Wirklichkeit entwickelte er sich erst. Der Justizminister, vor kurzem noch Mitglied der Kommunistischen Internationale, teilte keinesfalls die liberale Schwäche des Chefs der Kriminalpolizei. Noch weniger zeigte sich zur Milde geneigt der Premierminister Nygaardsvold. Er brannte darauf, seine feste Hand zu zeigen – natürlich nicht gegen die Faschisten, die meine Wohnung überfallen hatten. Die Faschisten blieben frei, sie standen unter dem Schutz der demokratischen Konstitution.

Am 14. August verbreitete die TASS in der ganzen Welt die Nachricht von der Entdeckung einer terroristischen Verschwörung der Trotzkisten und Sinowjewisten. Als erster vernahm diese Mitteilung am Radio unser Hauswirt, Konrad Knudsen. Auf der Insel jedoch gab es keine Elektrizität, die Antennen waren sehr primitiv und wie zum Trotz arbeitete der Apparat an diesem Abend miserabel. „Trotzkistisch-sinowjewistische Gruppen“ ... „konterrevolutionäre Tätigkeit“ ... das war alles, was Knudsen verstehen konnte. „Was bedeutet das?“ fragte er mich. „Irgendeine größere Schweinerei seitens Moskaus“, antwortete ich. Aber welcher Art?

Am frühen Morgen traf aus der benachbarten Stadt Cristiansand ein befreundeter norwegischer Journalist ein mit dem Text der TASS-Meldung. Obwohl auf vieles, sogar auf alles gefasst, wollte ich doch meinen Augen nicht trauen: die Nachricht schien mir unwahrscheinlich in ihrer Verbindung von Lumperei, Frechheit und Dummheit. „Gut, Terrorismus, das kann man verstehen ... aber Gestapo?“ wiederholte ich staunend, „wurde es so gesagt: Gestapo?“ „Ja, es wurde so gesagt“ ... Also nach dem kürzlichen Überfall der Faschisten beschuldigen mich die Stalinisten der Verbindung mit den Faschisten? Ja, so scheint es doch ... Nein, es gibt für alles Grenzen: eine solche Beschuldigung konnte nur ein besoffener, analphabetesker Agent Provokateur verfassen! ... Ich diktierte dem Journalisten sofort meine erste Erklärung über den bevorstehenden Prozess. Man musste sich auf Kampf vorbereiten, denn es nahte ein grandioser Schlag: um nebensächliche Zwecke würde sich der Kreml nicht mit solch scheußlichen Fälschungen kompromittieren.

Der Prozess überraschte nicht nur die Meinung der Weltöffentlichkeit, sondern auch die Komintern. Die norwegische kommunistische Partei hatte trotz ihrer Feindseligkeit gegen mich für den 14. August eine öffentliche Protestversammlung einberufen, die den Überfall der Faschisten zum Thema hatte ... einige Stunden bevor die TASS mich selbst zu den Faschisten zählte.

Später hatte das französische Organ Stalins, die Humanité, ein Telegramm aus Oslo veröffentlicht, wonach die Faschisten mir in der Nacht eine freundschaftliche „Visite“ gemacht hätten und die norwegische Regierung in diesem nächtlichen Rendezvous eine Einmischung meinerseits in die innere Politik des Landes erblicke. Diese Herren haben sich die Scham abgewöhnt und sind jedenfalls zu allem bereit, um ihr Gehalt zu rechtfertigen.

Schon in meiner ersten Erklärung an die Presse forderte ich eine öffentliche Untersuchung der Moskauer Beschuldigungen. Als Ergänzung zu meinen Aussagen sandte ich Swen einen Brief, der für den Druck bestimmt war.

„Als mir die Regierung dieses Landes das Visum gab,“ schrieb ich, „wusste sie, dass ich ein Revolutionär und einer der Initiatoren der neuen Internationale bin. Mich streng von jeder Einmischung in das innere Leben Norwegens zurückhaltend, glaubte und glaube ich nicht, dass die norwegische Regierung berufen ist, meine literarische Tätigkeit in anderen Ländern zu kontrollieren, um so weniger als meine Bücher und Artikel in keinem Lande Gegenstand gerichtlicher Verfolgung waren. Meine Korrespondenz berührt die gleichen Ideen wie meine literarischen Arbeiten. Sie gefallen sicher den Faschisten und Stalinisten nicht, aber dagegen kann ich nichts tun. In den letzten Tagen hat sich jedoch eine neue Tatsache ereignet, die alles das weit hinter sich lässt, was die reaktionäre Presse je über mich schrieb. Das Moskauer Radio beschuldigt mich unerhörter Verbrechen. Wenn nur ein Teilchen dieser Beschuldigungen wahr wäre, ich verdiente tatsächlich nicht die Gastfreundschaft des norwegischen oder irgendeines anderen Volkes. Aber was die Moskauer Beschuldigungen betrifft, so bin ich bereit, vor jeder unparteiischen Untersuchungskommission, vor jedem öffentlichen Gericht sofort Rechenschaft abzulegen. Ich nehme es auf mich, zu beweisen, dass die Ankläger selbst die Verbrecher sind.“

Dieser Brief wurde in den meisten norwegischen Zeitungen abgedruckt. Man muss betonen, dass die Presse der Regierungspartei in Bezug auf den Moskauer Prozess von Anfang an eine Position des offenen Misstrauens einnahm. Martin Tranmæl und seine Kollegen hatten nicht umsonst in gar nicht ferner Vergangenheit der Komintern angehört. Sie wussten, was die GPU ist und sie kannten deren Methoden! Außerdem war die Stimmung der Arbeitermassen, aufgewühlt durch den Überfall der Faschisten, völlig auf meiner Seite. Die rechte Presse hatte den Kopf ganz verloren: bis zum gestrigen Tage behauptete sie, ich handle im geheimen Bunde mit Stalin an der Vorbereitung von Aufständen in Spanien, in Frankreich, Belgien und, natürlich, in Norwegen. Sie verzichtete auf diese Beschuldigung auch heute nicht. Gleichzeitig jedoch nahm sie die Moskauer Bürokratie gegen meine terroristischen Attentate in Schutz.

Zu Beginn des Moskauer Prozesses waren wir von unserer Insel nach Veksal zurückgekehrt. Aus den norwegischen Zeitungen entzifferte ich mit einem Wörterbuch in der Hand die Prozessberichte der TASS. Ich hatte das Gefühl, als sei ich in eine Anstalt für Tobsüchtige geraten. Unsere Wohnung und unser Telefon wurden von Journalisten belagert. Das norwegische Telegraphenbüro brachte noch gewissenhaft meine Widerlegungen, die die Runde durch die Welt machten.

Gerade in diesem Augenblick kamen mir junge Freunde zu Hilfe, die schon früher als meine Sekretäre bei mir tätig gewesen waren: Erwin Wolff aus der Tschechoslowakei und Jean van Heijenoort aus Frankreich. Sie waren uns ganz unentbehrlich in jenen unruhigen und heißen Tagen, als wir in Erwartung zweier Lösungen lebten, von denen sich die eine in Moskau, die andere in Oslo vorbereiteten.

Ohne die Ermordung der Angeklagten würde keiner die Anklage ernst genommen haben. Ich erwartete mit Sicherheit die Erschießung als das unvermeidliche Finale. Und dennoch, als ich durch das Pariser Radio vernahm (die Stimme des Ansagers zitterte, als er diesen Bericht gab), dass Stalin alle Angeklagten erschossen hatte, darunter vier alte Mitglieder des bolschewistischen Zentralkomitees, konnte ich der Nachricht kaum Glauben schenken.

Nicht die Grausamkeit des Strafgerichts an sich hatte mich erschüttert: die Epoche der Kriege und der Revolutionen ist eine grausame Epoche, und sie ist unser zeitliches Vaterland. Es erschütterten die kalte Bösartigkeit der Fälschung, das sittliche Gangstertum der regierenden Clique, der Versuch, die öffentliche Meinung der ganzen Menschheit, die heutigen und die künftigen Geschlechter zu betrügen.

„Der Kain Dschugaschwili hat seinen Höhepunkt erreicht!“, sagte ich zu meiner Frau, als die erste Erstarrung vorbei war.

Die Weltpresse aller Richtungen begegnete dem Moskauer Prozess mit offenem Misstrauen. Sogar die gewerbsmäßigen „Freunde“ schwiegen verlegen. Nicht ohne Mühe brachte man von Moskau aus das verzweigte Netz der untergebenen, halb untergebenen und „befreundeten“ Organisationen in Bewegung. Die internationale Verleumdungsmaschine geriet nur allmählich in Schwung: an Schmiermaterial fehlte es nicht.

Der wichtigste Transmissions-Mechanismus war selbstverständlich der Komintern-Apparat. Die norwegische kommunistische Zeitung, die gestern noch gezwungen gewesen war, mich gegen die Faschisten in Schutz zu nehmen, änderte sofort ihren Ton. Jetzt verlangte sie von der Regierung, dass man mich aus dem Lande weise, vor allem, mir den Mund zustopfe. Die Funktion der heutigen Komintern-Presse ist bekannt: wenn sie von nebensächlichen Aufträgen der Sowjetbürokratie frei ist, führt sie die schmutzigsten Aufgaben der GPU durch. Der Telegraph zwischen Moskau und Oslo arbeitete ununterbrochen.

Die nächste Aufgabe bestand darin, mir die Aufdeckung der Fälschung unmöglich zu machen. Die Bemühungen waren nicht vergeblich. In den norwegischen Regierungssphären vollzog sich ein Umschwung, den weite Kreise der Partei zuerst nicht bemerkten und später nicht begriffen. über die intimen Triebfedern dieses Umschwunges werden wir nicht so bald etwas erfahren ...

Am 26. August, nachdem unser Hof von acht Polizeibeamten in Zivil besetzt worden war, erschien in unserer Wohnung der Chef der norwegischen Polizei, Askvig, und ein Beamter des „Zentralen Passbüros“, in dessen Händen sich die Überwachung der Ausländer befindet. Die hohen Besucher verlangten von mir, mich schriftlich mit neuen Aufenthaltsbestimmungen für Norwegen einverstanden zu erklären: ich sollte mich verpflichten, von nun an über aktuelle politische Themen nicht zu schreiben, keine Interviews zu geben und damit einverstanden zu sein, dass meine gesamte Korrespondenz, sowohl die eingehende wie die abgehende, von der Polizei kontrolliert werde. Mit keinem Wort den Moskauer Prozess erwähnend, führte das Dokument als Beweis meiner verbrecherischen Tätigkeit nur meinen Artikel über französische Angelegenheiten an, der in der amerikanischen Wochenschrift Nation abgedruckt war, und meinen offenen Brief an den Chef der Kriminalpolizei, Swen.

Es war vollkommen klar, dass die norwegische Regierung den ersten besten Vorwand benutzte, um die wirklichen Gründe ihrer Wendung zu verbergen. Erst später begriff ich, wozu der Regierung meine Unterschrift notwendig war: die norwegische Konstitution sieht keinerlei Beschränkungen vor für gerichtlich unbelastete Personen; dem findigen Justizminister blieb nichts anderes übrig, als die Lücke im Gesetz mit Hilfe meines „freiwilligen“ Gesuchs, mir Hand- und Fußfesseln anzulegen, auszufüllen.

Ich lehnte entschieden ab. Im Namen des Ministers wurde mir sofort mitgeteilt, dass von nun an weder Journalisten, noch überhaupt Fremde zu mir zugelassen werden würden; ein neuer Aufenthaltsort für mich und meine Frau werde mir von der Regierung bald angewiesen werden. Ich versuchte, dem Minister einige einfache Wahrheiten schriftlich klar zu machen: Der Beamte, der die Fremdenpässe zu kontrollieren hat, sei nicht kompetent, meine literarische Tätigkeit zu kontrollieren, außerdem: meine Freiheit im Verkehr mit der Presse einzuschränken in einem Augenblick, wo ich die Zielscheibe böswilliger Beschuldigungen bin, bedeute, sich auf die Seite der Ankläger zu stellen.

Das alles war richtig. Die Sowjetgesandtschaft jedoch fand stärkere Argumente. Am nächsten Morgen brachten mich Polizeibeamte nach Oslo zur Vernehmung, noch immer als „Zeugen“ in Sachen des faschistischen Überfalls.

Der Untersuchungsrichter bewies jedoch wenig Interesse für den Überfall. Dafür aber verhörte er mich zwei Stunden lang über meine politische Tätigkeit, meine Verbindungen, meine Besucher. Längere Debatten entwickelten sich um die Frage, ob ich in meinen Artikeln die Regierungen anderer Staaten kritisiere. Ich leugnete es selbstverständlich nicht. Der Richter fand, eine solche Kritik widerspreche der von mir übernommenen Verpflichtung, gegen andere Staaten feindliche Handlungen zu unterlassen. Ich antwortete, dass Regierung und Staat nur in totalitären Ländern identifiziert werden. Das demokratische Regime betrachte Kritik an einer Regierung nicht als Angriff auf den Staat. Was bliebe sonst vom Parlamentarismus übrig? Der einzige vernünftige Sinn der von mir unterschriebenen Bedingung war, dass ich mich verpflichtete, Norwegen nicht zur Operationsbasis für irgendeine illegale, verschwörerische Tätigkeit zu machen. Doch konnte es mir nicht in den Sinn gekommen sein, dass ich, in Norwegen lebend, nicht in andern Ländern Artikel publizieren dürfe, die den Gesetzen der betreffenden Länder nicht widersprechen. Der Richter war jedoch anderer Meinung; jedenfalls hatte er andere Direktiven, wenn auch nicht ganz artikulierte, so doch, wie es sich herausstellte, ausreichende für meine Internierung.

Aus dem Gerichtsgebäude führte man mich zum Justizminister, der, umgeben von hohen Beamten seines Ministeriums, mich empfing. Es wurde mir wiederum zugemutet, mit kleinen Abänderungen das gleiche Gesuch um offene Polizeiaufsicht zu unterschreiben, das ich am Vortage abgelehnt hatte. „Wenn Sie mich verhaften wollen, wozu brauchen Sie meine Erlaubnis?“ „Aber zwischen Haft und voller Freiheit gibt es noch einen Zwischenzustand“, antwortete vielsagend der Minister. „Zwischenzustand – das bedeutet eine Zweideutigkeit oder eine Falle: ich ziehe eine Verhaftung vor!“

Der Minister kam meinem Wunsche entgegen und gab unverzüglich die nötigen Anordnungen. Die Polizisten stießen Erwin Wolff, der mich zum Verhör begleitet und die Absicht hatte, mit mir nach Hause zurückzukehren, brutal beiseite. Vier Konstabler, diesmal uniformierte, brachten mich nach Veksal. Im Hofe konnte ich sehen, wie andere Polizisten van Heijenoort an den Schultern zum Tore hin drängten. Besorgt kam meine Frau heraus gelaufen. Man hielt mich im geschlossenen Automobil fest, um im Hause unsere Isolierung von der Familie Knudsen vorzubereiten. Die Polizisten besetzten das Esszimmer und schalteten das Telefon aus.

Von nun an wurden wir wie Gefangene behandelt. Die Hausfrau brachte uns Essen unter Aufsicht von zwei Polizisten. Die Tür zu unserm Zimmer blieb stets halb geöffnet. Am 2. September transportierte man uns in das Haus Sundby im Dorfe Storsand, 36 Kilometer von Oslo entfernt, am Ufer eines Fjords, wo wir drei Monate und 20 Tage unter Aufsicht von dreizehn Polizeibeamten blieben. Unsere Korrespondenz ging über das Zentrale Passbüro, das keinen Grund sah, besondere Eile zu entwickeln. Niemand durfte uns besuchen. Um dieses Regime, das in der norwegischen Konstitution keine Stütze fand, zu rechtfertigen, war die Regierung gezwungen, eine Ausnahmeverordnung anzunehmen. Was meine Frau betrifft, so wurde sie interniert, sogar ohne den Versuch irgendeiner Erklärung.

Die norwegischen Faschisten konnten, sollte es scheinen, einen Sieg feiern. In Wirklichkeit war der Sieg nicht von ihnen errungen. Das Geheimnis unserer Internierung ist im Wesentlichen einfach. Die Moskauer Regierung hatte mit dem Boykott der norwegischen Handelsflotte gedroht und sogleich die Macht dieser Drohung spüren lassen. Die Schiffsbesitzer stürzten zur Regierung: macht was ihr wollt, aber gebt uns sofort die Sowjetbestellungen wieder! Die norwegische Handelsflotte, der Stärke nach die vierte in der Welt, nimmt entscheidenden Platz im Leben des Landes ein, und die Schiffsbesitzer bestimmen seine Politik, unabhängig von der jeweiligen Regierung. Stalin benutzte das Außenhandels-Monopol, um mich an der Entlarvung der Fälschung zu hindern. Das norwegische Großkapital kam ihm zu Hilfe.

Zu ihrer Rechtfertigung sagten die sozialistischen Minister: „Wir können ja nicht die Lebensinteressen unserer Bevölkerung Trotzkis wegen opfern!“ Das ist der wahre Grund unserer Internierung. Am 17. August, das heißt nachdem die Faschisten bereits den Kübel ihrer Enthüllungen und Moskau den Kübel seiner Beschuldigungen ausgeschüttet hatten, schrieb Martin Tranmæl im Arbeiterbladet:

„Während seines Aufenthalts in unserem Lande hat Trotzki die Bedingungen genau erfüllt, die ihm bei der Einreise nach Norwegen gestellt wurden.“

Indes war Tranmæl in seiner Eigenschaft als Redakteur besser als sonst einer über meine literarische Tätigkeit unterrichtet, auch über jene Artikel, die wenige Tage später die Grundlage für den Bericht des Passbüros bildeten. Sobald aber der Bericht von der Regierung gutgeheißen war (die diesen Bericht selbst bestellt hatte ... auf vorherige Bestellung Moskaus), begriff Tranmæl sofort, dass an allem Trotzki schuld war. In der Tat, warum hat er auf seine Ansichten oder mindestens auf deren offene Äußerung nicht verzichtet? Dann hätte er ruhig die Segnungen der norwegischen Demokratie genießen können.

Hier ist vielleicht eine kleine historische Reminiszenz am Platze. Am 16. Dezember 1928 in Alma-Ata in Zentralasien stellte ein aus Moskau entsandter Sonderbevollmächtigter der GPU das Ansinnen an mich, auf die politische Tätigkeit zu verzichten, und drohte mir widrigenfalls mit Repressalien.

„Die an mich gestellte Forderung, auf die politische Tätigkeit zu verzichten“, schrieb ich damals in meiner Antwort an das ZK der Partei, „bedeutet die Forderung, auf den Kampf für die Interessen des internationalen Proletariats zu verzichten, einen Kampf, den ich ununterbrochen zweiunddreißig Jahre führe, das heißt während meines ganzen bewussten Lebens ... Die größte historische Bedeutung der Opposition, trotz ihrer äußerlichen Schwäche in diesem Augenblick, besteht darin, dass sie die Hand am Pulse des historischen Prozesses hält, klar die Dynamik der Klassenkräfte erkennt, den morgigen Tag voraussieht und ihn bewusst vorbereitet. Auf die politische Tätigkeit zu verzichten, heißt, auf die Vorbereitung des morgigen Tages zu verzichten ... In der Erklärung, die wir Oppositionelle (das mir heute vorgelegte Ultimatum gleichsam vorausahnend) dem VI. Kongress der Komintern überreichten, schrieben wir wörtlich: ‚Von einem Revolutionär den Verzicht auf politische Tätigkeit fordern kann nur ein durch und durch demoralisiertes Beamtentum.‘ Eine solche Verpflichtung geben, könnten nur verächtliche Renegaten. Ich kann an diesen Worten nichts ändern.“

Als Antwort auf diese meine Erklärung beschloss das Politbüro, mich in die Türkei auszuweisen. Somit habe ich für die Weigerung, auf meine politische Tätigkeit zu verzichten, mit Verbannung gezahlt. Jetzt verlangt die norwegische Regierung von mir, dass ich das Recht, in Verbannung zu sein, mit dem Verzicht auf meine politische Tätigkeit bezahle.

Nein, meine Herren Demokraten, damit konnte ich mich nicht einverstanden erklären!

In dem eben zitierten Brief an das Zentralkomitee hatte ich die Überzeugung ausgesprochen, die GPU habe die Absicht, mich ins Gefängnis zu setzen. Ich hatte mich geirrt: das Politbüro begnügte sich mit meiner Ausweisung. Was jedoch Stalin im Jahre 1928 zu tun nicht gewagt, haben die norwegischen „Sozialisten“ im Jahre 1936 fertiggebracht. Für die Weigerung, auf meine legale politische Tätigkeit, die den Sinn meines Lebens bildet, zu verzichten, setzten sie mich ins Gefängnis. Der Offiziosus der Regierung rechtfertigte sich damit, dass die Zeiten, in denen die Emigranten-Klassiker: Marx, Engels, Lenin, schreiben durften was sie wollten, auch gegen die Regierung jener Länder, die ihnen Asyl gaben, längst der fernen Vergangenheit angehören. „Wir leben jetzt unter ganz anderen Verhältnissen und Norwegen muss dem Rechnung tragen.“

Zweifellos, die Epoche des monopolistischen Kapitals hat die Demokratie und deren Garantien erbarmungslos durchgeknetet. Der melancholische Satz Martin Tranmæls jedoch beantwortet nicht die Frage, auf welche Weise die Sozialdemokraten diese zerrupfte Demokratie für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft auszunutzen gedenken. Man muss hinzufügen, dass in keinem anderen demokratischen Lande eine solche Verhöhnung der elementaren Rechtsnormen möglich wäre wie im „sozialistischen“ Norwegen! ... Am 28. August wurden wir verhaftet und am 31. August erschien die sogenannte „königliche Verordnung“, die der Regierung das Recht gibt, „lästige“ Ausländer zu internieren. Sogar wenn man diese Verordnung als gesetzlich betrachtet (und die Juristen bestreiten, dass sie es ist), hatte in Norwegen drei Tage lang das Regime einer kleinen Staatsumwälzung geherrscht. Aber das war alles noch Blüte, die Frucht sollte folgen!

Die ersten Tage der Haft wurden von uns fast wie Tage der seligen Ruhe empfunden, nach der unerhörten Spannung der „Moskauer“ Woche. Es war schön, allein zu bleiben, ohne Neuigkeiten, ohne Telegramme und Briefe und Telefonanrufe, ohne fremde Gesichter. Sobald jedoch die ersten Zeitungen angekommen waren, verwandelte sich die Internierung in eine Folter ... Unglaublich, welchen Platz die Lüge in unserem öffentlichen Leben einnimmt! Sogar die einfachsten Tatsachen werden in entstellter Form wiedergegeben. Doch handelt es sich hier nicht um gewöhnliche, alltägliche Entstellungen, die sich aus den Widersprüchen des sozialen Lebens, kleinen Antagonismen oder der Unvollkommenheit der Psyche ergeben. Viel schrecklicher ist jene Lüge, in deren Dienst sich riesige Staatsapparate stellen, die sich alle und alles unterordnen.

Eine solche Arbeit haben wir schon während des letzten Krieges beobachten können. Aber damals gab es noch nicht totalitäre Regimes. Die Lüge enthielt hoch Elemente von Verlegenheit und Dilettantismus. Anders jetzt, in der Epoche der durchgehenden, absoluten, totalitären Lüge, die Presse und Radio monopolistisch ausnutzt für die Massenvergiftung des gesellschaftlichen Gewissens. In den ersten Wochen der Haft saßen wir allerdings ohne Radio.

Die Aufsicht über uns lag in den Händen des Chefs der „Zentrale des Passbüros“, Konstads, den die liberale Presse aus Höflichkeit als einen halben Faschisten charakterisierte. Launische Willkür vermischte sich bei ihm mit herausfordernder Grobheit. Besorgt um die Geschlossenheit des Polizeistils, entschied Konstad, Radio sei unvereinbar mit dem Regime der Internierung. Bei der Regierung obsiegte jedoch diesmal die liberale Strömung, und wir erhielten den Radioapparat.

Beethoven versöhnte mit vielem, aber auf Beethoven gerieten wir selten. Am häufigsten stießen wir auf Goebbels, Hitler oder auf einen Redner der Moskauer Radiostation. Die kleine Wohnung mit den niedrigen Decken füllte sich mit dichten Lügenschwaden. Die Moskauer Redner logen in verschiedenen Sprachen zu verschiedenen Tag- und Nachtstunden immer dasselbe: sie erklärten, wie und weshalb ich die Ermordung Kirows organisiert hatte, an dessen Existenz ich bei seinen Lebzeiten nicht viel mehr gedacht habe als an die Existenz irgendeines chinesischen Generals. Der talentlose und unwissende Redner wiederholte ein sinnloses Sammelsurium von Phrasen, die nur eine klebrige Lüge zusammenhielt:

„Durch ein Bündnis mit der Gestapo beabsichtigt Trotzki die Niederschlagung der Demokratie in Frankreich, den Sieg des Generals Franco in Spanien, den Zusammenbruch des Sozialismus in der UdSSR und vor allem die Vernichtung unseres geliebten, großen, genialen ...“

Die Stimme des Redners klingt fad und gleichzeitig schamlos. Es ist vollkommen klar, dass diesem standardisierten Verleumder sowohl Spanien, wie Frankreich, wie der Sozialismus ganz gleichgültig sind. Er denkt an das Butterbrot. Es war nicht möglich, sich mehr als zwei bis drei Minuten dieser Folter zu unterwerfen. Mehrere Mal am Tage kam einem die gleiche respektlose Frage in den Sinn: Ist die Menschheit so dumm? Ebenso oft fast tauschte ich mit meiner Frau den Satz: „Und doch konnte man nicht glauben, dass sie so niederträchtig sind.“

Stalin läuft keinesfalls der Wahrscheinlichkeit nach. In dieser Hinsicht hat er sich die Psychotechnik des Faschismus völlig angeeignet: die Kritik durch Massivität und Einheitlichkeit der Lüge zu erdrosseln. Widersprechen? Widerlegen? An Einwänden war kein Mangel. Unter den Papieren, die ich bei mir hatte, in meinem Gedächtnis, im Gedächtnis meiner Frau waren unschätzbare Beweise zur Entlarvung der Moskauer Fälschung. Tag und Nacht kamen Tatsachen in Erinnerung – Hunderte, Tausende von Tatsachen, von denen jede irgendeine Beschuldigung oder ein „freiwilliges Geständnis“ erledigte.

Schon in Veksal, vor der Internierung, hatte ich in drei Tagen eine Broschüre über den Moskauer Prozess in russischer Sprache diktiert. Jetzt war ich ohne technische Hilfe, ich musste mit der Hand schreiben. Aber nicht das war die Hauptschwierigkeit. Während ich meine Erwiderungen, sorgfältig Zitate, Tatsachen und Daten nachprüfend, in ein Heft schrieb und mich hunderte Mal fragte, ob es nicht beschämend und erniedrigend sei, auf solche unvorstellbare Schamlosigkeiten zu antworten – spien die Rotationsmaschinen der ganzen Welt immer neue Ströme apokalyptischer Lügen aus, und die Moskauer Radiosprecher vergifteten den Äther. Wie wird sich das Schicksal meines Manuskriptes gestalten? Wird man es durchlassen oder nicht?

Am schwersten bedrückte die völlige Unbestimmtheit der Lage. Der Ministerpräsident gemeinsam mit dem Justizminister neigten offensichtlich zum vollkommenen Gefängnisregime. Die übrigen Minister fürchteten eine Opposition von unten. Auf keine meiner Anfragen betreffs meiner Rechte erhielt ich Antwort. Hätte ich doch mindestens sicher gewusst, dass mir jegliche literarische Arbeit verboten ist, auch die zur Selbstverteidigung, ich würde vorübergehend die Waffen strecken und Hegel lesen (er stand auf meinem Bücherbrett). Aber nein, die Regierung verbot nichts direkt.

Sie konfiszierte nur meine Manuskripte, die ich an den Advokaten, an meinen Sohn, an meine Freunde adressiert hatte. Nach einigen Tagen angespannter Arbeit an einem aktuellen Dokument, warte ich mit Ungeduld auf die Antwort des Adressaten. Es vergeht eine Woche, manchmal zwei. Ein Oberkonstabler bringt um die Mittagsstunde ein Papier mit der Unterschrift Konstads und der Mitteilung, diese und diese Briefe und Dokumente werden zur Weiterbeförderung nicht zugelassen. Keine Erklärungen, nur eine Unterschrift. Aber was für eine Unterschrift! Ich muss sie hier in ihrer ganzen unveränderten Größe reproduzieren: [s. angefügte Datei]

Man brauchte kein Graphologe zu sein, um zu erraten, wem die Regierung unser Schicksal anvertraut hatte! In Konstads Händen lag übrigens nur die Kontrolle über unsere Seelen (Radio, Briefwechsel, Zeitungen). Die unmittelbare Macht über unsere Körper war zwei höheren Polizeibeamten übertragen: Askvig und Jonas Lie. Der norwegische Schriftsteller Helge Krohg, dem man absolut glauben kann, nennt alle drei Faschisten. Allerdings benahmen sich Askvig und Lie anständiger als Konstad. Das politische Bild jedoch ändert es nicht. Faschisten überfallen meine Wohnung. Stalin beschuldigt mich der Verbindung mit den Faschisten. Um mich daran zu hindern, die Lüge zu entlarven, erreicht er von seinen demokratischen Verbündeten meine Internierung. Das Wesen der Internierung besteht darin, dass man mich und meine Frau drei faschistischen Beamten ausliefert. Eine bessere Aufstellung der Figuren kann keine Schachphantasie ausdenken!

Ich konnte dennoch nicht die abscheulichen Beschuldigungen passiv ertragen. Was blieb mir übrig? Zu versuchen, die örtlichen Stalinisten und Faschisten wegen Verleumdung in der Presse zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen, um durch den Prozess die Lügenhaftigkeit der Moskauer Beschuldigungen nachzuweisen. Als Antwort auf diesen Versuch gab die wachsame Regierung am 29. Oktober eine neue Ausnahmeverordnung heraus, wonach der Justizminister das Recht bekam, einem „internierten Ausländer“ die Führung irgendwelcher Prozesse zu verbieten. Der Minister machte von diesem Recht sofort Gebrauch. So diente die erste Gesetzlosigkeit als Fundament für eine weitere. Weshalb ging die Regierung auf eine so skandalöse Maßnahme ein? Aus dem gleichen Gründe.

Das Osloer „kommunistische“ Blättchen, das noch gestern vor der sozialistischen Regierung auf dem Bauche lag, stieß jetzt unerhört freche Drohungen an ihre Adresse aus. Trotzkis Attentat auf das „Prestige des Sowjetsgerichts“ werde der Wirtschaft Norwegens sicher ungeheure Verluste bringen! Das Prestige des Moskauer Gerichts? Aber es kann doch nur in einem Falle Verlust erleiden: wenn es mir gelingen würde, vor dem norwegischen Gericht die Lügenhaftigkeit der Moskauer Beschuldigungen nachzuweisen. Aber gerade davor hatte man im Kreml tödliche Angst. Ich machte den Versuch, die Verleumder in anderen Ländern zur Verantwortung zu ziehen (Tschechoslowakei und Schweiz).

Die Reaktion ließ nicht auf sich warten: am 11. November benachrichtigte mich der Justizminister durch einen in seiner Form groben Brief (die norwegischen sozialistischen Minister glauben offenbar, Grobheit sei ein Attribut der festen Macht), dass mir die Führung jeglicher Prozesse wo auch immer verboten sei. Falls ich mir das Recht in einem anderen Lande suchen wolle, müsse ich „den Boden Norwegens verlassen“. Diese Worte waren an sich eine kaum verschleierte Drohung mit der Ausweisung, das heißt der faktischen Auslieferung an die GPU.

So deutete ich dieses Dokument in einem Brief an meinen französischen Advokaten, G. Rosenthal. Indem die norwegische Zensur diesen Brief durchließ, bestätigte sie meine Deutung. Die beunruhigten Freunde klopften nun an alle Türen, um ein Visum für mich zu suchen. Als Resultat dieser Bemühungen öffnete sich die Türe des fernen Mexiko ... Doch darüber zu seiner Zeit.

Es war ein regnerischer und nebliger Herbst. Es ist schwer, die lastende Atmosphäre in dem Holzhause Sundby wiederzugeben, wo die ganze untere und die Hälfte der oberen Etage von schweren und schwerfälligen Polizisten besetzt waren, die Pfeifen rauchten, Karten spielten und uns mittags Zeitungen voller Verleumdungen oder Botschaften von Konstad mit seiner fatalen Unterschrift brachten. Was wird es weiter geben? Wo ist der Ausweg?

Schon am 15. September machte ich einen Versuch, die öffentliche Meinung zu warnen, dass Stalin nach dem politischen Zusammenbruch des ersten Prozesses gezwungen sein werde, einen zweiten zu inszenieren. Ich sagte insbesondere voraus, dass die GPU diesmal versuchen würde, die Operationsbasis der Verschwörung nach Oslo zu verlegen. Mit dieser Warnung hoffte ich, der GPU den Weg abzuschneiden, den zweiten Prozess zu verhindern und vielleicht eine neue Gruppe von Angeklagten zu retten.

Vergeblich! Meine Erklärung wurde konfisziert. In der Form eines Briefes an meinen Sohn schrieb ich eine Antwort auf die verleumderische Broschüre des britischen Advokaten Pritt. Da aber der „königliche Rat“ die GPU flammend verteidigte, hielt sich die norwegische Regierung für verpflichtet, Pritt zu verteidigen: meine Arbeit wurde angehalten.

Ich wandte mich mit einem Brief an das Büro der Gewerkschafts-Internationale, unter anderem auf das tragische Schicksal Tomskis verweisend, des früheren Hauptes der sowjetrussischen Gewerkschaften, und forderte energisch Einmischung. Der Justizminister konfiszierte auch diesen Brief.

Der Ring der Bedrängungen verengte sich von Tag zu Tag. Bald verbot man uns auch die Spaziergänge außerhalb des kleinen Hofes. Besucher ließ man zu uns nicht. Briefe und sogar Telegramme wurden von der Zensur eine Woche und länger zurückgehalten. Die Minister erlaubten sich in Zeitungsinterviews Verhöhnung der Häftlinge. Der norwegische Schriftsteller Helge Krohg schrieb, die Regierung trage in die Verfolgungen gegen mich je weiter um so mehr ein Element persönlichen Hasses hinein, und fügte hinzu: „Das ist keine seltene Erscheinung, dass Menschen den hassen, vor dem sie sich schuldig fühlen“ ...

Jetzt, wenn ich auf die Periode der Internierung zurückblicke, kann ich nicht verschweigen, dass ich niemals und von keiner Seite während meines ganzen Lebens – und ich habe schon viel gesehen – so zynisch schikaniert wurde wie seitens der norwegischen „sozialistischen“ Regierung. Mit Grimassen demokratischer Heuchelei hielten mich diese Herren vier Monate an der Gurgel, um mich zu hindern, gegen das gigantischste aller historischer Verbrechen zu protestieren!

 


Zuletzt aktualisiert am 10. Juni 2018