Leo Trotzki

 

Stalins Verbrechen


Kirows Ermordung


In den Moskauer Prozessen ist die Rede von gigantischen Absichten, Plänen und Vorbereitungen von Verbrechen. Das alles spielt sich ab in Gesprächen oder, richtiger, in Erinnerungen der Angeklagten an Gespräche, die sie angeblich früher einmal geführt haben. Der Prozessbericht bietet, wie gesagt, ein Bild von Gesprächen über Gespräche. Das einzige tatsächliche Verbrechen ist – der Mord an Kirow. Doch gerade dieses Verbrechen ist nicht von Oppositionellen oder Kapitulanten, die die GPU für Oppositionelle ausgibt, ausgeführt worden, sondern von einem, vielleicht auch zwei oder drei jugendlichen Kommunisten, die in die Netze der GPU-Provokateure geraten waren. Ganz unabhängig davon, ob die Provokateure die Sache bis zum Morde hatten bringen wollen oder nicht, fällt die Verantwortung für das Verbrechen auf die GPU, die wiederum in einer so wichtigen Angelegenheit nicht ohne direkten Auftrag von Stalin handeln konnte. Worauf beruhen diese Behauptungen? Das notwendige Material für die Beantwortung dieser Frage ist in den offiziellen Dokumenten Moskaus enthalten. Ihre Analyse ist in meiner Broschüre Die Ermordung Kirows und die Sowjetbürokratie (1935), in L. Sedows Das Rotbuch und in anderen Arbeiten enthalten. Ich resümiere die Schlussfolgerungen daraus in kurzer Fassung.

1. Sinowjew, Kamenew und die anderen konnten die Ermordung Kirows nicht organisiert haben, weil dieser Mord nicht den geringsten politischen Sinn gehabt hat. Kirow war eine nebensächliche Figur, ohne selbständige Bedeutung. Wer in der Welt hat Kirows Namen vor seiner Ermordung gekannt? Nimmt man aber den absurden Gedanken an, Sinowjew, Kamenew und die anderen hätten den Weg des individuellen Terrors beschritten, so hätten sie auf jeden Fall begreifen müssen, dass die Ermordung Kirows, die keine politischen Resultate versprach, wütende Repressalien gegen alle Verdächtigen und Unzuverlässigen zur Folge haben müsste, die in der Zukunft jegliche oppositionelle, insbesondere jede terroristische Arbeit erschweren würden. Wirkliche Terroristen hätten mit Stalin begonnen. Unter den Angeklagten waren Mitglieder des Zentralkomitees und der Regierung, die überallhin freien Zutritt hatten; sie konnten Stalin mühelos ermorden. Wenn die Kapitulanten diesen Akt nicht vollbrachten, so deshalb, weil sie Stalin gedient und nicht bekämpft und keine Attentate auf ihn geplant hatten.

2. Kirows Ermordung versetzte die regierende Spitze in einen Zustand panischer Verwirrung. Obwohl Nikolajews Person sofort festgestellt wurde, verknüpfte die erste Regierungsmeldung das Attentat nicht mit der Opposition, sondern mit Weißgardisten, die angeblich aus Polen, Rumänien und anderen Nachfolgestaaten in die Sowjetunion eingedrungen waren. 104 solcher „Weißgardisten“ wurden nach offiziellen Berichten erschossen! Vierzehn Tage lang betrachtete es die Regierung als notwendig, mit Hilfe summarischer Hinrichtungen die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung in eine andere Richtung abzulenken und irgendwelche Spuren zu verwischen. Erst am 16. Tage ließ man die Version von den Weißgardisten fallen. Irgendeine offizielle Erklärung der ersten Periode der Regierungspanik, die sich durch über hundert Leichen kennzeichnet, ist bis jetzt nicht gegeben worden.

3. In der Sowjetpresse wurde darüber nichts gesagt: wie und unter welchen Umständen Nikolajew Kirow ermordete, welche Stellung Nikolajew bekleidete, in welchen Beziehungen er zu Kirow stand usw. Die konkreten, sowohl politischen wie einfach menschlichen Umstände des Mordes bleiben auch heute im Schatten. Die GPU kann über den Vorfall nichts erzählen, ohne ihre Initiative bei der Organisierung des Mordes an Kirow aufzudecken.

4. Trotzdem Nikolajew und die übrigen dreizehn Erschossenen alles, was man von ihnen verlangte, zugegeben hatten (ich halte es für absolut möglich, dass Nikolajew und die anderen gefoltert wurden), erwähnten sie mit keinem Worte die Teilnahme Sinowjews, Bakajews, Kamenews oder irgendeines anderen „Trotzkisten“ an dem Morde. Die GPU hat offenbar ihnen solche Fragen gar nicht gestellt. Die Situation war noch zu frisch, die Rolle der Provokation zu offensichtlich, und die GPU war nicht so sehr bemüht, Spuren einer Opposition zu suchen, als ihre eigenen Spuren zu verwischen.

5. Während der Prozess Radek-Pjatakow, der unmittelbar fremde Regierungen hinein verwickelte, vor offener Bühne inszeniert wurde, fand der Prozess des Komsomolzen Nikolajew, der Kirow ermordet hatte, am 28./29. Dezember 1934 hinter verschlossenen Türen statt. Weshalb? Doch wohl nicht aus diplomatischen, sondern aus innerpolitischen Gründen: die GPU konnte ihre eigene Arbeit nicht zur Schau stellen. Man musste im Stillen alle am Attentat direkt Beteiligten und die ihnen Nahestehenden beseitigen, sich sorgfältig die Hände waschen und erst dann die Opposition aufs Korn nehmen.

6. Die Ermordung Kirows hat in den Kreisen der Bürokratie selbst einen solchen Alarm hervorrufen, dass Stalin, auf dem in informierten Kreisen ein Schatten des Verdachts lastete, gezwungen war, Sündenböcke zu finden. Am 23. Januar 1935 fand der Prozess der 12 höchsten Beamten der Leningrader Abteilung der GPU mit ihrem Chef Medwed an der Spitze statt. Der Anklageakt gibt zu, dass Medwed und seine Mitarbeiter rechtzeitig „im Besitze von Nachrichten über das sich vorbereitende Attentat auf Kirow waren“. Im Urteil heißt es: „Sie haben keine Maßnahmen ergriffen“, um die Tätigkeit der terroristischen Gruppe „rechtzeitig aufzudecken und zu verhindern, obwohl sie absolut die Möglichkeit hatten, dies zu tun.“ Größere Offenheit kann man nicht verlangen. Sämtliche Angeklagten wurden zu Gefängnis von 2 bis 10 Jahren verurteilt. Es ist klar: durch ihre Provokateure spielte die GPU mit Kirows Kopf, in der Absicht, die Opposition in die Sache zu verwickeln und dann eine Verschwörung zu entdecken. Nikolajew hat jedoch den Schuss abgegeben, ohne die Erlaubnis Medweds abzuwarten, und dadurch das Amalgam schwer kompromittiert. Stalin hat Medwed als Sühneopfer dargebracht.

7. Unsere Analyse findet ihre vollständige Bestätigung in der Rolle des lettischen Konsuls Bissineks, eines notorischen Agenten der GPU. Der Konsul stand mit Nikolajew, nach dessen Geständnis, in direkten Beziehungen, gab fünftausend Rubel für die Ausführung des terroristischen Aktes und wollte von Nikolajew ohne ersichtlichen Sinn einen Brief für Trotzki haben. Um auch nur indirekt die Sache Kirow mit meinem Namen zu verbinden, schloss Wyschinski diese merkwürdige Episode dem Anklageakt an (Januar 1935),wodurch er die provokatorische Rolle des Konsuls völlig bloßstellte. Der Name des Konsuls ist allerdings erst auf das direkte Verlangen des diplomatischen Korps veröffentlicht worden. Danach verschwand der Konsul spurlos von der Bühne. In den späteren Prozessen wurde Bissineks mit keinem Wort erwähnt, obwohl er in direktem Verkehr mit dem Mörder war und den Mord finanziert hatte. Die weiteren „Organisatoren“ des Terroraktes gegen Kirow (Bakajew, Kamenew, Sinowjew, Mratschkowski usw.) wussten vom Konsul Bissineks nichts und nannten kein einziges Mal seinen Namen. Es ist schwer, sich überhaupt eine läppischere, verwirrtere und schamlosere Provokation auszudenken!

8. Erst nachdem die wirklichen Terroristen, deren Freunde und Helfershelfer, darunter auch die zweifellos in die Verschwörung verwickelten GPU-Agenten ausgerottet waren, hält es Stalin an der Zeit, sich die Opposition vorzunehmen. Die GPU verhaftet die Spitze der ehemaligen Sinowjewisten und teilt sie in zwei Gruppen. In Bezug auf sieben angesehene politische Arbeiter, frühere Mitglieder des Zentralkomitees, berichtet die TASS am 22. Dezember, es fehlten „ausreichende Anhaltspunkte, um sie vor Gericht zu stellen“. Weniger wichtige Mitglieder der Gruppe wurden, nach der traditionellen Technik der GPU, unter dem Damoklesschwert zurückgehalten. Einige von ihnen haben unter Todesdrohungen gegen Sinowjew, Kamenew und andere Aussagen gemacht. Die Aussagen erzählten zwar nichts vom Terror, aber von „konterrevolutionärer Tätigkeit“ überhaupt (Unzufriedenheit, Kritik an Stalins Politik etc.). Doch haben diese Aussagen genügt, um Sinowjew, Kamenew usw. ein Geständnis über ihre „moralische“ Verantwortung für den Terrorakt abzuringen. Mit diesem Preis kauften sich (vorübergehend) Sinowjew und Kamenew los von der Anklage der direkten Teilnahme an der Ermordung Kirows.

9. Am 26. Januar 1935 schrieb ich amerikanischen Freunden (dieser Brief ist im Bulletin der Opposition, Nr. 42, Februar 1935 abgedruckt):

„Die Strategie, die um die Leiche Kirows entwickelt wurde, hat Stalin keine großen Lorbeeren eingebracht. Aber gerade deshalb kann er weder haltmachen noch zurückweichen. Stalin muss das missglückte Amalgam durch ein neues verhüllen, in größerem Maßstabe und – erfolgreicher. Man muss gerüstet sein!“

Die Prozesse von 1936 und 1937 haben diese Warnung vollkommen gerechtfertigt.

 


Zuletzt aktualiziert am 10. Juni 2018