Leo Trotzki

 

Die Gefahr der Ausrottung
des jüdischen Volkes

(22. Dezember 1938)


In: Leo Trotzki: Sozialismus oder Barbarei. Eine Auswahl aus seinen Schriften, Hrsg. Helmuth Dahmer, Wien 2005, S. 124.
Transkription: Heinz Hackelberg.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Pater Coughlin [1], der offenbar demonstrieren will, dass eine durch und durch idealistische Moral niemanden daran hindert, ein übler Halunke zu sein, hat im Radio behauptet, das jüdische Bürgertum der Vereinigten Staaten hätte mir in der Vergangenheit für die Revolution enorme Gelder zur Verfügung gestellt.

Ich habe schon in der Presse geantwortet, dass das nicht stimmt. Und zwar habe ich solche Gelder nicht etwa deshalb nicht bekommen, weil ich eine finanzielle Hilfe für die Revolution ausgeschlagen hätte, sondern weil die jüdische Bourgeoisie eine solche Hilfe gar nicht erst angeboten hat.

Die jüdische Bourgeoisie hat sich vielmehr an das Prinzip gehalten, nichts zu geben. Und dabei bleibt sie auch jetzt, wo es um ihren Kopf geht. Von seinen Widersprüchen getrieben, schlägt der Kapitalismus wie ein Tobsüchtiger auf die Juden ein, und dabei treffen einige dieser Schläge auch die jüdische Bourgeoisie, trotz aller „Verdienste“, die sie sich in der Vergangenheit um ihn erworben hat.

Die philanthropische Hilfe für Flüchtlinge fällt, gemessen an den unermesslichen Leiden des jüdischen Volkes, immer weniger ins Gewicht.

So steht es jetzt in Frankreich. Ein Sieg des Faschismus in diesem Lande würde der Reaktion weltweit gewaltigen Auftrieb geben und zu einer monströsen Zunahme des gewalttätigen Antisemitismus führen, vor allem in den Vereinigten Staaten.

Die Juden werden aus mehr und mehr Staaten vertrieben, und die Zahl der Länder, die sie aufnehmen können, verringert sich. So wird der Kampf immer heftiger. Man kann sich ohne weiteres vorstellen, was die Juden schon zu Beginn des künftigen Weltkriegs erwartet. Aber auch ohne Krieg ist es so gut wie sicher, dass die nächste Welle der weltweiten Reaktion die physische Ausrottung der Juden mit sich bringen wird.

Palästina hat sich als ein tragisches Trugbild erwiesen, Birobidschan [2] als eine bürokratische Farce. Der Kreml verweigert die Aufnahme von Flüchtlingen.

Die „Antifaschistischen Kongresse“, die von alten Damen und jungen Karrieristen veranstaltet werden, haben keinerlei Bedeutung.

Das Schicksal des jüdischen Volkes – nicht nur seine politische Zukunft, sondern sein Überleben – ist mehr denn je unauflöslich mit dem Befreiungskampf des internationalen Proletariats verknüpft. Das Kräfteverhältnis kann sich nur ändern, wenn die Arbeiter mutig gegen die Reaktion mobilmachen, Milizen bilden und den faschistischen Banden direkten physischen Widerstand entgegensetzen. Nur ein größeres Selbstvertrauen, nur ein höheres Maß an Aktivität und Kühnheit auf Seiten aller Unterdrückten kann die weltweite Woge des Faschismus brechen und dazu führen, dass ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschheit aufgeschlagen wird.

Die IV. Internationale hat früher als andere vor der Gefahr des Faschismus gewarnt und den Weg zur Rettung aufgezeigt. Die IV. Internationale appelliert an die jüdischen Volksmassen, sich keine Illusionen zu machen und sich der bedrohlichen Wirklichkeit zu stellen. Es gibt keinen anderen Ausweg als den revolutionären Kampf. Der „Nerv"“ des revolutionären Kampfes wie des Krieges ist das Geld. Die fortschrittlichen und klarblickenden Elemente des jüdischen Volkes müssen der revolutionären Avantgarde zu Hilfe kommen. Die Zeit drängt. Gegenwärtig wiegt ein Tag so viel wie ein Monat oder gar ein Jahr. Was du tun willst, tue bald!

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Fußnoten

1. 1938 einer der einflußreichsten Rundfunkkommentatoren der USA, rechtsextrem, rassistisch, antikommunistisch, erhielt täglich Millionen (!) Hörerbriefe

2. Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Region im fernöstlichen Russland. Sie liegt am Amur-Zufluss Bira 172 km westlich der Großstadt Chabarowsk und wurde 1928 gegründet.


Zuletzt aktualisiert am 28. August 2020