Winfried Wolf

Volvo & Wallbox

Elektromobilität – eine ernüchternde Bilanz

(24. Mai 2019)


Quelle: Lunapark21, Mai 2019.
Kopiert mit Dank aus der Lunapark21-Webseite.
Transkription & HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Berücksichtigt man das, was in den vorangegangenen Beiträgen in Sachen Elektromobilität dargelegt wurde, dann lässt sich unter zehn Aspekten die folgende Bilanz ziehen:

1:
Mit Elektromobilität wird die Weltautoflotte vergrößert. Es handelt sich um das Projekt einer „inneren Reform“ der Autogesellschaft. Im Windschatten der Elektromobilität-Propaganda wächst zunächst der Bestand an herkömmlichen Pkw kaum gebremst weiter.

2:
Elektromobilität trägt zur Klimaerwärmung bei. Gehen die Träume der E-Pkw-Propagandisten auf, dann haben wir 2025 außer den zusätzlichen CO2-Emissionen von mindestens 200 Millionen zusätzlichen, herkömmlichen Pkw ein zusätzliches Plus an CO2-Emissionen resultierend aus dem gewaltigen ökologischen Rucksack, der mit der Herstellung der 150-Millionen-Elektroautos-Flotte verbunden ist, und ein Plus an CO2-Emissionen als Ergebnis der erheblich vergrößerten Stromproduktion, die im Übrigen wiederum in starkem Maß auf Kohlekraftwerken (und neuen Atomkraftwerken) basiert.

3:
Elektromobilität verschärft die Krise der Städte. E-Autos werden in absehbarer Zeit zu einem hohen Anteil Zweit- und Drittwagen sein. Ob E-Auto oder herkömmliches Auto: Die Tatsache, dass ein Auto – insoweit in individuellem Besitz – viermal mehr Fläche in Anspruch nimmt im Vergleich zum ÖPNV, bleibt bestehen. Dies kann durch einen wachsenden Anteil an Carsharing gesenkt, aber nicht ausgeglichen werden. Die wesentlichen Strukturnachteile des Autoverkehrs bleiben mit E-Autos bestehen. Auch wenn alle Autos in Los Angeles Tesla-Modelle wären, bliebe der Dauerstau derselbe.

4:
Elektromobilität ist – wie Automobilität allgemein – mörderisch. Die Zahl der jährlich zu beklagenden Straßenverkehrsopfer wird – so eine UN-Hochrechnung – von heute rund 1,2 Millionen auf 1,6 Millionen im Jahr 2020 und auf 2 Millionen im Jahr 2030 ansteigen. Hauptursache ist der wachsende Bestand an Pkw und Lkw.

5:
Elektromobilität ist Teil eines Kapitalismus, der auf der Vernutzung von endliche Ressourcen basiert. Im absehbaren Szenario der Entwicklung des Weltbestands an Kraftfahrzeugen wachsen die Nachfrage nach Öl und Gas. Und es kommt zu einer neuen, massiv steigenden Nachfrage nach knappen Rohstoffen, die für Elektromobilität entscheidend sind: nach Kupfer, Nickel, Lithium, Kobalt, Seltenen Erden. Deren verstärkte Förderung ist ihrerseits mit Umweltzerstörung, Vertreibung und massiven Belastungen für die Gesundheit von Millionen Menschen verbunden.

6:
Mit der Elektromobilität verlängert sich der Trend zu noch größeren Pkw. E-Autos sind, wie die konkreten Investitionen von Tesla, BMW, Daimler, VW, Porsche, BYD, Geely und die neu entwickelten Elektroauto-Modelle zeigen, inzwischen überwiegend keine kleinen Stadtflitzer. Sie sind im Durchschnitt nochmals gut 25 Prozent schwerer als normale Mittelklasse-Pkw. Dies ist mit höheren Belastungen für Infrastrukturen (Straßenbeläge, Parkhäuser usw.) und größeren Unfallgefahren verbunden.

7:
Elektromobilität fördert die soziale Ausgrenzung. Elektroautos sind deutlich teurer als herkömmliche Pkw. Dies wird nur kurzzeitig durch massive staatliche Subventionen relativiert. Gleichzeitig wird eine Ausweitung der Elektromobilität in den Städten zur Ausdünnung des öffentlichen Verkehrs beitragen. Die Ideologie der Elektromobilität ist vielfach elitär und Technik-fetischisierend. Es geht vor allem um Mobilität für eine gehobene Mittelschicht. Der Leute mit Eigenheim, Volvo und Garage mit Wallbox.

8:
Elektromobilität ist vor allem ein Resultat der verschärften Weltmarktkonkurrenz. Kommt es zu dem skizzierten Szenario auf dem Weltautomarkt mit bis 2025 rund 150 Millionen E-Pkw, dann ist der dafür entscheidende Grund die Wirtschaftspolitik der VR China. Diese will mit dem Setzen auf E-Pkw in der Schlüsselbranche Auto endlich den Global Player-Status erhalten. Dass die chinesische Führung dabei die internationalen Autokonzerne, die vom chinesischen Markt abhängig sind, erpresst, ist business as usual und Kapital-immanent.

9:
Mit Elektromobilität werden gigantische staatliche Subventionen abgerufen. Die Durchsetzung eines derart veränderten weltweiten Kfz-Bestands mit bis zu 150 Millionen Elektroautos wird unter den gegebenen Bedingungen mit staatlichen Investitionen (zum Ausbau der Stromerzeugung und zu Errichtung einer entsprechenden Lade-Infrastruktur) und mit Subventionen (vor allem für Anreize zum E-Pkw-Kauf und in Form von staatlichen Geldern für Entwicklung und Forschung z. B. im Bereich der Batterietechnik) in Höhe von vielen hundert Milliarden Euro finanziert werden. Die öffentlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen dürften sich für eine solche Elektroauto-Flotte auf mehr als eine Billion Euro addieren. Das fördert den Abbau sozialstaatlicher Strukturen.

10:
Elektromobilität führt zur weiteren Stärkung der Macht der Autokonzerne. Die Autoindustrie setzt derzeit das größte Investitionsprogramm aller Zeiten um. Die Profite der Autokonzerne liegen auf Rekordniveau. Diese weiterhin enorme Macht der Autokonzerne – die im Übrigen begleitet wird von der bislang weiterhin ungebrochenen Macht der Ölkonzerne – wird ergänzt durch junge Autounternehmen wie Tesla, die einen aggressiven Kurs zur Steigerung der Automobilität verfolgen. [1] Dabei kann es sein, dass Tesla in die Spitzengruppe der Weltautokonzerne aufsteigt. Denkbar ist jedoch auch eine Tesla-Pleite oder die Übernahme von Tesla durch einen traditionellen Hersteller. Dann würde der Milliardär Elon Musk zum Multimilliardär.

Entscheidend ist: Die Macht der Weltautoindustrie wächst weiter. Ihr Wirken ist in jeder Hinsicht zerstörerisch.

* * *

Anmerkung

1. Weert Canzler und Andreas Knie veröffentlichten 2018 ein Buch mit dem Titel Taumelnde Giganten (München 2018; ökom-Verlag). Sieht man von einem kurzen Zeitraum ab, in dem VW als Ergebnis des Diesel-Skandals in Schwierigkeiten zu stecken schien, so ist nicht erkennbar, dass die Autokonzerne sich im Taumeln befinden.


Zuletzt aktualisiert am 29. Juni 2023