Eduard Bernstein

Cesare Lombroso, Der Antisemitismus und die Juden
im Lichte der modernen Wissenschaft

[Rezension]

(14. Juni 1893)


Eduard Bernstein, Cesare Lombroso, Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Kurella. Leipzig, Georg H. Wiegand, 1894. VII und 114 S. kl. 8·. 2 Mk. [Rezension], Die neue Zeit, 12. Jg., 2. Bd. (14. Juni 1893), H. 39, S. 405–407.
https://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.01772&dok=1893-94b&f=189394b_0405&l=189394b_0407 und https://archive.org/details/11838593bsb.
Transkription: Daniel Gaido.
HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Im Vorwort zu dieser Schrift, zu der er durch Einladungen der Wiener Neuen Freien Presse und der Pariser Revue des Revues, seine Ansicht über den Antisemitismus zu äußern, angeregt worden sei, sagt Herr Lombroso, er habe keine Hoffnung, „auch nur einen der Fanatiker zu überzeugen, die aus einem ethnologischen Problem eine Waffe und das Piedestal traurigen Ruhmes gemacht haben“. Und er fährt fort: „Wenn Fragen des öffentlichen Lebens Sache einer Partei werden, deren Programm nichts ist als ein Firniss zur Übertünchung unserer vererbten Triebe und angeborenen Instinkte, so versagen die überzeugendsten Gründe und die ernstesten Forschungen“. [1]

Das heißt, eine ziemlich banale Wahrheit in bis zur Absurdität verschrobene Ausdrücke kleiden, und ist nicht geeignet, ein günstiges Vorurteil für die Wissenschaftlichkeit dieser Arbeit selbst bei denen zu erwecken, die mit ihrer Tendenz in der Hauptsache einverstanden sind. Und in der Tat fehlt dieser Schrift des zu solcher Notorietät gelangten Turiner Professors der Psychiatrie sehr viel, um auf den Titel wissenschaftlich Anspruch erheben zu können. Sie ist nicht frei von argen Widersprüchen, und bei einer nicht geringen Anzahl von Feststellungen und Schlussfolgerungen lässt sie sehr viel von jener Vorsicht vermissen, die nun einmal unerlässliche Bedingung der Wissenschaftlichkeit ist. Dies auf die Gefahr hin, von dem Übersetzer der Schrift für einen „Neider Lombroso’s“ und eine „echte Wagner-Natur“ erklärt zu werden, der nur unverständliche und unverdauliche Bücher für wissenschaftlich gelten. [2]

So schreibt Lombroso auf S. 3 Herrn Leroy-Beaulieu nach, schon Juvenal und Tacitus hätten bei Gelegenheit einer [3] Erörterung der Sabbathfeier und der Beschneidung über die „Verjudung“ der alten Welt geklagt. Wir haben Tacitus’ Historien nicht zur Hand, aber in Juvenal’s 14. Satire ist wohl Spott über den religiösen Fanatismus der Juden, aber kein Wort darüber zu finden, dass die römische Welt Geiz und Habsucht, die der Dichter in jener Satire vornehmlich geißelt, den Juden abgelernt habe. Auf S. 7 sagt Lombroso, so oft der Jude ein Talent sei, so selten sei er ein Charakter. Aber schon gleich darauf spricht er von der vererbten Hartnäckigkeit der Juden, da „nur die Starken, Energischen und Hartnäckigen“ unter ihnen sich darauf steifen konnten, Juden zu bleiben, S. 10 von dem „seit Tacitus’ Zeiten mürrischen und verschlossenen Charakter“ der Juden, S. 36 von ihrem „leidenschaftlichen Patriotismus“ und ihrem „merkwürdigen Konservatismus“, vom zähen Festhalten an ihrem Adoptiv-Vaterlande Spanien, lange nachdem dasselbe sie verfolgt und exiliert etc. etc. – kurz, er zählt Eigenschaften auf, die, ob man sie hoch oder niedrig schätze, gerade das Vorhandensein von dem voraussetzen, was man im engeren Sinne „Charakter“ zu nennen pflegt. Auf S. 13 lässt Lombroso den Antisemitismus von den Machthabern (Bismarck etc.) als Ablenkungsmittel gegen den Sozialismus und – in Russland – gegen den Nihilismus geschürt werden, auf S. 15 findet die antisemitische Bewegung ihre Stütze in der sozialistischen Bewegung. Ferri habe „mit Recht“ darauf hingewiesen, dass der epidemische Antisemitismus und seine politische Verwertung sich nur in den Ländern finden, wo eine soziale oder politische Reformbewegung kräftig entwickelt sei. Außerdem sei beachtenswert, dass der Antisemitismus „nur da Wurzel gefasst hat, wo das Christentum noch in einem lebendigen religiösen Gefühl der Massen wurzelt“, und alle diese Faktoren wirkten erst da kräftig, wo die Juden zahlreich sind. Für die von Ferri übernommene Behauptung wird u. A. „der Nihilismus in Russland“ als Beweis angeführt, aber selbst Herr Lombroso sollte wissen, dass der Nihilismus in Russland heute fast nur noch in der Erinnerung besteht, indes der Antisemitismus daselbst flott weiter blüht. Ob der Sozialismus in Italien, Spanien, Frankreich und England „wenig entwickelt“ sei, soll hier nicht weiter untersucht werden, aber selbst soweit dies zutrifft, ist es ganz irrelevant für die Tatsache, dass der Antisemitismus in diesen Ländern bisher keinen Boden gefunden. Am famosesten zeigt sich Herr Lombroso auf S. 17 bis 20. Er erklärt da die Mittheilung eines rumänischen Arztes, dass alle besonders fanatischen Antisemiten in Rumänien syphilitisch seien oder gewesen seien, und dass sehr friedliebende Leute nach syphilitischer Infektion plötzlich und ohne je mit Juden in Berührung gekommen zu sein, den furor antisemiticus bekommen hätten, für eine Feststellung, die zwar allein noch nicht den Zusammenhang zwischen antisemitischem Fanatismus und Syphilis beweise, aber doch der Diskussion und Nachprüfung wert sei, da die Syphilis ja vielfach Gehirn- und Nervenerkrankungen mit sich bringe oder vorhandene verschlimmere, und starkes Vorkommen von Malaria und Alkoholismus, die ähnlich wirkten, in Italien regional mit Parteiextremen zusammentreffe. Solcher Argumentierung gegenüber dürften seine jüdischen Leser verzweifelt ausrufen: „Gott schütze uns vor unseren Freunden!“ Sie kompromittiert selbst die stichhaltigen Tatsachen, die Lombroso gegen die Antisemiten ins Feld führt.

Solche sind nachgerade billig wie Brombeeren, denn die Antisemiten oder Antijuden haben so viel ungereimtes und so widersprechendes Zeug über die Juden zum Besten gegeben, dass es eigentlich schwer ist, keine Widerlegung zu schreiben. Auch ist es nicht mehr gut möglich, sich über die Gründe der antisemitischen Bewegung unserer Tage Irrtümern hinzugeben, wenn man nicht durch vorgefasste Urteile, sei es in Bezug auf die Juden, sei es in Bezug auf die Untersuchungsmethode, sich selbst zu solchen nötigt. Lombroso hat gewiss recht, wenn er den ausgearteten Nationalismus, die Schutzzöllnerei, sowie die Machinationen reaktionärer Gewalthaber und Priester als Faktoren des Antisemitismus in verschiedenen Ländern nennt, Alles das spielt in die Bewegung mit hinein, aber dasjenige, was in entwickelteren Ländern dem Antisemitismus seine Kraft verleiht, ist nicht das zeitweilige Bedürfnis der Regierungen oder intriganter Pfaffen, noch nationalistische Ideologie, sondern ist der potenzierte Konkurrenzkampf in der bürgerlichen Gesellschaft, die Überproduktion an Angehörigen der qualifizierten Berufe, kurz, ist in erster Linie sozial-ökonomischer Natur. Es ist ganz falsch, zu sagen, „der Hass gegen den Kapitalismus fand ein legitimes Feld in der Hetze gegen jüdische Finanzgrößen“. [4] Die grundsätzlichen Gegner des Kapitalismus sind nicht im Lager der Antisemiten zu finden, und die heftigsten der heutigen Antisemiten hassen so wenig den Kapitalismus, dass ihnen selbst die jüdischen Finanzgrößen nur der Sack sind, auf den sie schlagen, um andere, gar nicht sehr finanzkräftige Juden zu treffen. Ebenso ist es grundfalsch, wenn Herr Leroy-Beaulieu, auf die Leistungen verweisend, die die Juden nach nicht hundertjähriger Befreiung in Wissenschaft, Politik, Literatur etc. abgelegt, schreibt: „Sie haben in unverzeihlicher Weise gezeigt, dass die Masse nicht Alles ist, deshalb verzeihen ihnen die Massen nicht“ [5] (zitiert S. 48). Der Antisemitismus ist gar keine Bewegung der „Massen“, am wenigsten in West- und Mitteleuropa. Seit mehr als einem halben Menschenalter wird er dort den Massen gepredigt, unter Anrufung aller möglichen Vorurteile — die Propagierung wilden Aberglaubens nicht ausgeschlossen — und doch hat er es nur an sehr vereinzelten Punkten vermocht, dieselben für sich zu gewinnen. Wo er sich dagegen eingenistet hat, das sind bestimmte Kreise der Universitäten, des höheren und mittleren Beamtentums, der Offizierswelt etc. Und wenn dieselben samt und sonders syphilitisch durchseucht wären, so hätte die Syphilis trotzdem nicht das Geringste mit ihrem Antisemitismus zu tun. Derselbe wurzelt nicht im Unvermögen, die Leidenschaft zu beherrschen, auch nicht in geschwächter Urteilskraft, sondern in dem Bedürfnis, eine unbequeme Konkurrenz loszuwerden oder nicht an sich herankommen zu lassen.

Weil aber, einzelne Ideologen ausgenommen, die Mehrzahl der Antisemiten einem Klassen- oder, soweit man dies Wort heute noch anwenden kann, einem Standesinteresse folgen, ist es auch so gut wie hoffnungslos, sie überzeugen zu wollen. Wie dem „Gerechten“ jedes Ereignis zum Guten gereicht, so weiß das Interesse sich Alles zu seinen Gunsten zu deuten. Lombroso verwendet ein Kapitel darauf, an der Hand des Anthropologen von Luschan zu beweisen, dass die Juden in ihrer großen Mehrzahl gar keine Semiten sind, keines der typischen Merkmale des Semitentums: Langschädel, kurze Nase etc. aufweisen, dass die sogenannte jüdische Nase arisch und nicht semitisch ist — welcher Judengegner wird sich dadurch bekehren lassen? Im Gegenteil, er wird mit Dühring folgern, dass der reine Semit, der Beduine, etwas sehr Anständiges, aber der Mischling etwas a priori Unedles sei. [6] Lombroso widerlegt die Behauptung, dass die Juden sich nicht assimilierten, aber der Antisemitismus richtet sich gerade gegen den sich assimilierenden Juden — die Antisemiten verbreiten Petitionen, dass Juden nicht erlaubt werde, ihre Namen zu verdeutschen, und in Russland, dem antisemitischen Ideale, ist neuerdings den Juden der Gebrauch anderer als alttestamentarischer Namen untersagt worden.

Wie der Antisemitismus, dreht sich auch die bürgerliche Gegnerschaft gegen ihn mit ihren Vorschlägen im Kreis. Wenigstens soweit sich dieselben an die Adresse der Juden richten. Diese werden es den Antisemiten nie recht machen. Die ökonomische Entwicklung zwingt sie, sich Berufen zu widmen, die sie mit den Kreisen in Konflikt bringen, bei denen der Antisemitismus floriert, beziehungsweise welchen Berufen sie sich auch zuwenden, so werden sie bei der heftigen Konkurrenz, die heute auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens herrscht, immer Antisemitismus provozieren. Die Judenemanzipation erfolgte zur Zeit, wo das Bürgertum an sich glaubte, nur eine aufsteigende Gesellschaft wird sie vollenden.

Das fühlt auch Lombroso, und darum äußert er sich, soweit die Zurückdrängung des Antisemitismus in Frage kommt, für die Gegenwart sehr pessimistisch. Das allgemeine Stimmrecht werde die Bewegung noch verstärken — als ob es die Arbeiter wären, in deren Reihen der Antisemitismus die Masse seiner Proselyten findet. Aber wenn der Turiner Professor auch kein Vertrauen zur Intelligenz der Arbeiter hat, so scheint ihm doch eine Ahnung aufzudämmern, dass in ihnen die Kraft liegt, diese und andere reaktionäre Mächte zu besiegen. Etwas verschleiert spricht er zum Schluss von einer neuen „Religion“, einem die Errungenschaften der Wissenschaft anerkennenden „sozialen Neochristianismus“, der Juden und Christen vereinigen könne. Aber wenn er dann wieder von der „Stimmung und Sphäre des Wunderbaren“, welcher die Tatsachen des Hypnotismus den Weg ebnen, die nötige Förderung dieser Religion erhofft, auf deren Boden dann „das erstemal der Forscher gemeinsame Sache mit den Massen machen könnte“, so fürchten wir, dass die Massen den „Forscher“ träumen lassen und ihren Weg ohne den Reiz des Unbegreiflichen suchen werden.

E. B.

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Anmerkungen

1. Cesare Lombroso, Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Kurella. Leipzig, Georg H. Wiegand, 1894, Vorwort, S. VI.
https://archive.org/details/11838593bsb/page/n11/mode/2up.

2. Cesare Lombroso, Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Kurella. Leipzig, Georg H. Wiegand, 1894, Vorwort des Übersetzers, S. VIII.
https://archive.org/details/11838593bsb/page/n11/mode/2up.

3. Dies „Einer“ verdanken wir wohl dem Übersetzer.

4. Cesare Lombroso, Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Kurella. Leipzig, Georg H. Wiegand, 1894, S. 15.
https://archive.org/details/11838593bsb/page/n11/mode/2up

< p class="note">5. Cesare Lombroso, Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Kurella. Leipzig, Georg H. Wiegand, 1894, zitiert S. 48.
https://archive.org/details/11838593bsb/page/48/mode/2up

6. Damit stimmt denn freilich nicht die Behauptung des belgischen Antisemitenhäuptlings Picard, dass Spanien verkommen sei, weil es seinerzeit nicht genug Semiten, Mauren und Juden totgeschlagen und ausgetrieben habe, aber Herr Picard wird sich zur Noth auch Rath wissen.

Eugen Dühring, Die Judenfrage als Frage der Racenschädlichkeit für Existenz, Sitte und Cultur der Völker: mit einer weltgeschichtlichen, religionsbezüglich, social und politisch freiheitlichen Antwort, 4. theilweise umgearbeitete und verm. Auflage, Berlin: H. Reuther, 1892.
https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.31158006885379&seq=5.