O.B.

Bücherschau

Parteiliteratur

(November 1907)


Der Kampf, Jahrgang 1 2. Heft, November 1907, S. 93–94.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Tausenden ist der Kalender immer noch das einzige Buch, das sie kaufen und lesen. Ein zweckmässig redigierter Arbeiterkalender kann daher ein sehr wirksames Mittel der Belehrung und der Propaganda sein, das zu Massen dringt, die unsere Bücher und Broschüren nicht erreichen. Leider lässt die Verbreitung der von der Partei und den Gewerkschaften herausgegebenen Kalender noch viel zu wünschen übrig. Im letzten Jahre wurden von den deutschen Arbeiterkalendern in Oesterreich 88.000 Exemplare abgesetzt – eine Zahl, die zur Auflage unserer Parteiblätter und zur Mitgliederzahl unserer Organisationen in schreiendem Missverhältnis steht.

Der soeben im Verlage der Wiener Volksbuchhandlung erschienene Oesterreichische Arbeiterkalender für das Jahr 1908 (Preis 80 h) verdient es, dass die Organisationen sich mit aller Kraft für seine Verbreitung einsetzen. Der Kalender enthält nicht nur das Kalendarium und die üblichen Angaben über Post- und Telegraphentarife, Jahrmärkte u. s. w., nicht nur ein Verzeichnis aller österreichischen Arbeitervereine, Partei- und Gewerkschaftsblätter, sondern auch zahlreiche belehrende Abhandlungen. Auch für das Unterhaltungsbedürfnis ist gesorgt und viele Illustrationen schmücken das Buch.

Den Reigen der belehrenden Aufsätze eröffnet Genosse Kaff mit einer Jahresrundschau über das letzte Jahr. Leider ist diese Rundschau ziemlich unvollständig; gibt es zum Beispiel von den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ereignissen in England während eines ganzen Jahres wirklich nichts zu erzählen, so dass nur der Tod Josef Listers erwähnt werden konnte?

Dr. Renner erzählt die Geschichte der Wahlrechtskämpfe in Oesterreich seit 1867, Dr. Ellenbogen würdigt die Bedeutung des Kunstwerkes Richard Wagners in einem Artikel, der auch dann interessant ist, wenn er (wie an jenen Stellen, die sich in philosophische Betrachtungen verlieren) zum Widerspruch herausfordert, Dr. Rudolf Pöch schildert Land und Leute in Australien, Viktor Stein erzählt die Geschichte der Herstellung und des Vertriebes der Bücher, Therese Schlesinger hat sich mit einer sozialpolitischen Studie über »Das Kind in Staat, Gemeinde und Familie« eingestellt, Adolf Braun bespricht die Entwicklung der Kartelle, Hans Deutsch spricht in einem kurzen – allzu kurzen – Aufsatz vom Kommunistischen Manifest, dessen 60. Geburtstag wir in diesem Jahre feiern. Karl Leuthner endlich gibt eine interessante Uebersicht der neueren Literatur, die das Geheimnis des Lebens und Wirkens Jesu aufzudecken versucht. Der Leser wird also in dem Arbeiterkalender vielseitige und reiche Belehrung finden.

Unsere Kalender führen einen schweren Konkurrenzkampf gegen die von bürgerlichen Verlegern herausgegebenen »Volkskalender«, die mit ihren mit unwahrer Sentimentalität und Romantik getränkten Romanen und Novellen dem Bedürfnis nach »spannender« Lektüre weit entgegenkommen. Ob wir diese schädliche Literatur nicht wirksamer bekämpfen können, indem wir in unseren Kalendern guter Belletristik mehr Raum als bisher einräumen, wäre wohl zu erwägen. Aber nicht nur auf die Auswahl des Stoffes, sondern auch auf die Schreibweise kommt es in hohem Masse an. Der sozialdemokratische Schriftsteller hat die Pflicht, nicht etwa nur ersetzbare Fremdwörter zu vermeiden, sondern auch seine Phraseologie den Bedürfnissen der Leser anzupassen, die an eine schlichte Sprache gewöhnt sind; er hat diese Pflicht in um so höherem Grade, je weiter der Kreis ist, zu dem er sprechen will, nirgends in höherem als gerade in unserer Kalenderliteratur, die ja nicht nur für die Wiener Arbeiter, sondern auch für die weniger geschulte Arbeiterschaft der Provinz bestimmt ist und die die bürgerlichen »Volkskalender« nur verdrängen kann, wenn sie nicht nur dem Bedürfnis der Arbeiter, sondern auch dem ihrer Frauen genügt. Gewiss ist es jedem von uns ein nicht geringes Opfer, dass wir der Ausnützung aller Ausdrucksmöglichkeiten entsagen sollen. Aber wir werden für diesen Verzicht durch das schöne Vorrecht entschädigt, an der Erziehung unserer Jugend mitwirken, das Denken und Wollen der Arbeiterklasse mitbe- stimmen zu dürfen. Wer jemals beobachtet hat, wie ein ausgezeichneter Artikel oder eine gute Broschüre den Kreis ihres Wirkens durch eine unzweckmässige Ausdruckweise selbst einschränkt, wird es wohl berechtigt finden, wenn wir an Selbstverständlichkeiten wieder einmal erinnern.

 


Leztztes Update: 6. April 2024