O.B.

Bücherschau

Deutsche Parteiliteratur

(Dezember 1907)


Der Kampf, Jahrgang 1 3. Heft, Dezember 1907, S. 139–140.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Im Verlag der Wiener Volksbuchhandlung ist der Lichtstrahlen-Kalender für das Jahr 1908 (Preis 20 h) erschienen. Der Kalender, der für die Massenverbreitung bestimmt ist, entspricht recht gut seinem Zweck. Die der Agitation dienenden Aufsätze sind in anregender und schlichter Sprache geschrieben; das Unterhaltungsbedürfnis wird, soweit der enge Raum dies gestattet, ganz leidlich befriedigt. Hoffentlich sorgen die Organisationen dafür, dass der Kalender wirklich zu den Massen dringt, für die er bestimmt ist; die Reorganisation der Kolportage unserer Parteischriften ist eine wichtige und dringende Aufgabe, der die ganze Aufmerksamkeit der verantwortlichen Genossen zugewendet werden muss.

Wichtige Dokumente für die Geschichte der sozialdemokratischen Bewegung sind die eben erschienenen Parteitagsprotokolle: Das Protokoll des Wiener Parteitages der deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich (Preis 1 K), des Essener Parteitages der deutschen Sozialdemokratie im Reiche (Preis K 1,20) und des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart (Preis 60 h). Leider ist auch diesmal wieder das Protokoll des Internationalen Kongresses ganz unzulänglich. Insbesondere die Reden der nichtdeutschen Genossen in den Kommissionen sind zuweilen so gekürzt wiedergegeben, dass der Gedankengang kaum erraten werden kann.

Im Stuttgarter Parteiverlag sind neue Auflagen von einigen der wertvollsten Schriften aus unserer Parteiliteratur erschienen. Von Kautskys Erfurter Programm erschien die achte, von Bebels Charles Fourier die dritte, von Marx’ Kritik der politischen Oekonomie und von Kautskys Thomas More und seine Utopie die zweite Auflage. Der Neuausgabe des berühmten Marxschen Buches wurde die unvollendete Einleitung zu einer Kritik der politischen Oekonomie vorausgeschickt, welche Kautsky in Marx’ Nachlass gefunden und im Jahre 1903 in der Neuen Zeit veröffentlicht hat. Wer sich für die methodologischen Probleme der Gesellschaftswissenschaften interessiert, wird in diesen Vorbemerkungen überaus reiche und fruchtbare Belehrung finden.

Die gleichfalls bei Dietz erschienene Schrift Dialektisches von Ernst Untermann nennen wir nur, um vor ihr zu warnen. Die Tatsachen und Gedankensysteme, die Untermann darstellen will, sind ungenau wiedergegeben. Der Versuch einer »dialektischen Synthese« von Marx, Darwin und Spencer ist missglückt; will doch der Verfasser ganz ernsthaft in Marx’ Lehre vom Wert und Mehrwert einen »ökonomischen Ausdruck des universalen Gesetzes der Energie und Mehrenergie« finden. Dazu soll ihm die Philosophie Dietzgens helfen; dass die Erkenntnistheorie einerseits den Geltungsanspruch der Grundbegriffe der gegebenen Wissenschaft gegen die Skepsis verteidigen, andererseits ihren ontologischen Missbrauch verhüten, niemals aber der Wissenschaft ihre Verfahrensweisen vorschreiben kann, hat Untermann nicht begriffen. Das Wort Dialektik muss alle Schwierigkeiten bannen; Erkenntnistheorie, Entwicklungslehre, begriffliche Verarbeitung der Erfahrungstatsachen, Antithetik muss dieses Wunderwort ebenso decken wie ganz banale Ratschläge, man solle über die Verschiedenheiten nicht die Aehnlichkeiten, bei der Betrachtung der zeitlichen Aufeinanderfolge nicht das Studium der räumlichen Zusammenhänge vergessen. Wenn Untermann versichert, wir brauchten die einseitige »engmarxistischeTheorie« nur durch seinen »dialektischen Monismus« zu ergänzen, um so manchen scheinbar unversöhnlichen Gegensatz innerhalb der sozialistischen Praxis zu überwinden, so beweist er nur, dass er die Wurzeln und das Wesen unserer praktischen Probleme ebensowenig kennt wie die Logik der »engmarxistischen Theorie«.

 


Leztztes Update: 10. Oktober 2022