O. B.

Bücherschau

Arbeiterbildungswesen

(1. Dezember 1908)


Der Kampf, Jahrgang 2 3. Heft, 1. Dezember 1908, S. 141–143.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Seit dem Abschluss der Kämpfe um das Reichsratswahlrecht hat die österreichische Sozialdemokratie die Musse gefunden, der planmässigen Bildungsarbeit unter der organisierten Arbeiterschaft erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Organisationen Wiens haben durch die Einsetzung des Unterrichtsausschusses und durch die Bildung von Bezirks-Unterrichtsorganisationen in den einzelnen Bezirken die organisatorischen Grundlagen für eine systematische Förderung unserer Bildungsarbeit geschaffen. In Linz und Brünn wurden nach dem in Wien vom Verein „Zukunft“ geschaffenen Muster Arbeiterbildungsschulen gegründet, in Salzburg, Teplitz und anderen Städten Vortragskurse eingerichtet. Auch die tschechische Sozialdemokratie setzt ihre Bildungstätigkeit mit verstärkter Kraft fort. Wir verweisen insbesondere auf die fruchtbare Tätigkeit der „Dělnická Akademie“ in Prag.

Die Genossen, die in diesem Zweige unserer Parteitätigkeit wirken, können aus der musterhaften Bildungsarbeit unserer reichsdeutschen Bruderpartei reiche Belehrung schöpfen. Der auf dem Mannheimer Parteitag eingesetzte „Bildungsauschuss der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (Berlin, SW. 68, Lindenstrasse 3) veröffentlicht in jedem Jahr Tätigkeitsberichte, in denen auch die österreichischen Genossen manche Anregung finden können. Auch die Berichte der Parteischule das zu Weihnachten 1907 und 1908 vom Bildungsauschuss herausgegebene „Verzeichnis empfehlenswerter Jugendschriften“, die von ihm unter dem Titel Die Volksbühne herausgegebenen Einführungen in Dramen und Opern, die zur Verteilung an die Besucher von Arbeitervorstellungen bestimmt sind, verdienen die Beachtung der österreichischen Parteigenossen.

Manche Anregung finden wir insbesondere in dem Winterprogramm des Bildungsausschusses für das Jahr 1908/1909. Die Organisatoren unserer Bildungstätigkeit werden sich insbesondere für die Dispositionen der Vortragsreihen und Unterrichtskurse interessieren, welche die vom Bildungsausschuss bestellten Wanderredner in vielen Städten des Reiches halten. Doch können wir Bedenken gegen diese Unterrichtspläne nicht verschweigen. Wir glauben, dass die Kenntnis der Entwicklungstendenzen des Kapitalismus für das Verständnis des proletarischen Klassenkampfes die allererste Voraussetzung ist. Wir müssen den Arbeitern zeigen, in welchen Formen sich der Prozess der Konzentration des Kapitals heute vollzieht; die Kapitalshörigkeit des Handwerks, die kapitalistischen Unternehmungsformen im Handel, dieWand-lungen im inneren Wesen der landwirtschaftlichen Unternehmung, die Entwicklung der Aktiengesellschaften, Kartelle und Trusts, die Herrschaft der Grossbanken über die Industrie – all das muss der Arbeiter verstehen lernen, wenn er vor den Irrtümern und Trugschlüssen der bürgerlichen (übrigens auch der revisionistischen und syndikalistischen) Kritik des modernen Sozialismus geschützt werden soll. Die theoretischen Grundbegriffe können überhaupt nur als Denkmittel zur Erklärung des grossen kapitalistischen Entwicklungsprozesses richtig verstanden werden; wird der Darlegung der Grundbegriffe breiter Raum zugestanden, die Darstellung der Entwicklungstendenzen dagegen in einem Schlussvortrage kurz abgetan, dann wird der Arbeiter auch die Grundbegriffe missverstehen, ihre theoretische Funktion gar nicht begreifen; er wird aus der Wertlehre gerade das herauslesen, was nicht in ihr liegt, nämlich das „Recht“ auf den vollen Arbeitsertrag. Darum halten wir es für bedauerlich, dass in dem Unterrichtsprogramm des deutschen Bildungsauschusses ein besonderer Unterrichtskurs über die modernen Formen der Konzentration des Kapitals fehlt und dass in den veröffentlichten Dispositionen immer nur ein Vortragsabend, gewöhnlich der letzte in der Reihe, diesem Thema gewidmet wird.

Vielleicht ist diese Vernachlässigung gerade des für das Verständnis unseres Parteiprogramms wichtigsten Teiles der Marx’schen Lehre darauf zurückzuführen, dass die Theorie der Kapitalskonzentration von Marx zwar in genialer Weise skizziert wurde, aber die Darstellung ihrer wichtigsten Formen (und insbesondere ihrer jüngsten Formen) im ersten Bande des Kapitals nur angedeutet, im zweiten und dritten Bande nur in einzelnen zerstreuten Bemerkungen zu finden ist. Durch Ausfüllung der Lücken unserer theoretischen Parteiliteratur wird man der mündlichen Bildungstätigkeit neue Anregungen geben müssen. Lehrreiche Versuche dieser Art haben die Genossen Hermann Duncker und Julian Borchardt unternommen, die als Wanderlehrer im Dienste des deutschen Bildungsauschusses tätig sind.

Ein origineller Versuch, den Hörern unserer theoretischen Unterrichtskurse ein Hilfsmittel zur Wiederholung des Gehörten und zu selbständiger Fortbildung in die Hand zu geben, ist Hermann Dunckers Büchlein Volkswirtschaftliche Grundbegriffe (Stuttgart, Dietz, 1908, Preis 48 h). Duncker fasst den Inhalt seiner theoretischen Vorträge, die an den historischen Kursus anschliessen und die höhere Stufe seines ökonomischen Unterrichtes bilden, in knappen Sätzen zusammen. Das Schriftchen kann nicht zum Selbststudium, sondern nur als Leitfaden zur Wiederholung und Ergänzung des Gelernten benützt werden. Neben dem ersten ist auch der dritte Band des Kapitals genügend berücksichtigt. Sehr fleissig zusammengestellte Literaturangaben erhöhen den Wert des Büchleins.

Bezeichnend ist, dass auch diese selbständige und originelle Arbeit in den für einen grossen Teil unserer Parteiliteratur typischen Fehler verfällt: Während der Lehre von der Grösse und der Verteilung des Wertproduktes grosse Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die Darstellung der Akkumulation und Konzentration des Kapitals ganz ungenügend. Auch die Theorie der Wirtschaftskrisen hätte wohl skizziert werden sollen. Aber auch in der Darstellung der Lehre vom Wert, Mehrwert und Preis werden oft in einem Satz allzu viele neue Begriffe und Lehrsätze zusammengedrängt. So pfercht Duncker zum Beispiel die Definition der notwendigen Arbeit und die der Mehrwertrate (Seite 38) in einen Satz; ich glaube nicht, dass ein Arbeiter, der acht Vorträge über theoretische Nationalökonomie gehört hat, imstande sein wird, aus diesem Satz die in ihm zusammengedrängten Begriffe herauszulösen. Ebenso wird die Definition der organischen Zusammensetzung des Kapitals in den Lehrsatz, der von der Höhe der Profitrate bei gleicher Mehrwertrate handelt, eingeschachtelt (Seite 48). Die Definition der Volkswirtschaft (Seite 7) ist ungenau und nichtssagend; auf Seite 36 ist vom Wert, statt vom Wertprodukt der Tagesarbeit die Rede. Dass durch die Ueberwälzung von Lohnerhöhungen auf die Warenkäufer der Verhältnislohn gesenkt werde (Seite 46), ist unrichtig. Selbst wenn allgemeine Ueberwälzung möglich wäre, würde durch die Lohnerhöhung der Anteil der Arbeiterklasse am Wertprodukt unter sonst unveränderten Umständen immer noch gesteigert, da die ganze Lohnerhöhung der Arbeiterklasse zufliesst, während doch ein Teil der Preiserhöhung die besitzenden Klassen belastet.

Trotz dieser Ungenauigkeiten ist der wohldurchdachte Versuch des Genossen Duncker sehr verdienstvoll, sowohl wegen des Eigenwertes seiner Arbeit, als auch als ein Anfang zur Schaffung einer Lehrbuchliteratur, die unsere mündliche Bildungstätigkeit wesentlich erleichtern und fördern könnte.

Ist die Schrift Dunckers als ein Hilfsmittel für den Vorgeschrittenen gedacht, so wendet sich Julian Borchardt in seinen Grundbegriffen der Wirtschaftslehre (Leipziger Buchdruckerei, 1908, Preis 48 h) an den Anfänger. Borchardt will den Leser nicht durch den systematischen Aufbau der Grundbegriffe abschrecken und ermüden; aber er versucht es auch nicht, durch eine wirtschaftsgeschichtliche Darstellung allmählich zur ökonomischen Theorie überzuleiten, was unseres Erachtens die einzig richtige Methode zur Einführung in die Wirtschaftslehre ist. So muss er sich mit einer Plauderei über die im ersten Bande des Kapitals dargestelltenProbleme begnügen, die dem Vorgeschrittenen zu wenig bietet, für den Anfänger aber nie ganz verständlich sein kann, da sie in jedem Abschnitt Begriffe voraussetzen muss, die entweder gar nicht oder erst später erläutert werden. So beginnt Borchardt seine Darlegungen mit einer Darstellung der kapitalistischen Betriebsformen. Da er aber die Entwicklung der Kooperation, Manufaktur und Fabrik nicht als ein Kapitel der Wirtschaftsgeschichte erzählt, sondern als Methoden zur Erzeugung des relativen Mehrwerts dem theoretischen System einordnet, muss er schon im ersten Kapitel die Begriffe des Werts der Arbeitskraft und des Mehrwerts einführen, obwohl diese Begriffe erst in den letzten Kapiteln einigermassen verständlich gemacht werden. Wegen dieser verfehlten Anlage ist das Heft als Lehrbuch nicht brauchbar; doch wird der Arbeiter, der die theoretischen Grundbegriffe schon aus anderen Schriften oder aus Vorträgen kennt, Borchardts Broschüre als Lesebuch gern benützen.

Neben der Vortrags- und Unterrichtstätigkeit, aus der auch diese Broschüren hervorgegangen sind, wendet der deutsche Bildungsausschuss auch den Bibliotheken unserer Organisationen seine Aufmerksamkeit zu. Der Planlosigkeit in der Zusammenstellung unserer Bibliotheken will er durch seine Musterkataloge für Arbeiterbibliotheken entgegenwirken. In dem bisher erschienenen ersten Heft wurden kleine Bibliotheken in verschiedenen Preislagen zwischen 10 und 500 Mk. zusammengestellt. Wir sind nicht in allen Einzelheiten mit diesen Ratschlägen einverstanden. Bezeichnend für den schon beschriebenen Grundfehler unserer Bildungsarbeit ist, dass in dieser Sammlung auch nicht eine Monographie über den Kampf zwischen Kapitalismus und Handwerk, über Warenhäuser, über Kartelle zu finden ist, obwohl es einige empfehlenswerte Broschüren dieser Art gibt. Dass die Gewerkschaftsliteratur zu wenig, die Genossenschaftsliteratur fast gar nicht berücksichtigt wurde, wird gerade derjenige bedauern, der in der Einheit aller Zweige der Arbeiterbewegung eine Voraussetzung des proletarischen Klassenkampfes sieht. Dagegen finden wir einige ältere Broschüren, die heute schon entbehrlich sind. Indessen ist volle Uebereinstimmung des Urteils über den sachlichen und pädagogischen Wert von Büchern und Broschüren niemals zu erreichen. Die Musterkataloge sind jedenfalls eine sehr verdienstvolle Arbeit, deren Benützung auch den Bibliothekaren der österreichischen Arbeitervereine wärmstens zu empfehlen ist.

Einen ähnlichen Versuch, der auch den besonderen Bedürfnissen der österreichischen Arbeiterschaft Rechnung zu tragen sucht, finden wir in dem soeben erschienenen Weihnachtskatalog der Wiener Volksbuchhandlung. So interessant dieser Versuch ist, ist doch seine Ausführung mangelhaft So wird zum Beispiel aus der ganzen Literatur, die aus dem Streit um den Revisionismus hervorgegangen ist, nur Rosa Luxemburgs Sozialreform oder Revolution genannt; diese Broschüre wird aber schon in die zweite Bibliothek eingereiht, während Kautskys Marx’ ökonomische Lehren erst in der dritten Bibliothek erscheinen! Jedenfalls wird diese Privatarbeit unseren österreichischen Unterrichtsorganisationen nicht die Mühe ersparen, sich gleichfalls einmal mit der wichtigen Frage unserer Vereinsbibliotheken zu beschäftigen.

Ein sehr wertvoller Beitrag zu dieser Frage ist auch die Geschichte der Bibliothek des Sozialdemokratischen Vereines Leipzig-Plagwitz, die Gustav Hennig in einem von unserem Leipziger Parteiverlag sehr hübsch ausgestatteten Bändchen unter dem Titel Zehn Jahre Bibliothekarbeit veröffentlicht hat. Das Büchlein enthält sehr nützliche Ratschläge über die Katalogisierung, den Ausleihbetrieb, die Statistik und Registratur unserer Arbeiterbibliotheken. Jeder Bibliothekar, dem die Verwaltung einer Arbeiterbibliothek anvertraut ist, wird das Schriftchen mit Interesse und Nutzen lesen. Die Statistik der Benützung dieser grossen Arbeiterbibliothek und das Verzeichnis ihrer meistgelesenen Bücher sind ganz interessante Beiträge zur Psychologie des städtischen Arbeiters.

 


Leztztes Update: 6. April 2024