O. B.

Bücherschau

Deutsche Parteiliteratur

(1. Juli 1910)


Der Kampf, Jg. 3 10. Heft, 1. Juli 1910, S. 479–480.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Als vor fünfzehn Jahren der schmähliche Zusammenbruch des deutschen Liberalismus die bürgerliche Jugend aufrüttelte und der erste Wahlrechtssturm des österreichischen Proletariats ihre Aufmerksamkeit auf die Arbeiterbewegung lenkte, wurde in Wien die „Freie Vereinigung sozialistischer Studenten und Akademiker“ gegründet. Von den Studenten, die durch ihre Schule gegangen sind, haben wohl die meisten, zu Amt und Würden gekommen, in das bürgerliche Lager wieder heimgefunden; aber auch ihnen hat die „Freie Vereinigung“ ein höheres Mass sozialer Erkenntnis, als sonst die bürgerliche Intelligenz zu besitzen pflegt, auf ihren Lebensweg mitgegeben. Viele „alte Herren“ der Freien Vereinigung sind aber der Partei treu geblieben ; so mancher dient ihr nach Kräften heute noch als stiller Genosse, einzelne wirken für sie an weit sichtbarer Stelle. In der Liste der Mitarbeiter der Neuen Zeit und des Kampf, unter den Redakteuren unserer Parteiblätter in Oesterreich und Deutschland, unter den Vortragenden unserer Bildungsorganisationen finden wir eine stattliche Anzahl treuer Genossen, die die „Freie Vereinigung“ erzogen hat. Diesem Studentenverein hat zur Feier seines fünfzehnjährigen Bestandes sein ehemaliger Obmann Genosse Dr. Max Adler sein Schriftchen Der Sozialismus und die Intellektuellen gewidmet, das im Wiener Parteiverlag erschienen ist.

Adlers Broschüre will Studenten, Akademiker, Intellektuelle für den Sozialismus gewinnen. Der Verfasser will zeigen, was der Sozialismus als Kulturbewegung, der Sozialismus als Entwicklungsziel den Intellektuellen bedeutet. Mit Recht appelliert er nicht an das Standesinteresse der freien Berufe, sondern an ihre Kulturinteressen; die Erfahrung beweist, dass nur wissenschaftliche Erkenntnis ein festes und dauerndes Band zwischen den Intellektuellen und dem Sozialismus zu schlingen vermag, während das Sonderinteresse des Standes sie nur zu jenen zünftlerischen, durch und durch reaktionären Bewegungen führen kann, für die uns eben jetzt die arbeiterfeindliche Aktion der Organisationen der Aerzte ein trauriges Beispiel gibt. Der warme eindringliche Ton erhebt Adlers Rede über das Niveau eines schlichten Vortrages; sie appelliert nicht nur an den Wissensdurst, an den Erkenntnistrieb, sondern auch an den gefühlswarmen Idealismus eines jugendlichen Hörerkreises. In diesem Vorzug sind freilich auch die Mängel der Broschüre begründet. Adler beurteilt die Aussichten des Sozialismus in den Schichten der Intellektuellen zu hoffnungsvoll; er unterschätzt die Schwierigkeiten, die gerade hier desto grösser werden, je mehr die Arbeiterklasse erstarkt, je weniger sie an das Mitleid, je mehr sie an die Macht appelliert; je weniger sie als Sekte voll mystischer Zukunftssehnsucht erscheint, je mehr sie ihre Kraft für die unmittelbaren Klasseninteressen einsetzt. Adlers Optimismus erscheint uns heute wenig begründet. Gerade in der jüngsten Zeit erstarkt an den deutschen Universitäten die Tendenz, die die strenge Scheidung der Wissenschaft von aller ethischer Wertung fordert. Diese Tendenz kann dem Marxisten wohl als ein methodologischer Fortschritt erscheinen, als eine wohlbegründete Reaktion gegen die unkritische Vermengung der theoretischen Erkenntnis und des politischen Urteils in der „historisch-ethischen Schule“. Aber der methodologische Fortschritt dient in Wirklichkeit reaktionärer Praxis: hinter all den methodologischen

Untersuchungen steckt, so oft sie sich auf Marx berufen mögen, doch nur die Absicht, die Sozialpolitik von den Kathedern, die Beschäftigung mit den Sorgen der Arbeiter aus den Semi-narien zu weisen. In einer solchen Zeit ist Adlers Optimismus wohl kaum begründet; aber in der warmherzigen Propagandarede hören wir gern, was, im nüchternen Vortrag gesagt, zum Widerspruch reizen würde.