O. B.

Bücherschau

Tschechische Parteiliteratur

(1. Juli 1910)


Der Kampf, Jg. 3 10. Heft, 1. Juli 1917, S. 480.


Genosse Eduard Burian ist den Lesern des „Kampf“ kein Fremder. Im ersten Hefte des ersten Jahrganges unserer Zeitschrift haben wir seine vortreffliche kleine Programmbroschüre ausführlich besprochen. Wir freuen uns, heute von einer neuen Arbeit des jungen tschechischen Genossen berichten zu können. Unter dem Titel Probleme der tschechischen Sozialdemokratie. Ein Beitrag zur Nationalitätenpolitik der Arbeiterklasse hat Burian eine Schrift veröffentlicht, die uns in diesen Tagen, in denen ein grosser Teil der tschechischen Arbeiterschaft auf einen gefährlichen Irrweg geführt wurde, doppelt willkommen erscheint. [1]

Burian führt die Streitigkeiten innerhalb der Sozialdemokratie darauf zurück, dass nichtproletarische Elemente in die Partei eindringen, nichtproletarische Ideologien die Parteigenossen beeinflussen. Insbesondere die kleinbürgerliche Denkweise wird uns gefährlich. Gegen diese Gefahren schützt uns nur die theoretische Schulung. Es ist die grosse Aufgabe des Marxismus, die Bewegung der Arbeiterklasse gegen diese Gefahren zu verteidigen. In Oesterreich vor allem ist es die Aufgabe der marxistischen Propaganda, die internationale Einheit des Proletariats gegen die nationalen Tendenzen zu schützen, die sich in die Praxis unserer Partei eingeschlichen haben. Die Internationalität unserer Bewegung bedeutet freilich nicht nationale Indifferenz; sie setzt das Selbstbestimmungsrecht der Nation voraus. Die Sozialdemokratie kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie alle Nationen befreit. Wohl aber heischt die Internationale von uns, dass wir dem Sonderinteresse unserer Nation entgegentreten, wenn es dem Gesamtinteresse des proletarischen Befreiungskampfes im Wege steht.

Burian wendet sich nun zunächst gegen den tschechischen Nationalismus. Ein ganzes Kapitel ist dem Kampfe gegen das böhmische Staatsrecht gewidmet. Ihm stellt Burian die realen Tendenzen der Entwicklung gegenüber, der Entwicklung zur „Zentralisation der Welt“, zu einer grossen internationalen Weltorganisation, deren Werden sich heute schon in der Entwicklung der Weltwirtschaft und des Völkerrechtes ankündigt.

Auch in Oesterreich treibt die wirtschaftliche Entwicklung zur fortschreitenden Zentralisation. Die tschechische Nation darf ihr Heil nicht im Widerstande gegen den Zentralismus suchen, der durch die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung diktiert ist. Wohl aber muss dem Zentralismus in der Gesetzgebung ein Gegengewicht entgegengestellt werden in der Autonomisierung der Staatsverwaltung. Sie ist die Grundlage der nationalen Autonomie, die auf das Personalitätsprinzip aufgebaut werden muss. Dieses Programm allein entspricht den nationalen Interessen ; die Bourgeoisie bekämpft es nur darum, weil es ihren Klasseninteressen widerspricht. Wir können dieses Programm heute freilich nur propagieren, nicht verwirklichen; aber ergeht es unseren wirtschaftlichen und sozialen Forderungen nicht ebenso?

Das Schlusskapitel des Büchleins behandelt den Konflikt in unseren Gewerkschaften. Burian tritt sehr entschieden für den „Zentralismus“ in der Gewerkschaftsbewegung ein. Seine Forderung lautet: „Gemeinsamkeit der Arbeiterschaft in allen Lohnkämpfen, daher auch Einheit, Zentralisation aller gewerkschaftlichen Einrichtungen, die den Lohnkämpfen dienen; den Bedürfnissen der Partei können wir dadurch genügen, dass die Arbeiterschaft der einzelnen nationalen Gruppen diejenigen Einrichtungen der gewerkschaftlichen Organisationen, die nicht im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Kampfe der Arbeiterklasse stehen, autonom verwaltet.“ Der nationale Streit darf uns nicht darüber täuschen, dass nicht die „Eigenart Oesterreichs“, sondern die Entwicklung des Kapitalismus,- der hier derselbe ist wie in aller Welt, unser Vorgehen bestimmt! „In anderen Ländern muss die Arbeiterschaft mühevoll darüber belehrt werden, dass die Sozialdemokratie keine politische Partei ist wie die anderen, dass sie sich von ihnen grundsätzlich unterscheidet, dass sie eine neue Welt darstellt, die mit der alten nichts gemein hat. In Oesterreich haben wir gerade in der Internationalität ein unschätzbares Mittel, auch dem stumpfen Blicke zu zeigen, dass die Sozialdemokratie hoch über allen anderen Parteien steht.“

Burians Schrift ragt schon durch die marxistische Methode aus der ganzen tschechischen Parteiliteratur hervor. Sie ist wohl die erste selbständige marxistische Arbeit in tschechischer Sprache. Sie wird auf die tschechischen Leser desto stärker wirken, da Burian aus der tschechischen Geschichte und aus der tschechischen Literatur schöne Argumente für seine Thesen beibringt. Ganz frei von Mängeln und Lücken ist das Büchlein nicht; insbesondere in der Begründung der nationalen Rechte fällt Burian zuweilen in die naturrechtliche Argumentation zurück (Seite 31, 40), statt in den sozialen Entwicklungstendenzen ihren Ursprung zu suchen. Weit besser ist ihm die Darstellung der internationalen Tendenzen der modernen Geschichtsentwicklung gelungen; hier zeigt sich am deutlichsten der fruchtbare Einfluss des marxistischen Denkens, vor allem der Schriften Kautskys, den Burian seinen Lieblingslehrer nennt. Hoffentlich wird das Büchlein die Verbreitung finden, die es verdient. Die tschechischen Partei- und Gewerkschaftsbibliotheken sollten es nieht unterlassen, Burians Schrift den tschechischen Arbeitern zugänglich zu machen.

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Anmerkung

1. Problémy českoslovanské sociální demokracie. Příspevek k národnostní politice dĕlnické třúdy. Napsal E. Burian. Selbstverlag des Verfassers. Preis K 1,20, für organisierte Arbeiter 80 h.