Otto Bauer

Personalitätsprinzip und Territorialprinzip
in den Gewerkschaften

(1. Dezember 1910)


Der Kampf, Jg. 4 3. Heft, 1. Dezember 1910, S. 102–108.
Transkription u. HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’ Internet Archive.


Die Vertreter der Prager Gewerkschaftskommission haben der von der Gesamtexekutive einberufenen Verständigungskonferenz einen sorgfältig ausgearbeiteten Antrag vorgelegt, in dem die Mittel aufgezählt wurden, die die Separatisten anwenden wollen, um den Krieg in den österreichischen Gewerkschaften zu beenden.

Der Antrag unserer tschechischen Genossen geht von der Voraussetzung aus, dass die separatistischen Organisationen fortbestehen sollen. Das ist nicht verwunderlich. Die Prager Parteileitung und die tschechoslawische Gewerkschaftskommission haben die tschechische Arbeitermasse gelehrt, dass sie nur in selbständigen tschechischen Organisationen ihr Heil suchen könne; sie können natürlich nicht heute widerrufen, was sie gestern noch gepredigt haben. Wer den Frieden will, muss damit rechnen, dass die separatistischen Organisationen heute nicht aufgelöst werden können. Es kann sich heute nur darum handeln, die separatistischen Organisationen der internationalen Gesamtorganisation einzuordnen, nicht darum, sie aufzulösen. Wir begreifen sehr wohl, dass es den zentralistisch gesinnten Genossen schwer wird, die separatistischen Organisationen anzuerkennen. Aber ohne diesen Entschluss ist die Beendigung des inneren Kampfes in den Gewerkschaften, der den Klassenkampf gegen das Unternehmertum erschwert, unmöglich. So gewiss es ist, dass die internationale Union eine zweckmässigere Form der gewerkschaftlichen Organisation ist als die Föderation internationaler und nationaler Organisationen, so ist es doch, wenn und solange die Union nicht erreicht werden kann, immer noch besser, wenn die separatistischen Organisationen einer internationalen Gesamtorganisation eingegliedert werden, als wenn sie von ihr völlig getrennt bleiben, im heftigen Kampfe gegen sie stehen und ihren Klassenkampf gegen das Unternehmertum stören. Ist das Bessere unerreichbar, müssen wir uns eben mit dem erreichbaren Guten begnügen. Und wird erst durch einen billigen Ausgleich die friedliche Stimmung in beiden Lagern wiederhergestellt, dann wird die wirtschaftliche Entwicklung, die Entwicklung des Kapitalismus selbst allmählich zu neuen zweckmässigeren Formen der gewerkschaftlichen Organisation führen. Wer die wundertätige Wirkung der wirtschaftlichen Entwicklung kennt, die wahrhaftig grössere Hindernisse besiegt hat und besiegen wird als die nationalen Vorurteile unserer tschechischen Genossen, der wird die Anerkennung der tschechischen Sonderorganisationen als eine unvermeidliche Entwicklungsphase nicht fürchten.

So wenig aber wir von den Separatisten verlangen können, dass sie heute ihre Organisationen auflösen und ihre Mitglieder in die internationalen Reichsverbände zurückführen, so wenig können die Separatisten von uns verlangen, dass wir ihre Organisationen bedingungslos anerkennen. Wir können die separatistischen Organisationen nur unter der Bedingung anerkennen und Gegenseitigkeitsverträge mit ihnen nur unter der Bedingung abschliessen, dass erstens organisatorische Einrichtungen geschaffen werden, die die Einheitlichkeit der Führung des gewerkschaftlichen Kampfes verbürgen, und dass zweitens die Wirkungsgebiete der internationalen und der separatistischen Organisationen möglichst scharf abgegrenzt werden. Wie die organisatorische Verknüpfung der separatistischen mit den internationalen Organisationen durchgeführt werden kann, zeigt die Abhandlung des Genossen Braun in diesem Hefte des Kampf. Unsere Aufgabe ist es, zu untersuchen, wie die nationale Abgrenzung innerhalb der gewerkschaftlichen Organisation durchgeführt werden soll.

Die Prager Gewerkschaftskommission schlägt vor, die Abgrenzung in folgender Weise durchzuführen:

„Um die gegenseitigen Schädigungen und Nötigungen zum Uebertritt in national gemischten Gebieten und Unternehmungen hintanzuhalten, ist der Grundsatz einzuhalten: Der tschechische Arbeiter gehört in die tschechische Organisation, der deutsche in die deutsche u. s. w. Niemand darf aber in seiner freien Entscheidung behindert werden.“

Die tschechischen Genossen wollen also der Abgrenzung das Personalitätsprinzip zugrunde legen. Sie nehmen alle tschechischen Arbeiter – auch den tschechischen Metallarbeiter in Wien, den tschechischen Schneider in Eger, den tschechischen Tischler in Innsbruck – für die separatistische Organisation in Anspruch; die internationale Organisation soll, soweit es auf die Tschechen ankommt, in eine rein deutsche Organisation verwandelt werden.

Diese Form der Organisation hätte zur Folge, dass in demselben Betrieb beide Organisationen nebeneinander wirken müssten. Noch in Kopenhagen haben die tschechischen Genossen diese Konsequenz gescheut. Als ich in der Gewerkschaftskommission des Kopenhagener Kongresses erzählte, nach den Wünschen unserer tschechischen Genossen müssten in einer Fabrik in Linz, in der neben 200 deutschen 3 tschechische Arbeiter arbeiten, die drei Tschechen einer anderen Organisation angehören als die 200 Deutschen, haben mich die Genossen Nĕmec, Soukup und Tusar sehr lebhaft unterbrochen und in ihren Zwischenrufen behauptet, dies sei durchaus nicht ihr Wunsch. Und Genosse Nĕmec sagte in seiner Schlussrede in der Kommission ganz ausdrücklich :

„Wir wollen die Trennung nicht bis in jede einzelne Werkstätte, bis zum letzten Mann tragen; aber wir haben grosse geschlossene Sprachgebiete, deutsche und tschechische, und da muss sich eine zweckmässige Organisationsform finden.“

Heute aber legt die tschechische Gewerkschaftskommission einen Antrag vor, der die nationale Spaltung tatsächlich in jede einzelne Werkstätte tragen will. Die Schwierigkeiten, die diese nationale Zersplitterung der Organisation in jedem Betrieb der Führung von Lohnkämpfen bereitet, will die Prager Kommission in folgender Weise beheben:

„Die Lohnbewegung führt nach gegenseitiger Verständigung jene Organisation, die von der Mehrheit der klassenmässig organisierten Arbeiter im Betrieb damit betraut wurde. Das bezieht sich besonders auf die Verhandlungen mit den Unternehmungen und ihren Organisationen. Die Streikkomitees sollen verhältnismässig nach der Zahl der vertretenen Mitglieder zusammengesetzt werden.“

Ob eine solche Lösung des Organisationsproblems den Bedürfnissen der Arbeiterschaft entspricht, muss nun sorgfältig geprüft werden.

Die Grundlage jeder gewerkschaftlichen Organisation ist der Betrieb. Der Kapitalismus organisiert die Arbeiter in der Herrschaftsorganisation des Betriebes, ehe wir sie in der gewerkschaftlichen Gemeinde organisieren. Das letzte Ziel aller gewerkschaftlichen Arbeit ist, alle Arbeiter eines Betriebes in einer einzigen Organisation zu vereinigen, damit dem einen Unternehmer auch die Arbeiterschaft als einheitlicher Körper gegenüberstehe. Allerdings ist dieses Ziel auch dort nicht leicht zu erreichen, wo keine nationalen Gegensätze innerhalb der Arbeiterschaft bestehen. Die Arbeiter desselben Betriebes zerfallen je nach Beruf, Qualifikation, Höhe des Lohnes in verschiedene Gruppen. Diese Verschiedenheit erschwert ihre Vereinigung in einer Organisation. Daher haben sich die Arbeiter in der Regel nicht nach Betrieben, sondern nach Berufen organisiert. Da die Arbeiter eines jeden Berufes ihre besondere Organisation bildeten, waren in Betrieben, die Arbeiter mehrerer Berufe umfassen, mehrere Organisationen vertreten. Diese Spaltung der Arbeiterschaft hat den Ausbau der Gewerkschaften sehr erschwert. Ueberall sehen wir daher starke Tendenzen am Werk, den beruflichen Separatismus – den „Sektionalismus“, wie die Engländer sagen – zu überwinden und die Arbeiter eines jeden Betriebes in einer einzigen Organisation zu vereinigen.

Am schwersten hat die Arbeiterklasse Grossbritanniens unter dem beruflichen Separatismus gelitten. Die Arbeiter der meisten Industriegruppen sind dort in zahllose Berufsverbände gespalten. Da die einzelnen Berufe nicht reinlich gegeneinander abgegrenzt werden können, greift jeder Verband bei seiner Werbearbeit in das Rekrutierungsgebiet anderer Verbände ein. Zahllose Grenzstreitigkeiten sind die Folge.

Das Urteil der Webbs, der berühmten Historiker der englischen Gewerkschaften, über diesen „Sektionalismus“ ist für uns um so interessanter, als die Webbs keineswegs für alle Fälle die Betriebsorganisation empfehlen. In ihrer klassischen Schrift über die Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine setzen die Webbs zunächst die Nachteile auseinander, die der „Sektionalismus“ der Entwicklung des gewerkschaftlichen Unterstützungswesens bereitet.

„Wenn rivalisierende Gesellschaften sich die Mitglieder streitig machen, muss die Konkurrenz unvermeidlich darauf hinauslaufen, dass entweder die gewöhnlichen Unterstützungen zu niedrigeren Prämiensätzen angeboten oder ausschweifend hohe Unterstützungen zu den gewöhnlichen Prämiensätzen versprochen werden. Auf den unerfahrenen Rekruten wirkt die Niedrigkeit des wöchentlichen Beitrages mit fast unwiderstehlicher Anziehungskraft. Der Verein, der Beiträge einhebt, die für die Erfüllung seiner Verpflichtungen zu niedrig sind, muss natürlich sein eigenes Verderben herbeiführen. Und wenn der unvermeidliche Zusammenbruch kommt, gewinnt die vorsichtige Gesellschaft nur wenig durch die Auflösung ihrer unreellen Rivalin. Die Mitglieder eines Klubs, der seine Verpflichtungen nicht hat erfüllen können, bleiben ein für allemal gegen Organisationen aller Art misstrauisch und sind nicht geneigt, mit neuen Beitragszahlungen zu beginnen ... Zahlreiche Beispiele lassen uns verstehen, warum die Gewerkvereine, welche die grössten Reservefonds aufgehäuft haben, um ihre zukünftigen Verpflichtungen erfüllen zu können, sich in den Gewerken finden, wo ein einziger Verein die ganze Industrie umfasst.“ [1]

Noch viel mehr als der Ausbau des Unterstützungswesens wird der Kampf gegen das Unternehmertum durch den „Sektionalismus“ erschwert.

„Wenn die Beamten der beiden Organisationen auf der Mitgliederjagd gewesen sind und ihre gegenseitige Konkurrenz empfindlich gefühlt haben, dann kann es kaum an Gelegenheiten zu Reibereien und Uebelwollen fehlen. Anklagen auf illoyales Verhalten werden von beiden Seiten gemacht, die bei der Masse der Mitglieder ein Echo finden müssen. Nun ereignet sich ein Streit zwischen einem Unternehmer und den Mitgliedern eines Gewerkvereines. Die Mitglieder desselben werden entlassen oder legen die Arbeit nieder. Die Beamten des rivalisierenden Vereines erfahren von der in Frage stehenden Firma, dass sie Arbeitsstellen frei hat. Mitglieder ihres Vereines wandern auf der Suche nach Arbeit umher und beziehen aus der Vereinskasse Arbeitslosenunterstützung. Diese die freien Stellen einnehmen zu lassen – dem rivalisierenden Verein gegenüber den Streikbrecher zu spielen – hiesse das schwerste Verbrechen gegen den Geist des Trade Unionismus begehen. Unglücklicherweise ist in vielen Fällen die Versuchung unwiderstehlich. Die Reibereien zwischen den rivalisierenden Organisationen, die persönlichen Feindschaften der Beamten, die Ueberlieferungen früher erlittenen Unrechts, die Versuchung des finanziellen Gewinnes für Arbeiter und Verein, alles trägt dazu bei, die Gelegenheit zu einem ,Ausnahmefall‘ zu machen. In diesem Stadium genügt jeder Vorwand. Die unvernünftige Forderung des anderen Vereines, die Tatsache, dass er seinen Rivalen nicht vor Beginn einer Aktion um Rat gefragt hat, selbst das Ausbleiben des offiziell den Streik meldenden Briefes dienen als überzeugende Entschuldigungen den später folgenden Gegenbeschuldigungen gegenüber. Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass auf dem Gewerkvereinskongress ein Verein gegen den anderen die bittere Anklage erhöbe, in einem von ihm geführten Streik zum Streikbrecher geworden zu sein. Ueberall, wo es Rivalität und Konkurrenz um Mitglieder zwischen Vereinen derselben Industrie gibt, finden wir auch zahlreiche Fälle von Streikbrecherei.“ [2]

Die Webbs fassen ihr Urteil schliesslich in folgenden Worten zusammen: „Es ist keine Uebertreibung, wenn wir behaupten, dass dieser Konkurrenz zwischen Gewerkvereinen, deren Gebiete ineinander übergreifen, neun Zehntel der Schwäche der Gewerkvereinsbewegung zuzuschreiben sind.“ [3]

In der Tat bemühen sich schon seit Jahren die erfahrensten Gewerkschafter Englands, den „Sektionalismus“ zu überwinden. Die Krise, in der sich die Arbeiterbewegung Englands heute befindet, hat die Kraft dieser Tendenzen gestärkt. Genosse Tom Mann, der schon seit dem Jahre 1891 für die „Amalgamierung“ der Gewerkschaften wirkt, steht an der Spitze dieser Bewegung. Der letzte britische Gewerkschaftskongress hat eine Resolution angenommen, die die Vereinigung der Berufsvereine in Industriegruppen-Organisationen empfiehit. Auch das konservative England befindet sich auf dem Wege zu dem gewerkschaftlichen Ideal: In jedem Betrieb nur eine Organisation!

Viel näher ist die deutsche Gewerkschaftsbewegung diesem Ziele. Wenn die reichsdeutschen Gewerkschaften heute schon leistungsfähiger sind als die englischen Trade Unions, so ist dies vor allem darauf zurückzuführen, dass sie den beruflichen wie den lokalen Separatismus schneller und vollkommener überwunden haben. Trotzdem sind auch unsere reichsdeutschen Genossen mit ihrer Organisation noch nicht zufrieden. Sie bemühen sich, ihre gewerkschaftlichen Kräfte noch mehr zu konzentrieren. Die Leser des Kampf kennen diese Bemühungen unserer Genossen aus der vortrefflichen Abhandlung, die Genosse Deinhardt in unserer Zeitschrift veröffentlicht hat. [4] In den anderen Ländern, in denen die Gewerkschaftsbewegung jünger ist, wurde die Industriegruppen-und Betriebsorganisation bereits in ihrer vollendeten Gestalt übernommen. So berichtet zum Beispiel die Gewerkschaftskommission für Russisch-Polen über die Gründung der Gewerkschaften in der Zeit der Revolution: „Die Organisatoren unserer Gewerkschaften wollten die ganze Erfahrung der Arbeiterklasse Westeuropas ausnützen. Sie haben daher folgende Grundsätze der gewerkschaftlichen Organisation angenommen: die Zentralisation der Gewerkschaften im ganzen Lande, die Bildung der Gewerkschaften nicht nach Berufen, sondern nach Industriegruppen, die Vereinigung der gelernten und der ungelernten Arbeiter in derselben Gewerkschaft.“ [5] So sehen wir überall, in den ältesten wie in den jüngsten gewerkschaftlichen Organisationen, das Streben, zu Organisationsformen zu gelangen, die alle Arbeiter jedes Betriebes in demselben Verband vereinigen.

Dieser Tendenz stellen sich nun unsere tschechischen Genossen entgegen. Sie wollen die Arbeiter, die von demselben Kapitalisten ausgebeutet werden, nach ihrer Nationalität teilen. Alle Gefahren, die schon die berufliche Spaltung der Arbeiter herbeiführt, sollen nun durch die nationale Zersplitterung vervielfacht werden!

In einer Eisenmöbelfabrik in Wien werden Möbelschlosser und Anstreicher beschäftigt. Jene sind im Verband der Metallarbeiter, diese bald im Metallarbeiterverband, bald im Verband der Maler, Anstreicher und Lakierer organisiert. Daraus ergeben sich schädliche Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden Verbänden. Nun kommen die tschechischen Genossen und wollen die tschechischen Arbeiter, die bisher mit ihren deutschen Berufsgenossen gemeinsam organisiert waren, aus ihren Verbänden herauslocken und in den „tschechoslawischen“ Berufsverbänden organisieren. Mussten bisher schon zwei Organisationen in dem Betrieb Zusammenwirken, so treten nun an ihre Stelle vier: der Oesterreichische und der Tschechoslawische Verband der Metallarbeiter, der Oesterreichische und der Tschechoslawische Verband der Anstreicher. Die Reibungsfläche wird verbreitert, die Konkurrenz zwischen den Organisationen verschärft, die einheitliche Führung von Lohnkämpfen erschwert.

Wir finden in einer solchen Fabrik Arbeiter, die zweifellos Deutsche, andere Arbeiter, die zweifellos Tschechen sind. Zwischen ihnen steht aber eine Gruppe von Arbeitern, die beide Sprachen gleich gut sprechen und von beiden Nationen in Anspruch genommen werden. Da ist ein Anstreicher, der in Mähren eine tschechische Dorfschule besucht hat, im 14. Lebensjahr nach Wien gekommen ist, als Lehrling in der Familie eines deutschen Meisters gelebt, dann als Gehilfe in Wien, in Deutschböhmen, im Deutschen Reich mitten unter deutschen Kollegen gearbeitet, ein deutsches Mädchen geheiratet hat; er spricht und liest nun beide Sprachen gleich gut und vermag selber nicht zu sagen, ob er Deutscher oder Tscheche ist. In allen Industriegebieten Oesterreichs finden wir eine zahlreiche Schicht solcher „kulturellen Mischlinge“. [6] Zwischen den Deutschen und den Tschechen in Deutschböhmen und Wien, zwischen den Tschechen und den Polen in Ostschlesien, zwischen den Italienern und den Slowenen in Triest steht eine Schicht, die von beiden Nationen in Anspruch genommen wird. Diese Schicht wird, wenn der tschechische Antrag verwirklicht werden soll, das Kampfobjekt der konkurrierenden Gewerkschaften werden. Sie werden sie zu gewinnen suchen durch niedrige Beiträge, durch hohe Unterstützungen, durch Ueberbietung der konkurrierenden Organisation bei Lohnkämpfen, schliesslich indem sie politische Fragen in die Gewerkschaft hineinzerren. Auf die Gewerkschaften angewendet, bedeutet das Personalitätsprinzip nicht den Frieden, sondern den Kampf um die Seelen, den permanenten Krieg in den Werkstätten.

Die konkurrierenden Gewerkschaften werden möglichst viele Betriebe beherrschen wollen. Es wird daher ihr Wunsch sein, möglichst viele Angehörige ihrer Nationalität in jeden Betrieb zu bringen: haben die eigenen Nationsgenossen in der Werkstätte die Mehrheit, dann ziehen sie ja auch die „kulturellen Mischlinge“ leicht an sich. Werden Arbeitsstellen frei, dann wird sowohl die tschechische als auch die deutsche Organisation sie mit ihren Nationsgenossen besetzen wollen. Die Konkurrenz der Organisationen würde zum nationalen Kampf um die Arbeitsstellen führen. Nichts kann aber die nationale Empfindlichkeit in den Arbeitermassen stärker reizen, nichts dem Nationalismus so wirksam Vorschub leisten wie ein solcher Kampf. Es scheint uns, dass gerade unsere tschechischen Genossen, die den Arbeitsmarkt deutscher Gebiete nicht entbehren können, diese Gefahr nicht unterschätzen sollten.

Wie soll unter solchen Umständen ein Lohnkampf geführt werden? Stellen wir uns zum Beispiel einen Kampf der Wiener Tischlergehilfen vor. Hier gibt es keinen isolierten Kampf in der einzelnen Werkstätte mehr. Das ganze Gewerbe muss in einer Schlachtreihe stehen. Nun gibt es in Wien Tischlerwerkstätten mit deutscher und solche mit tschechischer Mehrheit; dort wird also die deutsche, hier die tschechische Organisation den Lohnkampf führen. Beide sollen Zusammenwirken. Aber ihre finanzielle Kraft kann sehr verschieden sein. Die eine der beiden Organisationen hat volle Kassen, sie will den Kampf wagen; die andere hat ihre Mittel bei einem Kampf in der Provinz erschöpft, sie will mit den Unternehmern einen billigen Vergleich schliessen. Der Gegensatz der Interessen erschwert die Unterhandlungen mit den Unternehmern. Beamte und Mitglieder der beiden Organisationen, durch die Konkurrenzkämpfe um die „kulturellen Mischlinge“ und um die Arbeitsstellen gegeneinander gereizt, beobachten einander mit Misstrauen, suchen einander schliesslich die Verantwortung für einen Misserfolg zuzuschieben. Gegenseitige Vorwürfe, wachsende Erbitterung, Streikbruch sind die Folgen.

Wir brauchen das düstere Bild wohl nicht weiter auszumalen. Wer die psychologischen Bedingungen des gewerkschaftlichen Kampfes kennt, kann nicht leugnen, dass die Konkurrenz nationaler Organisationen in einem und demselben Betriebe die gefährlichsten Wirkungen auslösen muss. Es genügt nicht, dass unsere obersten Vertrauensmänner sich verständigen; viel wichtiger ist, dass der Friede in die Fabriken und Werkstätten einkehrt. Der Friede ist aber unmöglich, wo konkurrierende Organisationen um jeden Mann, um jede Arbeitsstelle, um jede Werkstätte kämpfen. Soll der Friede zwischen den internationalen und den separatistischen Organisationen möglich sein, dann darf in jedem Betriebe nur eine der beiden Organisationen bestehen.

Wie kann dieses Ziel erreicht werden? Man könnte sagen: die Mehrheit der organisierten Arbeiter in jedem Betriebe soll entscheiden, ob der Betrieb der internationalen oder der separatistischen Organisation angehören soll. Aber dieses Prinzip würde erst recht nicht den Frieden bringen. Dann würde erst recht ein erbitterter Kampf um die Mehrheit in der Werkstätte, ein Kampf um jeden Mann, um jede freie Arbeitsstelle entbrennen. Sollen wir uns wirklich verständigen, dann müssen die Wirkungsgebiete der beiden Organisationen so abgegrenzt werden, dass keine Konkurrenz zwischen ihnen möglich ist. Eine solche Abgrenzung ist allerdings nicht leicht durchzuführen. Sie allein aber würde uns den dauernden Frieden verbürgen.

In Nieder- und Oberösterreich, in den deutschen Bezirken Böhmens, Mährens und Schlesiens, in den Alpenländern, im polnischen Gebiete in Schlesien, steht die überwiegende Mehrheit der Arbeiter im Lager der Zentralisier!. Diese Gebiete müssten den Zentralverbänden zugesprochen werden. Wünschen die tschechischen Separatisten den Frieden, dann müssen sie auf jede Tätigkeit in diesen Ländern verzichten. Für die kulturellen und sprachlichen Bedürfnisse der tschechischen Arbeiter, die in diesem Gebiete wohnen, müsste innerhalb der internationalen Zentralverbände gesorgt werden.

Anderseits steht im tschechischen Teile Böhmens die Mehrheit der Arbeiterschaft im Lager der Separatisten. Ist für Wien und Deutschböhmen der Zentralismus recht, so ist unter denselben Bedingungen für Tschechischböhmen der Separatismus billig. Auf dieses Gebiet müssten daher die Zentralisten verzichten.

Viel grössere Schwierigkeiten stehen der territorialen Abgrenzung in Mähren gegenüber. Einerseits steht die Mehrheit der organisierten Arbeiter Mährens treu zum Zentralismus, ihre Eingliederung in die separatistischen Organisationen ist also kaum möglich; anderseits wollen die Separatisten auf den tschechischen Teil Mährens nicht verzichten. Hier müsste wohl ein Uebergangszustand – vielleicht zunächst eine besondere Landesorganisation, die Zentralisten sowohl als Separatisten vereinigen müsste – eintreten.

Nur auf der Grundlage einer solchen territorialen Abgrenzung ist ein wirklicher Friedensschluss denkbar. Eine solche Abgrenzung heischt allerdings von beiden Teilen schwere Opfer; aber wer den Frieden will, muss diese Opfer bringen.

Die Zentralorganisationen werden freilich nicht leichten Herzens ihre Festungen im tschechischen Teile Böhmens schleifen. Aber die ungestörte Entwicklung unserer Gewerkschaften in Deutschböhmen und Wien wäre dieses Opfer wohl wert.

Die Separatisten werden nicht leichten Herzens auf die tschechischen Minderheiten in Deutschböhmen, in Wien, in Ostschlesien verzichten. Aber sie müssen dieses Opfer bringen, wenn sie diese Minderheiten selbst nicht schweren Gefahren aussetzen, wenn sie die Einheit der Organisation in ihrem eigenen Gebiet wiederherstellen, wenn sie die Anerkennung und Unterstützung der ganzen gewerkschaftlichen Internationale erringen wollen.

Einer solchen territorialen Abgrenzung stehen nicht so sehr gewerkschaftliche Bedürfnisse, als vielmehr ideologische Vorurteile entgegen. Unsere tschechischen Genossen sind leider gewöhnt, die Frage der gewerkschaftlichen Organisation als eine Frage des vermeintlichen „nationalen Naturrechtes“ zu betrachten. Als Tschechen fordern sie das „Recht“, alle tschechischen Arbeiter, wo immer sie wohnen, in einer einheitlichen Organisation zu vereinigen. Das Personalitätsprinzip wird ihnen so zum Dogma. Es soll nun überall angewendet werden, in der Gewerkschaft und im Konsumverein ebenso wie in der Partei und im Staate. [7]

Vielleicht ist es darum nicht nutzlos, daran zu erinnern, dass in keinem Lande Europas proletarische Organisationen – selbst politische, geschweige denn gewerkschaftliche – nach der Nationalität gegliedert sind. In der Schweiz, in Belgien, in Grossbritannien gibt es zwar autonome territoriale Körperschaften innerhalb der proletarischen Organisationen, aber, von unbeträchtlichen Ausnahmen abgesehen, keine nationalen Personenverbände. Die russische Sozialdemokratie hat die Gliederung der Partei wie der Gewerkschaften nach der Nationalität der Mitglieder ausdrücklich abgelehnt. „Indem der Kongress den Antrag auf Vereinigung mit dem ‚Bund‘ akzeptiert, spricht er sich nichtsdestoweniger energisch gegen die Organisation des Proletariats nach Nationalitäten aus, so lautet der Beschluss des russischen Parteitages vom Jahre 1906. [8] Die allrussische Sozialdemokratie schliesst zwei autonome territoriale Gebilde ein: die Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Lithauens und die lettische sozialdemokratische Arbeiterpartei. Beide organisieren in ihrem Gebiete die Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität, während ihre Volksgenossen in allen anderen Teilen Russlands ebenso wie die Arbeiter aller anderen Nationen in diesem völkerreichen Gebiete der russischen Sozialdemokratie angehören. [9] Das „natürliche Recht“, die Arbeiter ohne Rücksicht auf ihren Wohnsitz in nationalen Organisationen zu vereinigen und sie von den Arbeitern anderer Nationalität im Betriebe und im Orte abzusondern, kennt keine sozialdemokratische Partei der Welt.

Das Personalitätsprinzip ist ein sehr zweckmässiges, ja, ein unentbehrliches Organisationsprinzip in einzelnen Zweigen der öffentlichen Verwaltung. Aber ein Dogma, das immer und überall gelten soll, ein Mittel zur Verwirklichung des „natürlichen Rechtes auf nationale Selbstbestimmung“ ist es nicht. Wir kennen kein nationales Naturrecht. Zur Bewertung von Organisationsprinzipien dient uns nur eine Maxime: das Klasseninteresse des Proletariats. Da die Anwendung des Personalitätsprinzips auf die gewerkschaftliche Organisation dem Klasseninteresse der Arbeiter widerstreitet, muss sie verworfen werden. [10] Die friedliche Kooperation der internationalen mit den separatistischen Gewerkschaften ist nur dann möglich, wenn ihre Wirkungsgebiete territorial abgegrenzt werden.

* * *

Anmerkungen

1. Sidney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine, Stuttgart 1898. I. Band. Seite 101 bis 104.

2. Ebenda, Seite 106 f.

3. Ebenda, Seite 108.

4. E. Deinhardt, Die Konzentrationsbestrebungen innerhalb der deutschen Gewerkschaften, Der Kampf, II., Seite 314 ff.

5. Rapport sur le mouvement professionel en Pologne Russe 1905–1910. p. 5.

6. Vergl. Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Marx-Studien, II., Seite 117 f.; Volksausgabe Seite 102. – Die „kulturellen Mischlinge“ werden von Nationalisten oft als „Renegaten“ verachtet. Mit Unrecht! Die Persönlichkeit wird reicher, wenn sich in ihr zwei nationale Kulturkreise verknüpfen. Gerade unter den grossen Gelehrten, Künstlern, Staatsmännern, Technikern ist die Zahl der „kulturellen Mischlinge“ auffallend gross.

7. Die Begeisterung der tschechischen Genossen für das Personalitätsprinzip ist übrigens jungen Datums. Noch auf dem Pilsener Parteitage im Jahre 1907 hatten sie schwere Bedenken dagegen. Damals fasste zum Beispiel Genosse Modráček seine Ansicht in folgenden Worten zusammen: „Ich glaube nicht, dass das Personalitätsprinzip den schwächeren Nationen hinreichenden nationalen Schutz gäbe. Wirksameren Schutz kann den schwächeren Nationen ein nationales Territorium geben.” Heute behaupten die tschechischen Genossen, das Territorialprinzip sei – das Herrschaftsprinzip der deutschen Bourgeoisie.

8. Rapport du Parti Socialiste-Démocrate Ouvrier de Russie au VIIIe congrès socialiste international, p. 78.

9. Eine Ausnahme wurde aus besonderen Gründen für die Juden zugelassen. Aber nur für die politische Organisation, nicht für die Gewerkschaften. Nicht nur der sozialdemokratische „Bund“, sondern selbst die national-sozialistische Serp-Gruppe bekennt sich zu dem Grundsatz, dass die nationale und fraktionelle Gliederung der Partei nicht in die Gewerkschaften getragen werden darf. Vergl. den Bericht dieser Gruppe an den Kopenhagener Kongress, Seite 5.

10. Wohl aber kann das Personalitätsprinzip auch innerhalb einer territorialen Gewerkschaft für rein kulturelle Zwecke Anwendung finden. Siehe die nationalen „Sektionen“ innerhalb internationaler Verbände in meiner Broschüre Krieg oder Friede in den Gewerkschaften.

 


Leztztes Update: 8. Oktober 2023