Chris Harman

 

Der staatskapitalistische Block

(Teil 1)

 

Das Problem

1917 übernahm zum ersten Mal in der Geschichte eine Arbeiterregierung in einem bedeutenderen Land die Macht. Für Millionen überall in der Welt, die in einen grausamen und unnützen Krieg verwickelt waren, eröffnete dieses Ereignis neue Hoffnung. In den folgenden Jahren wandten sich überall Menschen von den erbarmungslosen Alternativen eines dahinsiechenden Kapitalismus ab; denn dessen Zukunft hieß Arbeitslosigkeit, Armut, faschistische Barbarei oder die Gefahr neuer Kriege. Statt dessen setzten sie ihre Hoffnungen für die Zukunft in die neue Gesellschaft, die die Revolution hervorgebracht hatte.

Heute jedoch hat die UdSSR nur wenige Anhänger innerhalb der Linken. Von den Moskauer Prozessen und dem Stalin-Hitler-Pakt in den dreißiger Jahren bis zur brutalen und blutigen Unterdrückung der ungarischen Revolution 1956 hat die Praxis der UdSSR bewirkt, daß sich Tausende von Kämpfern gegen sie wandten. Sogar die offiziellen kommunistischen Parteien protestierten, wenn auch halbherzig, gegen die Invasion und Besetzung der CSSR.

Mehr als vierzig Jahre haben die Versuche, mit dem ins reine zu kommen, was in Rußland passierte, zu verstehen, warum die Hoffnungen von 1917 sich nicht erfüllten, und die Bewegungsgesetze der Gesellschaft zu erklären, die an die Stelle der ursprünglichen Sowjetgesellschaft trat, einen zentralen Platz in allen Diskussionen von Sozialisten eingenommen.

Diese Probleme haben sich seit Ende des 2. Weltkrieges eher noch vermehrt, seit in einem Dutzend oder mehr Ländern Gesellschaften errichtet wurden, die der Rußlands mehr oder minder ähnlich sind.

 

 

Oktober

Die Oktoberrevolution von 1917 war klar und eindeutig das Werk der industriellen Arbeiterklasse. Seitdem wurde oft von Gegnern der Bolschewiki von der anarchistischen Linken wie von der sozialdemokratischen bzw. liberalen Rechten, das Argument vorgebracht, daß die Arbeiterklasse nur eine geringe Rolle oder gar keine gespielt habe, und daß Lenin ohne die Arbeiter oder über die Köpfe der Arbeiter hinweg die Macht mittels einer autokratisch geführten Partei ergriffen habe. Aber diese Argumente halten den Tatsachen nicht stand. So schrieb einer der prominentesten Gegner der Bolschewiki, Martow, seinerzeit:

Versteh, bitte, was wir nach alldem vor uns haben ist ein siegreicher Aufstand des Proletariats – fast das ganze Proletariat unterstützt Lenin und erwartet seine soziale Befreiung durch den Aufstand ... [455]

In der Tat war die bolschewistische Partei alles andere als klein, auch handelte sie keineswegs isoliert von der Masse der Arbeiter. Sie war vielmehr eine Massenorganisation von 176.000 Mitgliedern im Juli 1917 [456] und von 260.000 Mitgliedern zu Anfang des Jahres 1918. [457] Da es bloß zwei Millionen Arbeiter gab, die in Betrieben beschäftigt waren, die der Inspektion [458] unterlagen, so müssen ungefähr 100% der Arbeiterklasse Mitglieder der bolschewistischen Partei gewesen sein, und zwar unmittelbar nach den „Juli-Tagen“, also zu einer Zeit, als die Partei praktisch verboten war und die Führer untergetaucht oder im Gefängnis waren. Auch die Behauptung, daß die Partei „autokratisch geführt“ oder „totalitär“ gewesen sei, geht an der Wahrheit völlig vorbei. Freie Diskussion, an der die ganze Partei und gelegentlich sogar Arbeiter außerhalb der Partei teilnahmen, kennzeichnete die Partei sowohl 1917 als auch danach bis hin zum 10. Parteikongreß 1921 [459].

Schließlich war die Revolution alles andere als ein „Staatsstreich“, der ein totalitäres und autokratisches Regime an die Macht brachte. Vielmehr ersetzte sie eine provisorische Regierung, die niemandem verantwortlich gewesen war, durch eine Arbeiterregierung, frei gewählt von den Arbeiter- und Soldatendelegierten, die auf dem 2. Allrussischen Kongreß zusammengekommen waren – einberufen von einer anti-bolschewistischen Exekutive. [460] In den Monaten nach dem Oktober debattierten verschiedene Parteien weiterhin frei in den Sowjets. Sogar auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges 1919 hatten die Menschewiki zum Beispiel noch immer die Erlaubnis, ihre Propaganda zu verbreiten.

 

 

Zehn Jahre danach

Um das Jahr 1927 war nur mehr wenig von der proletarischen Demokratie von 1917 übriggeblieben. Aber dies konnte schwerlich denen angelastet werden, die die Macht im Oktober übernahmen. Denn während eines langen und bitteren Kampfes gegen Konterrevolution und ausländische Invasion wurde die Arbeiterklasse, die die Revolution gemacht hatte, selbst dezimiert. Abgeschnitten von ihren Rohstoffquellen, kam die Industrie zu einem anhaltenden Stillstand. Im Jahre 1920 war die industrielle Produktion auf 18% der Produktion von 1916 gefallen. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter betrug die Hälfte der von 1916. Diese konnten sich nicht mit dem am Leben erhalten, was sie mit ihrem kollektiven Arbeitsprodukt kaufen konnten. Viele mußten zum Naturaltausch mit den Bauern übergehen, indem sie ihre Arbeitsprodukte oder sogar Teile ihrer Maschinen gegen Lebensmittel eintauschten. Eine große Anzahl von Arbeitern war an der Front. In einer Bauernarmee über ein riesiges Gebiet verstreut, konnten sie kaum eine sofortige und direkte Kontrolle über den Sowjetapparat in den Städten ausüben. Die besten und kämpferischsten unter ihnen waren diejenigen, die am ehesten die Last des Kampfes auf ihre Schultern auf sich zu nehmen und die größten Verluste zu verkraften hatten. Diejenigen, die überlebten, sollten aus dem Bürgerkrieg nicht als Arbeiter, sondern als Kommissare und Verwaltungskräfte in der Armee oder im Staatsapparat zurückkehren. Ihren Platz in den Betrieben übernahmen ungeschliffene Bauern vom Land ohne sozialistische Tradition und ohne sozialistische Zielvorstellungen.

Die bolschewistische Partei war als der bewußteste Teil eines massenhaften Arbeiteraufstandes an die Macht gekommen; sie war an der Macht geblieben, obwohl die Klasse, auf die sie sich gestützt hatte, 1920 kaum mehr existierte. Wenn das Regime dennoch in gewisser Hinsicht sozialistisch war, so nicht aufgrund seiner sozialen Basis, sondern weil diejenigen, die die Entscheidungen an der Spitze fällten, noch sozialistische Zielsetzungen verfolgten. So schrieb Lenin:

Wenn man seine Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen will, so sollte man zugeben, daß der proletarische Charakter der von der Partei betriebenen Politik gegenwärtig nicht von der Klassenzusammensetzung der Mitgliedschaft bestimmt wird, sondern von der enormen und ungeteilten Autorität jener sehr dünnen Schicht von Mitgliedern, die sich als die „alte Garde“ der Partei beschreiben läßt. [461]

Um das Land nach der Dezimierung der Klasse, die die Revolution gemacht hatte, zusammenzuhalten, waren die Bolschewiki gezwungen, sich verschiedener bürokratischer Methoden zu bedienen. Sie hatten keine andere Wahl, als zu versuchen, einen zuverlässigen Staatsapparat aufzubauen. Die Erfüllung dieser Aufgabe zwang sie, Mitglieder der alten zaristischen Bürokratie einzustellen, die in vielen Fällen das einzig verfügbare Personal mit den erforderlichen Qualifikationen waren. Diese aber teilten keine der Ziele von 1917 und waren an genau entgegengesetzte Methoden in der Behandlung der Masse der Bevölkerung gewohnt. Solche Methoden und Haltungen mußten zwangsläufig bolschewistische Parteimitglieder beeinflussen, die mit den alten Bürokraten zusammenarbeiteten.

Lenin war sich dessen voll bewutßt:

Man nehme doch Moskau – die 4.700 verantwortlichen Kommunisten – und dazu dieses bürokratische Ungetüm, diesen Haufen, wer leitet da und wer wird geleitet? Ich bezweifle sehr, ob man sagen könnte, daß die Kommunisten diesen Haufen leiten. Um die Wahrheit zu sagen, nicht sie leiten, sondern sie werden geleitet. [462]

Als Lenin starb, wurde klar, daß sogar die höchsten Führungskader der Partei nicht immun gegen die Einflüsse waren, die sich in der übrigen Partei bereits breitgemacht hatten. Lenins letzte politische Handlung war die Forderung nach der Entfernung Stalins als Parteisekretär wegen seines groben bürokratischen Verhaltens gegenüber anderen Parteimitgliedern. In den folgenden Jahren wurden die autoritären Methoden, die in die unteren Ränge der Partei aus ihrer Umgebung Eingang gefunden hatten, eingesetzt, um von der Führung der Partei diejenigen auszuschalten, die den vorherrschenden bürokratischen Kurs angriffen. Als erste waren Trotzki und die linke Opposition das Ziel einer Flut systematischer Beschuldigungen und Verleumdungen, wie es sie niemals bei Diskussionen innerhalb der Partei gegeben hatte. Ein Jahr später erfuhren die Anhänger Sinowjews und Kamenjews dieselbe Behandlung. Der Ausschluß aus der Partei, die gewaltsame Verschleppung in entlegene Gebiete durch die Polizei sollten folgen und schließlich Gefängnis für diejenigen, die nicht öffentlich widerriefen. Dasselbe Schicksal sollte schließlich auch die letzte Quelle der Unstimmigkeit ereilen – die „Rechte Opposition“ Bucharins und Tomskis.

Der Bürgerkrieg hatte die Arbeiterklasse dezimiert. Die Macht war in den Händen der Bolschewiki geblieben. Aber es fehlte die Klasse, die diese repräsentiert hatten. Um in einer solchen Situation zu regieren, hatte die Partei keine andre Wahl, als eine massive Bürokratie zu schaffen. Es waren die Mitglieder dieser Bürokratie, die objektiv den Staat und die industriellen Produktionsmittel kontrollierten.

Aber die getroffenen Entscheidungen und die eingeschlagene Politik waren zum Teil immer noch durch subjektive Einstellungen derjenigen an der Spitze der Partei bestimmt, die ihr ganzes Leben in den Dienst der Klasse gestellt hatten. Die fraktionellen Auseinandersetzungen in den zwanziger Jahren innerhalb der Partei waren nicht so sehr Kämpfe um politische Alternativen. Sie waren eher ein Kampf zwischen denen, die über den zentralen bürokratischen Apparat verfügten und denjenigen, die die Partei während der Revolution geführt hatten. In dieser Auseinandersetzung begannen die, die den Apparat leiteten, ihre eigenen Interessen im Gegensatz zu der revolutionären sozialistischen Tradition des Oktobers zu definieren. In einer Reihe von entscheidenden Konfrontationen brachen sie entschieden mit dieser revolutionären Tradition. Sie veränderten grundlegend die Funktionsweise von Partei und Staat; sie schlossen diejenigen aus ihren Reihen aus, die dieser Tradition, wie inkonsequent auch immer, treu geblieben waren. Als erstes beseitigten sie im Kampf gegen die linke Opposition die Grundvoraussetzungen für eine wissenschaftliche Diskussion in der Partei; als nächstes fielen dem Kampf gegen Sinowjews „Leningrader Opposition“, alle Möglichkeiten zum Opfer, alternative Politik oder Propaganda zu betreiben; mit der Parole des „Sozialismus in einem Land“ wurden alle Traditionen des sozialistischen Internationalismus aufgegeben; schließlich fiel mit der Anwendung von Gewalt auch der Schein von freier Diskussion.

1929 waren diejenigen, die mit der Partei die Revolution gemacht hatten, von allem wirksamen Einfluß auf die Ereignisse ausgeschlossen. Sie wurden durch Männer ersetzt, deren Rolle in der Revolution unbedeutend gewesen war: zweitrangige Funktionäre, die den bolschewistischen Parteiapparat besetzt hatten; solche, die nach der Revolution vom Menschewismus zum Bolschewismus übergewechselt waren, die neue Saat von Bürokraten, die sich in den zwanziger Jahren vervielfacht hatte. Diese neuen Herren feierten endgültig ihren Sieg in den Moskauer Prozessen, als sie die Partei von 1917 liquidierten – nicht nur die Anhänger von Trotzki, Sinowjew und Bucharin, sondern auch alle diejenigen, die mit Stalin und dem Apparat auf dem Weg zur Macht kollaboriert hatten. [463]

Es war also die „alte Garde“, und nicht eine selbstbewußte und eigenständig handelnde Arbeiterklasse, die die Tradition der Revolution hütete und ihre Umsetzung in sozialistische Politik sicherstellte. Daher war die Niederlage der „alten Garde“, gleichbedeutend mit der Niederlage der Revolution.

Diejenigen, die die Kontrolle über den Apparat ausübten, kontrollierten schon 1923 die Industrie und die Machtmittel des Staates. Mit Sicherheit gab es keine Arbeiterklasse, die jene kontrollierte, etwa in der Art und Weise, wie Lenin das in „Staat und Revolution“ skizziert hatte. Aber die Bürokraten regierten noch nicht, indem sie bewußt Eigeninteressen verfolgten. In Marxschen Begriffen waren sie eine „Klasse an sich“ eine Sammlung von Individuen, die gemeinsam in einem ähnlichen Verhältnis zu den Produktionsmitteln stehen, noch nicht eine „Klasse für sich“; d.h., sie waren noch keine Gruppe, die sich ihrer eigenen Interessen bewußt ist und kollektiv als geschichtlich unabhängige Kraft handelt, diese Interessen durchzusetzen.

Zwischen 1923 und 1929 wurde sich diese herrschende Gruppe ihrer eigenen Sonderinteressen bewußt. Sie standen den Interessen der Arbeiterklasse, wie sie in den Traditionen von 1917 und in der alten Garde verkörpert waren, in der Hauptsache negativ gegenüber. Diese Gruppe fürchtete und bekämpfte jegliche Perspektive, die ihre bürokratischen Privilegien hätte gefährden und ihr Leben hätte erschweren können. Ihr Hauptmerkmal war Trägheit und Selbstgefälligkeit. Im eigenen Land bedeutete das, dem Druck der Bauernschaft nachzugeben; in der Außenpolitik die Unterordnung der Politik der Kommunistischen Parteien unter das Bedürfnis nach internationaler Sicherheit für die Sowjet-Union. Beides wurde mit der Parole des „Sozialismus in einem Land“ gerechtfertigt, die stillschweigend voraussetzte, es gebe ein „Hineinwachsen“ in den Sozialismus, ohne Erschütterungen oder große bewußte Anstrengungen durch den Apparat.

In dieser Periode war der russische Staat keineswegs mehr „der Staat, der kein Staat mehr ist“, der „Kommune Staat“, oder der „Arbeiterstaat“ aus Lenins Staat und Revolution. Trotzdem verfolgt er noch keine Ziele, die der Arbeiterklasse völlig entgegengesetzt waren. Die Politik wurde zwar immer weniger durch das revolutionäre Programm des Bolschewismus bestimmt, aber noch nicht durch eine klar formulierte Alternative. Die Männer des Apparats dehnten ihre Kontrolle auf alle potentiellen Machtquellen aus und wurden sich immer mehr ihrer eigenen Interessen bewußt, aber sie hatten diese noch nicht vollständig definiert. Infolgedessen schien die Politik einmal in diese, das andre Mal in jene Richtung zu pendeln, abhängig von dem Druck, der von verschiedenen Seiten ausgeübt wurde: das Nachgeben gegenüber den Bauern, der Druck des Gewerkschaftsapparates, die Notwendigkeit, mit der Erfüllung einer besonderen Forderung der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen, der Zwang, der Opposition das Gegenteil zu beweisen, die Interessen dieser oder jener besonderen Abteilung des Apparats.

In gewissem Sinne konnte man immer noch von einem „Arbeiterstaat“ sprechen, wenn auch von einem „degenerierten“, wie Trotzki das tat. Denn die Interessen der Arbeiter beeinflußten immer noch die Gestaltung der Politik. [464] In den Betrieben funktionierte immer noch in gewissem Ausmaß die „Troika“ so daß die Direktiven der Manager von den Gewerkschaftskomitees und den kommunistischen Arbeitern beeinflußt wurden. Die Arbeiter hatten noch das Recht, zu streiken, und übten es aus, wenn auch in immer geringerem Ausmaß. Ein Drittel der Streiks konnten sie zu ihren Gunsten entscheiden. Die Gewerkschaftsfunktionäre zeigten einiges Interesse für die Bedürfnisse ihrer Mitglieder und engagierten sich in kollektiven Tarifverhandlungen mit den Unternehmern. [465] Die Reallöhne zeigten in dieser Periode eine langfristige Tendenz, mindestens auf das Vorkriegsniveau zu steigen. [466] Obwohl die Bürokratie dabei war, die verbliebenen Machtquellen fest in den Griff zu bekommen und jegliche Opposition auszuschalten, spiegelte ihre Politik immer noch einige der Interessen der Arbeiter wider (genauso wie dies die bürokratischste unabhängige Gewerkschaft in einem kapitalistischen Land tut). Ein Beweis dafür war, daß bis 1929 das Einkommen eines Parteimitgliedes, unabhängig von seiner Stellung, auf das eines Facharbeiters begrenzt war.

 

 

1929

Ende 1928 vollzog sich plötzlich in der Politik der russischen Führung ein dramatischer Umschwung. Fünf Jahre lang hatte Stalin zusammen mit Bucharin und Tomski gegen die Kritik der linken Opposition argumentiert; diese hielt die Rate des industriellen Wachstums für zu gering und die Politik der „Hinwendung zum Land“ für eine Stärkung der Kulaken, die schließlich ihre Stärke benützen könnten, das Regime anzugreifen. [467]

1928 bestätigten sich diese Voraussagen, als es zu einer massiven und spontanen Weigerung der Bauern, ihr Getreide an den Staat zu verkaufen, kam. Stalin und seine Anhänger wandten sich daraufhin gegen Bucharin und Tomski und begannen eine Politik zu verfolgen, die scheinbar der ähnlich war, die sie vorher abgelehnt hatten. Tatsächlich begann Stalin „den Angriff auf die Kulaken“ und führte die Industrialisierung in einem Ausmaß durch, wie es sich die linke Opposition selbst nicht im Traum vorgestellt hatte. Bewaffnete Trupps wurden aufs Land geschickt, um die Mengen an Getreide einzutreiben, die notwendig waren, um die wachsende Bevölkerung in den Städten zu ernähren. Dieselben Trupps „ermutigten“ die Bauern, ihr Land zu „Kollektiven“ zusammenzulegen. Dies geschah mit einer Geschwindigkeit, die selbst Stalin nicht hatte voraussehen können. Der erste Fünf-Jahres-Plan, der Ende 1928 aufgestellt wurde, sah nur eine Kollektivierung von 20% innerhalb von fünf Jahren vor – die tatsächliche Rate sollte wenigstens 60% ausmachen. Um dies zu erreichen, mußte ein regelrechter Bürgerkrieg auf dem Land ausgefochten werden, dem Millionen von Bauern – und nicht alle von ihnen waren Kulaken – zum Opfer fielen. Mit der Kollektivierung sollte zweierlei erreicht werden: einmal sollte die ökonomische Macht der Bauernschaft gebrochen werden, und zum andern sollten Nahrungsmittel und Rohstoffe vom Land in die Städte gepumpt werden. Damit konnte wachsendes industrielles Arbeitspotential ernährt werden, ohne daß man den Bauern im Austausch dafür industrielle Produkte hätte geben müssen. Allerdings führte die Kollektivierung der Landwirtschaft nicht zu einem Anwachsen der gesamten landwirtschaftlichen Produktion, sondern sogar zu einem katastrophalen Absinken in der Produktion vieler Nahrungsmittel. Trotzdem gelang es der Bürokratie, mehr Weizen aus den Bauern herauszuholen, indem sie nämlich deren Lebensstandard senkte.

Die Industrialisierungspläne der linken Opposition, die von Stalin einer unerbittlichen Kritik unterzogen worden waren, hatten sich für eine industrielle Wachstumsrate von jährlich weniger als 20% ausgesprochen. 1930 sprach Stalin von einer Wachstumsrate von 40%.

Durch diese Umkehrung der Politik der Partei verloren nicht nur die Bauern, was sie durch die Revolution gewonnen hatten – ihr Eigentum an Grund und Boden; auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter verschlechterten sich rapide. Im September 1929 wurden Bestimmungen eingeführt, die die Macht der „Troika“ in den Betrieben radikal beschnitt. „... Die Annahme des Plans beendete einen Zeitabschnitt, währenddessen sich die Gewerkschaften, trotz wachsender Schwierigkeiten, einer gewissen Unabhängigkeit innerhalb der Wirtschaft erfreut hatten.“ [468] Im Einklang mit der neuen Politik waren Streiks nicht mehr erlaubt; es gab auch keine Berichte über Streiks mehr in der Presse. Auch durften Arbeiter ab Ende 1930 ihre Arbeitsstelle nicht mehr ohne Erlaubnis wechseln. [469] Das durchschnittliche Einkommen der Arbeiter und Angestellten wurde im Verlauf der sieben Jahre ab 1929 ungefähr um 50% gekürzt. [470] Gleichzeitig wurden die Lohnunterschiede stark ausgebaut, und die Regel, das Einkommen der Parteimitglieder auf das Einkommen eines Facharbeiters zu begrenzen, wurde eingeschränkt. Währenddessen wurde zum ersten Mal das System der Zwangsarbeit eingeführt. Die Zahl der Personen in Straflagern stieg sprunghaft von 30.000 im Jahre 1928 auf 662.257 im Jahre 1930.

In den folgenden Jahren sollte diese Zahl auf ungefähr 5 Millionen oder mehr anwachsen. [471] Bis 1928 verfolgte der Staats- und Industrieapparat eine Politik, die eine Kombination zwischen den Interessen seiner bürokratischen Kontrolleure und dem Druck der Arbeiter und Bauern auf den Apparat war. Ab 1929 beginnt der Apparat klar und entschlossen eine Politik zu verfolgen, die die Lebensbedingungen sowohl der Arbeiter als auch der Bauern untergrub. Die Wirtschaftspolitik schwankte nicht länger hin und her, je nachdem, welche der verschiedenen sozialen Kräfte Argumente für ihren Standpunkt vorbrachte. Sie bewegte sich ganz entschieden in eine Richtung, mit einer scheinbaren Eigendynamik. Diese wurde jedoch kaum bewußt angestrebt. „Bis zu diesem Zeitpunkt [bis zum Frühjahr 1929] wurden in den führenden Parteiorganen Debatten über wichtige politische Angelegenheiten geführt ... obwohl die öffentliche Darlegung von Meinungen, die der Partei feindlich waren, immer mehr eingeschränkt wurde. Dies hört – fast schlagartig – nach dem Frühjahr 1929 auf.“ [472] Mit anderen Worten: Die Ziele der Politik waren nicht länger Gegenstand bewußter Debatte und Entscheidung. Sie wurden jetzt ohne Diskussion als selbstverständlich vorausgesetzt, als ob sie von außen durch irgendeine unveränderbare fremde Macht aufgezwungen worden wären. Das ist bis heute der Fall – und das gilt nicht nur für Rußland, sondern ebenso für die anderen kommunistischen Staaten.

Jede Theorie, die den Stalinismus erklären will, muß versuchen, diese Dynamik dingfest zu machen.

 

 

Die Sowjetunion und die Weltwirtschaft

In den Jahren nach der Revolution hatte es für alle bolschewistischen Führer als geradezu selbstverständlich gegolten, daß die relativ kleine Arbeiterklasse in Rußland nicht auf Dauer die Macht werde behaupten können. Noch weniger werde sie, auf sich allein gestellt, ohne Unterstützung durch siegreiche Revolutionen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, jene modernen Produktivkräfte entwickeln können, die zur Überwindung des Mangels und für den Aufbau des Sozialismus erforderlich gewesen wären.

1924 revidierten Stalin und Bucharin diese Auffassung, um sie der neuen politischen Haltung des Apparates anzupassen. Sie argumentierten, der Sozialismus könne im rückständigen Rußland durch eine Politik der Zugeständnisse gegenüber der Bauernschaft im „Schneckentempo“ aufgebaut werden. Zu diesem Zweck sollte die Produktion von Konsumgütern durch die Leichtindustrie langsam, aber stetig gesteigert werden. Das würde die Bauern anspornen, mehr Weizen zu produzieren und an die Städte zu liefern. Diese Politik des „Sozialismus in einem Land“ entsprach den Interessen einer ganzen Schicht von Bürokraten, die fürchteten, infolge irgendwelcher Auseinandersetzung mit der Bauernschaft „zu Hause“ oder irgendwelcher internationalen revolutionären Ereignisse im Ausland, ihren Posten zu verlieren. Die linke Opposition argumentierte, daß eine solche Politik langfristig nur zur Niederlage der Revolution führen könne. Denn in Wirklichkeit hatten die kapitalistischen Mächte überlegene Produktivkräfte zu ihrer Verfügung. Damit drohte der Zusammenbruch der Revolution entweder durch direkte militärische Aktion oder durch Untergrabung der Revolution, da die Aussicht auf billige ausländische Waren bei bourgeoisen Elementen, Bauern und Teilen der Partei Anklang fand. Smilga, einer der Führer der Opposition, formulierte das so:

Wir müssen uns an unseren eigenen materiellen Möglichkeiten orientieren; wir müssen handeln wie ein Land, das nicht zu einer Kolonie werden will, wir müssen die Industrialisierung erzwingen. [473]

Die daraus abgeleitete Notwendigkeit der Industrialisierung wurde jedoch nicht als Schritt zum Aufbau des Sozialismus betrachtet, sondern lediglich als Verteidigung der Revolution, so lange, bis sie sich im Ausland ausgebreitet habe.

Die Opposition legte Wert darauf, daß die fortschreitende Industrialisierung die Errungenschaften der Revolution sicherstellen und erweitern sollte. Aus eben diesem Grund verknüpften sie die Industrialisierung mit Forderungen nach Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter, nach Erweiterung der Arbeiterdemokratie, nach einer Bekämpfung der Bürokratie und einer konsequent internationalistischen Politik. Bis 1929 sah die Bürokratie ihre Hauptaufgabe in der Bekämpfung solcher gefährlichen Angriffe auf ihre eigene Position. Aber nachdem sie erst einmal ihre Kontrolle über Staat und Industrie gegen alle Störungen durch die Linke abgesichert hatte, begannen wenigstens bei einem Teil des Apparates die Argumente für die Industrialisierung Anklang zu finden.

Industrialisierung – das hieße einerseits eine Stärkung der Macht des Apparats gegenüber anderen Klassen der russischen Gesellschaft; das hieße aber auch, die Kontrolle des Apparats über die russische Industrie vor ausländischer Bedrohung zu schützen.

Die Verteidigung Rußlands bedeutete jedoch, besonders wenn der Glaube an die Notwendigkeit oder Möglichkeit einer Revolution im Ausland fehlte, daß das Schwergewicht der industriellen Entwicklung von der Leichtindustrie auf die Schwerindustrie gelegt wurde. Nur die Leichtindustrie hätte aber Güter produzieren können, gegen die die Bauern freiwillig ihre Nahrungsmittel getauscht hätten.

Eine Wendung in Richtung auf die Schwerindustrie begann ab Mitte 1927. Im Gefolge erhöhter internationaler Spannungen begannen die Kreise in der Partei um Stalin mit solchen Aktionen, wobei erklärt wurde, daß „wir die Pläne für die industrielle Entwicklung mit der Verteidigungskapazität unseres Landes verbinden müssen“. [474]

In den darauffolgenden Monaten wurde die Entwicklung der Industrie immer stärker betont. Diese Wendung begann, im Apparat weitere Interessen an der Industrialisierung auf den Plan zu rufen.

Der Drang nach weiterer Expansion kam genauso stark von Staatsbediensteten und Managern – viele von ihnen waren jetzt Parteimitglieder – wie von den Parteiführern. [475]

Diese Entwicklung der Schwerindustrie war jedoch noch gar nicht mit der Rate zu vergleichen, die sie ab 1929 erreichen sollte. Aber sie kennzeichnete den Beginn einer Spaltung innerhalb der Bürokratie. Auf der einen Seite standen diejenigen, die sich vor allem ein angenehmes Leben machen wollten, indem sie dem Druck der Bauern und Arbeiter nachgaben; ihnen gegenüber standen diejenigen, die ihren langfristigen Interessen mehr Wichtigkeit beimaßen und diese ohne Rücksicht auf die Folgen mit der Entwicklung der Schwerindustrie gleichsetzten. Die Weigerung der Bauern 1928/29, die Städte mit Weizen zu beliefern, stellte den ganzen Industrialisierungsplan in Frage. Der einzige Weg, die Bauern zufriedenzustellen, wäre gewesen, die Argumente Bucharins und Tomskis zu akzeptieren und die Entwicklung der Schwerindustrie und damit die modernen Waffen dem Bedarf der Bauernschaft nach Konsumgütern unterzuordnen. Diese unterschiedlichen Interessen innerhalb der Bürokratie führten zur völligen Spaltung. Dabei wandte sich die Mehrheit dann sowohl gegen die Bauern als auch die Arbeiter und entwickelte die Schwerindustrie auf deren Kosten.

Zu diesem Zweck wurden die Konsumgüterindustrien fast überhaupt nicht weiter ausgebaut. 1927/28 hatten nur 32,8% der industriellen Investitionen die Form von Produktionsmittel angenommen (gegenüber 55,7% Konsumtionsmittel). Diese waren 1932 auf 53,3% angewachsen. Von dort aus sollten sie kontinuierlich steigen, bis sie 1950 68,8% erreichten. Mit anderen Worten, alles – insbesondere der Lebensstandard der Arbeiter und Bauern in den Kollektiven – war der Produktion von Produktionsmitteln untergeordnet, die ihrerseits wiederum dazu benutzt wurden, andre Produktionsmittel zu schaffen. Die Industrie wuchs, aber der Lebensstandard sank. [476]

Stalin selbst sprach die Motive, die hinter seiner Politik standen, offen aus:

Wir dürfen nicht nachlassen. Im Gegenteil, wir müssen eilen, wir müssen mit aller Kraft und mit allen Mitteln unsere Unternehmung vorwärts treiben. Das ist unsere Pflicht gegenüber den Arbeitern und Bauern der UdSSR. Das ist aber auch unsere Pflicht gegenüber den arbeitenden Klassen der ganzen Welt.

Wer jetzt nicht ausschreitet, der bleibt zurück. Wer zurückbleibt, der gibt sich geschlagen. Wir wollen uns nicht geschlagen geben. Nein! Das wollen wir nicht. Die Geschichte lehrt uns, daß das alte Rußland immer besiegt wurde, weil es rückständig war. Das alte Rußland wurde von Tatarenkhans besiegt, es wurde besiegt von türkischen Beys, von feudalen Adeligen Schwedens, es wurde geschlagen von polnisch-litauischen Pans, es wurde geschlagen von französischen und englischen Kapitalisten, von japanischen Baronen, Rußland wurde immer und von allen besiegt. Weshalb? Weil es rückständig war. Es war rückständig in militärischer Hinsicht, es war kulturell rückständig, es war politisch rückständig, es war industriell rückständig und es war landwirtschaftlich rückständig. Rußland wurde besiegt, weil es sich lohnte, es zu besiegen, und weil die Sieger keine Strafe zu befürchten hatten. Ihr erinnert euch an die Verse des Dichters aus der Zeit vor der Revolution: „Arm bist du, Mütterchen Rußland, aber du bist voll des Überflusses. Mächtig bist du, aber du bist hilflos, Mütterchen Rußland.“

... Wir hängen fünfzig oder hundert Jahre hinter den fortgeschrittenen Völkern dieser Erde zurück. Wir müssen das in zehn Jahren nachholen. Entweder tun wir das, oder die andern werden uns zerschmettern. [477]

Oder an anderer Stelle: „Die Umgebung, in der wir stehen ... zu Hause und außerhalb ... zwingt uns, eine rasche Wachstumsrate unserer Industrie anzustreben.“ [478]

Für den Teil der Bürokratie um Stalin schien die Kollektivierung und Industrialisierung, die Unterordnung der Konsumtion unter die Akkumulation von Produktionsmitteln, nicht mehr als eine Frage, die man auch gegenteilig entscheiden konnte. Sie war für sie zu einer Frage von Leben oder Tod geworden. Entweder es fand Akkumulation statt oder die ausländische „Umwelt“ würde sie zermalmen. Akkumulation mußte stattfinden, um Rußland, ihr Rußland, das Rußland, das sie durch ihre Kontrolle über den Staat und den industriellen Apparat beherrschten, gegen Angriffe verteidigt werden konnte. Wenn auch die Akkumulation keine Konsumgüter für die arbeitende Bevölkerung Rußlands produzierte, so produzierte sie doch die Waffen, die sicherstellen sollten, daß die Bürokratie die Produktionsmittel, die sie kontrollierte, nicht an den internationalen Imperialismus verlor. In der Tat war die stalinistische Bürokratie vor dieselbe Wahl gestellt wie jede nicht-kapitalistische herrschende Klasse seit dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts. Als sich der industrielle Kapitalismus in Westeuropa und Nordamerika entwickelte, indem er seine Polypenarme ausstreckte, um Rohstoffe aus den entferntesten Gebieten der Erde herauszuziehen, gefährdete er die Stellung aller existierenden herrschenden Klassen. Überall versuchte er ihre Herrschaft durch seine zu ersetzen oder sie wenigstens zu seinen beständig gedemütigten Untergebenen zu machen. Und angesichts des beispiellosen Wachstums der Produktionsmittel unterm Kapitalismus sowie der Konzentration des größten Teils der Rohstoffquellen in den Händen der kapitalistischen Herrscher in den Metropolen, waren die militärischen und ökonomischen Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.

Für die bestehenden herrschenden Klassen gab es nur einen Weg, dieser Unterwerfung durch den Imperialismus zu widerstehen: Sie mußten radikal neue Methoden zur Ausbeutung ihrer Einheimischen finden. Alle vorkapitalistischen Gesellschaften haben ein Merkmal gemeinsam: Wie groß auch immer das Ausmaß der Ausbeutung der Masse der Bevölkerung sein mag, es ist durch das Konsumbedürfnis der herrschenden Klasse bestimmt. Die hauptsächliche Funktion der Ausbeutung besteht darin, der herrschenden Klasse und ihrem Anhang ein Leben in Luxus zu ermöglichen. Das tatsächliche Ausmaß und der Wirkungsgrad der Ausbeutung ist deshalb bis zu einem gewissen Grad zufällig und hängt sowohl von den Bedürfnissen des Herrschers als auch vom Ausmaß des Widerstandes der Unterdrückten ab. Wie Marx formulierte: „Die Magenwände des Herren bestimmen die Grenzen der Ausbeutung des Sklaven.“ jegliche Verbesserung des allgemeinen Kulturniveaus oder jeglicher Fortschritt der Produktivkräfte ist ein zufälliges Nebenprodukt der Konsumtion der herrschenden Klasse. So wurden zum Beispiel die Bauern im kaiserlichen China extrem ausgebeutet; aber damit ermöglichten sie nur einer massiven Bürokratie ein Leben in Luxus und gerade nicht die Entwicklung der Produktivkräfte, es sei denn gelegentlich und zufällig.

Im kapitalistischen System dagegen ist der Luxuskonsum der herrschenden Klasse, auch wenn er noch so üppig wuchert, nicht die treibende Kraft des Systems. Um seine Position zu sichern, muß jeder Unternehmer fortwährend einen großen Teil seines Profits in neue Produktionsmittel investieren. Nur auf diesem Wege kann er die Produktionskosten reduzieren und verhindern, daß seine Konkurrenten ihn auf dem Markt unterbieten.

Gleichzeitig und aus dem selben Grund muß er dauernd den tatsächlichen Prozeß der Ausbeutung überwachen, um sicherzustellen, daß die Lohnkosten auf ein Minimum beschränkt bleiben. Um zu überleben, muß der Kapitalist fortwährend die Produktion auf Kosten der Konsumtion ausweiten. Produktion um der weiteren Produktion willen, Akkumulation um der weiteren Akkumulation willen, sind die Triebkräfte des Kapitalismus, im Gegensatz zu den vorkapitalistischen Gesellschaften (und nebenbei auch zum Sozialismus), in denen Produktion und Akkumulation der Konsumtion dienen.

Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert und jenes historische Existenzrecht ... Aber soweit sind auch nicht Gebrauchswert und Genuß, sondern Tauschwert und dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen; ... Soweit sein Tun und Lassen nur Funktion des in ihm mit Willen und Bewußtsein begabten Kapitals gilt ihm sein eigener Privatkonsum als ein Raub an der Akkumulation seines Kapitals ... Also spart, spart, d.h., rückverwandelt möglichst großen Teil des Mehrwerts oder Mehrprodukts in Kapital! Akkumulation um der Akkumulation, Produktion um der Produktion willen ... [479]

Diese fortwährende Akkumulation stattet den Kapitalismus mit den Mitteln aus, die ihm Erfolg bei der Unterordnung anderer Gesellschaften garantieren. Es sei denn, daß die herrschenden Klassen dieser Gesellschaften die Basis, auf der sie selbst herrschen, verändern können. Sie können sich nur schützen, wenn sie die Produktivkräfte in einem dem etabliertem Kapitalismus vergleichbaren Tempo entwickeln können (bzw. im Grunde schneller, da sie später ins Rennen eintreten). Anders ausgedrückt: Wenn auch sie ihre Form der Ausbeutung so umgestalten können, daß sie alles der Akkumulation von Produktionsmitteln, um damit andre Produktionsmittel zu akkumulieren, unterordnen, können sie sich vor dem expandierenden Kapitalismus schützen. – Vorausgesetzt, daß die herrschenden Klassen sich selbst so verändern können, daß sie mit Erfolg die absurde Rationalität dieses Kapitalismus zu imitieren in der Lage sind.

Im 19. Jahrhundert versuchten mehrere herrschende Klassen, sich in dieser Weise zu schützen. So gab es einen frühen, aber erfolglosen versuch, das orientalisch-despotische Ägypten in dieser Weise zu transformieren. Auch im zaristischen Rußland ermutigte das Regime die industrielle Entwicklung. Allein jedoch, in Japan war der Versuch ein voller Erfolg. Jahrhundertelang hatte die herrschende Klasse Japans versucht, das Land künstlich von fremdem Einfluß abzuschirmen (eine Politik des „Feudalismus in einem Land“). In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschien ein amerikanisches Kanonenboot und bewies die Hilflosigkeit einer solchen Politik. Denn es gab keine ausreichenden Produktivkräfte, um die zur Sicherung der herrschenden Klasse notwendigen Waffen herzustellen. An diesem Punkt führte ein Teil dieser herrschenden Klasse die Meiji-Restauration durch, die ihr die Kontrolle über den Staat brachte. Sie nutzte die Kontrolle dazu, die ganze japanische Gesellschaft der industriellen Entwicklung auf kapitalistischer Grundlage unterzuordnen.

Im Jahre 1929 stand die herrschende stalinistische Schicht in Rußland vor demselben Dilemma: auf die Logik des Kapitalismus einzugehen und Akkumulation um der weiteren Akkumulation willen zu betreiben oder sich dem internationalen Kapitalismus zu unterwerfen. Die einzige Alternative wäre die der linken Opposition gewesen. Sie hätte darin bestanden, die Grundlage dieses Dilemmas zu untergraben und die innere Entwicklung in Rußland der Notwendigkeit unterzuordnen, die Revolution international voranzutreiben. Angesichts der sozialen Erschütterungen der dreißiger Jahre in Deutschland, Spanien, Frankreich war dies keine absurde Perspektive. Und wenn die Politik der internationalen linken Opposition von den kommunistischen Parteien dieser Länder befolgt worden wäre, hätte es mit Sicherheit eine große Chance auf Erfolg gegeben. Aber diese Perspektive konnte von der herrschenden bürokratischen Schicht in Rußland nicht akzeptiert werden, weil sie deren privilegierte Stellung untergraben hätte. Erzwungene Industrialisierung und Kollektivierung waren die einzigen Mittel, die die herrschende Schicht kannte, um sich zu verteidigen. Aber damit mußte sie sich gegen jede andre Klasse in der russischen Gesellschaft stellen, um sie den Bedürfnissen der Akkumulation zu unterwerfen. Das ist der Grund, warum in dem Jahr, in dem die Fünf-Jahres-Pläne eingeführt wurden, unabhängige Gewerkschaften und das Streikrecht abgeschafft und zum ersten Mal die Löhne durch die Bürokratie herabgedrückt wurden. Das bedeutete auch, daß die Bürokratie selbst sich aus einem Zusammenschluß verschiedener privilegierter Interessen zu einer homogenen Klasse verwandeln mußte. Diese war nun der Akkumulation als einzigem Ziel ergeben. Freie Diskussion über Ziele gab es nicht mehr.

 

 

Rußland als staatskapitalistisches System

Viele neigen dazu, den Kapitalismus mit dem einen oder anderen seiner Oberflächenmerkmale gleichzusetzen – etwa mit der Aktienbörse [480], mit periodischen ökonomischen Krisen, mit Arbeitslosigkeit, „Profithunger“ [481] oder der „endgültigen Geldform“ [482] des Kapitals. Sie schließen dann daraus, daß solche Merkmale in Rußland nicht existieren, Rußland auch nicht eine Variante des Kapitalismus sein könne. Marx hingegen ging es nicht um diese äußeren Erscheinungen, sondern um die zugrundeliegende Dynamik des Kapitalismus, die jene produziert. Diese Dynamik stellte er an zwei grundlegenden Merkmalen fest:

l. Alle individuellen Arbeitsprozesse stehen zueinander in Beziehung, und zwar nicht durch bewußte Planung, sondern durch einen ungeplanten und anarchischen Vergleich ihrer Arbeitsprodukte. Dadurch erhält jede Ware den Preis, der durch den zu ihrer Herstellung notwendigen Anteil an der gesamten Arbeit einer Gesellschaft bestimmt wird. „... Die verschiedenen Arten von privater Arbeit, die unabhängig voneinander ausgeführt werden ... werden fortwährend auf die quantitative Proportion, in der sie die Gesellschaft benötigt, reduziert ... “ [483] Das „Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit erscheint ihnen nicht als gesellschaftliches Verhältnis, das zwischen ihnen existiert, sondern zwischen den Produkten ihrer Arbeit“.

Die Arbeit von Individuen wird also quantitativ bezogen auf die Arbeit aller Individuen der Gesellschaft, und zwar durch die Beziehungen, die zwischen den Produkten ihrer Arbeit bestehen. Das wiederum heißt, daß jeder Produktionsprozeß durch Faktoren, die außerhalb von ihm liegen, bestimmt wird, d.h. durch das Verhältnis seiner Kosten zu den Kosten von Produktionsprozessen, die anderswo stattfinden. Es gibt eine „Regulierung von gegenseitiger Produktion durch die Produktionskosten, ... das Produkt bezieht sich auf sich selbst als eine Realisierung einer bestimmten Quantität an allgemeiner Arbeit, an gesellschaftlicher Arbeitszeit“. [484]

Die Produktionsmethoden eines jeden Produzenten müssen fortwährend geändert werden, da ungeplante und anarchische Veränderungen der Produktionsmethoden aller anderen Produzenten stattfinden.

2. Es gibt eine Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln. Die Arbeiter können daher nur überleben, indem sie ihre Fähigkeit zu arbeiten (ihre „Arbeitskraft“) an die verkaufen, die die Produktionsmittel besitzen. Der Preis der Arbeitskraft (d.h. der Lohn) wird immer wieder durch die Konkurrenzverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt auf die Produktionskosten dieser Arbeitskraft reduziert, d.h. auf ein historisch und kulturell bestimmtes Existenzminimum für sie selbst und ihre Familien.

Diese beiden Faktoren zusammen produzieren eine Situation, in der rivalisierende Besitzer von Produktionsmitteln Waren in Konkurrenz zueinander produzieren. Jeder der Konkurrenten kann den durch Ausbeutung ergatterten Profit dazu benutzen, die Produktionsmittel zu verbessern, um so die Produktion zu steigern und die Kosten zu senken. Ziel ist es, seine Rivalen aus dem Rennen zu werfen, es sei denn sie handeln genauso. jeder Produktionsmittel-Besitzer muß deshalb versuchen, die Angriffe des anderen zu parieren, indem er selbst die von ihm kontrollierten Produktionsmittel erweitert.

Was aber bei diesem (dem Schatzbildner) als individuelle Manie erscheint, ist beim Kapitalisten Wirkung des gesellschaftlichen Mechanismus, worin er nur ein Triebrad ist. Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur vermittelst progressiver Akkumulation. [485]

Dieses Verhältnis zwischen verschiedenen Kapitalanhäufungen von fremder Arbeit (den Produktionsmitteln) definiert für Marx diese Produktionsmittel als Kapital und ihre Eigentümer als Kapitalisten. Es bestimmt auch die Wechselbeziehungen der Kapitalisten untereinander und zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Sie laufen darauf hinaus, immer wieder neu Konkurrenzverhältnisse herzustellen.

Wenn nun Marx die Mechanismen beschreibt, wodurch die verschiedenen Ansammlungen von fremder Arbeit verglichen werden, spricht er von Marktmechanismen. Aber im Prinzip gibt es keinen Grund, warum nicht andre Mechanismen, die unabhängige Produktionsprozesse zueinander in ungeplanter Weise in Beziehung setzen, dieselbe Rolle spielen sollten. Jeder Prozeß, durch den die Organisation der Produktion fortwährend planlos durch Vergleich mit der Produktion anderswo umgestaltet wird, dürfte dieselben Resultate hervorbringen.

In der Tat verliert, mit der Entwicklung des Kapitalismus, die unmittelbare Funktion des Marktes, verschiedene Produktionsprozesse zueinander in Beziehung zu setzen, an Bedeutung. Schon Hilferding schrieb vor 60 Jahren:

Die Verwirklichung der Marxschen Theorie der Konzentration – die Monopolisierung scheint zur Aufhebung des Marxschen Wertgesetzes zu führen. [486]

Innerhalb der Riesenunternehmen scheinen wohlüberlegte, geplante Entscheidungen des Managements und nicht der unmittelbare Einfluß des Marktes die Verteilung der Rohstoffe, die Löhne der Arbeiter, das Tempo des Arbeitsprozesses zu bestimmen. Diese Entscheidungen aber werden nicht in einem Vakuum getroffen. Sogar der größte der Giganten muß sich um die Konkurrenz sorgen, und zwar im internationalen Maßstab. Er kann nur so lange überleben, als er sich auf Kosten seiner Rivalen ausdehnen kann, Obwohl die Verhältnisse, unter denen jeder einzelne Gegenstand produziert wird, nicht notwendigerweise durch die Konkurrenz bestimmt zu sein brauchen, so muß es doch die Gesamtproduktion sein. Die Anarchie der internationalen Konzerne bestimmt immer noch die Tyrannei des einzelnen Unternehmens.

Mit der Entwicklung einer Kriegswirtschaft oder einer permanenten Rüstungswirtschaft verliert der Markt noch mehr an Bedeutung. Die typische Situation für einen großen Teil der Industrie ist die, daß Monopole für einen einzigen Käufer, den Staat, produzieren, zu einem Preis, der durch die Entscheidungen des Staates bestimmt wird.

Wenn Kapitalisten für die Verteidigung, i.e., im Auftrag der Staatskasse arbeiten, so gibt es offensichtlich keinen reinen Kapitalismus mehr, sondern eine spezielle Form der Volkswirtschaft. Reiner Kapitalismus bedeutet Warenproduktion. Warenproduktion bedeutet Produktion für einen unbekannten und freien Markt. Aber die kapitalistische Produktion für Verteidigung produziert nichts für den Markt. [487]

Aber das Marxsche Wertgesetz herrscht immer noch – insofern, als der Staat, der auf von verschiedenen Seiten ausgeübten Druck reagiert, bewußt versucht, den Preis, den er für die Waffen zahlt, in Beziehung zu den Kosten anderswo produzierter Waren zu setzen. Die Regierung entscheidet bewußt über die Preise; insofern spielt der Markt keine Rolle. Aber die Regierung trifft ihre Entscheidungen in Übereinstimmung mit dem Niveau der Produktionskosten im gesamtgesellschaftlichen Rahmen, so daß jede Veränderung der Kosten in anderen Bereichen der Wirtschaft sich am Ende auf die Rüstungsproduktion auswirken wird. Mit anderen Worten, die Regierung zwingt die Rüstung-produzierenden Konzerne, sich so zu verhalten, als ob sie sich am Markt behaupten müßten. Die Regierung zwingt also den Firmen das Wertgesetz auf. Gelingt ihr das nicht, dann sind die Konsequenzen klar: Entweder es wird ein größerer Teil der national verfügbaren Mittel in die Kriegsindustrie gepumpt, als dies bei den ausländischen Rivalen der Fall ist; das hat zur Folge, daß infolge von Steuern, Inflation der Rohstoffpreise usw. die nicht-Rüstung-produzierenden Firmen auf dem internationalen Markt konkurrenzunfähig werden; oder das militärische Potential wird derart unzureichend entwickelt, daß die nationale herrschende Klasse in der kriegerischen Auseinandersetzung mit ihren Rivalen unterliegt. Wiederum zwingt der internationale Markt langfristig zur Disziplin.

Seit 1929 ist die russische Wirtschaft Zwängen unterworfen, die aus ihrer Wechselbeziehung mit dem kapitalistischen Westen entspringen. Diese hat nicht in erster Linie die Form unmittelbarer Konkurrenz auf dem Markt angenommen. [488] Aber es hat einen vermittelnden Mechanismus zwischen der russischen Wirtschaft und dem Wirtschaftssystem des kapitalistischen Westens gegeben, der eine ähnliche Rolle gespielt hat wie die unmittelbare Marktkonkurrenz: Konkurrenz, vermittelt durch Rüstungsproduktion. Wie wir oben gezeigt haben, war die Angst, im militärischen Wettlauf mit dem Westen zu unterliegen, die treibende Kraft, als die stalinistische Bürokratie erstmals begann, systematisch die Schwerindustrie auf Kosten der Leichtindustrie und des Lebensstandards der Arbeiter und Bauern aufzubauen. Die herrschenden Klassen im Westen konnten Rußland nur bedrohen, weil sie durch fortwährende Abpressung von Mehrwert ihre Industrie entwickelt hatten. Um Waffen auf demselben Niveau produzieren zu können, mußte Stalin versuchen, eine Schwerindustrie auf ähnlichem Niveau zu schaffen. Bei dem niedrigen Stand der Industrialisierung in Rußland konnte er dies nur tun, wenn er ein Mehrprodukt, dessen Rate höher war als die im Westen, aus der russischen Bevölkerung herauspreßte. Die Konkurrenz unter den Kapitalisten im Westen zwingt jeden einzelnen, das Niveau der Konsumtion seiner Arbeiter auf ein historisch und kulturell-bestimmtes Minimum zu drücken und Kapital zu akkumulieren. Die Konkurrenz mit dem Westen zwingt die russische Bürokratie, das Lohnniveau innerhalb Rußlands in ähnlicher Weise auf ein historisch und kulturell bestimmtes Minimum zu reduzieren.

Viele Sozialisten im Westen haben versucht, diese Realität zu ignorieren. Die bürokratischen Herrscher Rußlands hingegen haben eine Ahnung von den Kräften, die sie zwingen, in bestimmter Weise zu handeln; z.B. berichtete die Prawda (24. April 1970) über eine Rede, in der

Genosse Breschnew auf die Frage der ökonomischen Konkurrenz zwischen den beiden Weltsystemen einging. „Diese Konkurrenz“, sagte er, „nimmt verschiedene Formen an. In vielen Fällen erfüllen wir erfolgreich die Aufgabe, die kapitalistischen Länder in der Produktion bestimmter Güter zu überholen und hinter uns zu lassen ... aber die grundlegende Frage ist nicht nur, wieviel man produziert, sondern auch mit welchen Kosten und mit welchem Aufwand an Arbeitskraft ... Auf diesem Gebiet liegt heute der Schwerpunkt zwischen den beiden Systemen.“

Dies ist kein einmaliger Prozeß. Gerade der Erfolg der russischen Bürokratie in der Entwicklung der Schwer- und Rüstungsindustrie wird zu einer Gewalt, die Akkumulation im Westen und umgekehrt weitere Akkumulation in Rußland erzwingt. Mit anderen Worten: Ein totales System von „verdinglichten“ Beziehungen entsteht, indem die anarchische und ungeplante Wechselbeziehung der Arbeitsprodukte den Arbeitsprozeß bestimmt.

Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber ... In der Bestimmung, daß der Arbeiter zum Produkt seiner Arbeit als einem fremden Gegenstand sich verhält, liegen alle diese Konsequenzen ... Je mehr der Arbeiter sich ausarbeitet, um so mächtiger wird die fremde, gegenständliche Welt, die er sich gegenüber schafft ... Der Arbeiter legt sein Leben in den Gegenstand; aber nun gehört es nicht mehr ihm, sondern dem Gegenstand. [489]

Marx’ klassische Beschreibung der Entfremdung gilt genauso für Rußland wie für den kapitalistischen Westen. Ebenso verhält es sich mit dem Merkmal das – Marx zufolge – vor allem den Kapitalismus als eine bestimmte Produktionsweise auszeichnet:

Während in den vorkapitalistischen Gesellschaften die Produktion durch die Bedürfnisse der herrschenden Klasse bestimmt ist und im Sozialismus durch die Bedürfnisse der Masse der Bevölkerung, beruht im Kapitalismus die Natur und Gesetzlichkeit der Produktion in dem Zwang für die, die die Produktion kontrollieren, Mehrwert abzuschöpfen, um in gegenseitiger Konkurrenz Produktionsmittel zu akkumulieren. Die besondere Form, in der die herrschende Klasse in Rußland die Industrie besitzt, nämlich durch ihre Kontrolle über den Staat, berührt diesen wesentlichen Punkt nicht. Deshalb ist die einzig sinnvolle marxistische Bezeichnung in marxistischen Begriffen für eine Gesellschaft, wie sie in Rußland seit den letzten vierzig Jahren besteht, der Begriff „Staatskapitalismus“.

 

 

Anmerkungen

455. Martow an Axelrod, 19. November 1917. Zitiert in G. Getzler: Martov, Cambridge 1967.

456. Trotzki: Geschichte der russischen Revolution, Frankfurt/Main 1973, S.490.

457. S.M. Schwartz, zitiert in Max Shachtmann: The Bureaucratic Revolution, New York 1962, S.69.

458. Trotzki, a.a.O., S.45.

459. Zu den Einzelheiten siehe Chris Harman: How the Revolution was Lost, London 1969 (bis zu einem gewissen Grad ist der gesamte Abschnitt eine Zusammenfassung dieses Artikels), und T. Cliff: Revolution und revolutionäre Organisation. Das Verhältnis Partei-Klasse bei Trotzki.

460. Trotzki, a.a.O., S.5.

461. Lenin: Collected Works, zitiert in M. Lewin: Lenin’s Last Struggle, London 1969, S.12.

462. Zur georgischen Frage siehe Lewin, a.a.O., S.91ff.

463. Auf dem 17. Parteikongreß 1934 gehörten 40% der Delegierten der Partei schon vor der Revolution an und 80% seit 1919 oder früher. Auf dem 10. Kongreß 1939 gehörten nur noch 5% der Mitglieder der Partei vor der Revolution an und nur 14% vor 1919. Dabei waren schätzungsweise ungefähr 200.000 Mitglieder der bolschewistischen Partei von 1918 noch am Leben, aber nur 20.000 oder 10% von ihnen noch in der Partei. – Schwartz, a.a.O.

464. Für umfassendere Informationen über diesen gesamten Abschnitt siehe T. Cliff: Russia: A Marxist Analysis, London 1964, Kap.1. Auf Deutsch: T. Cliff: Staatskapitalismus in Rußland, Ffm 1974, Kap.1.

465. Eine vollständige Aufstellung der Lohnverhandlungen in diesen Jahren in E.H. Carr und R.W. Davies: Foundations of a Planned Economy, Bd.1, London 1969, Kap.19.

466. Siehe eine Schätzung in Cliff, a.a.O., S.36.

467. Siehe E.H. Carr und R.W. Davies: a.a.O., Abschnitte A und B, ebenso I. Deutscher: Stalin, Stuttgart 1952, S.351.

468. E.H. Carr und R.W. Davies, a.a.O., S. 563.

469. Die Regelungen sind zitiert in Cliff, a.a.O., S.25.

470. Für Schätzungen siehe Cliff, ebda. Eine unterschiedliche Schätzung für 1928-1933 in E.H. Carr und R.W. Davies, a.a.O., S.342.

471. Cliff, a.a.O., S.30f.

472. E.H. Carr und R.W. Davies, a.a.O., S.XII.

473. Ebda., S.277.

474. Kuibischew, ebda., S.295.

475. Ebda., S.313.

476. Vgl. Cliff, a.a.O., S.33.

477. Stalin: Problems of Leninism, zitiert in I. Deutscher, a.a.O., S.351.

478. Stalin, zitiert in Carr und Davies, a.a.O., S.327.

479. Marx: Kapital, MEW, Bd.23, S.618-621.

480. Obgleich Engels deutlich schreibt „1865 war die Börse noch ein sekundäres Element im kapitalistischen System“ in MEW, Bd.25, S.917.

481. Eine solche Gleichsetzung findet sich in E. Mandel: The Inconsistencies of State Capitalism, London 1969.

482. Das gleiche, siehe ebda.

483. K. Marx: Fondements de la Critique de l’économie politique, Paris 1967, S.147.

484. K. Marx: Kapital, MEW, Bd.23, S.618.

485. Ebda.

486. R. Hilferding: Das Finanzkapital, Wien 1910, S.286.

487. Lenin, Werke, Russisch, Bd.XXV, S.51, zitiert in T. Cliff, a.a.O., S.153.

488. Der Handel zwischen der UdSSR und dem Westen betrifft, obwohl er ansteigt, nur etwa ein Prozent der gesamten russischen Produktion. Dies war jedoch an gewissen Punkten der russischen Entwicklung von entscheidender Bedeutung. So zwang Anfang der dreißiger Jahre das Fallen der Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Güter Stalin, viel größere Mengen an Getreide im Ausland zu verkaufen, um die für die Industrialisierung notwendigen Maschinen kaufen zu können, und was ihn deshalb veranlaßte, ein viel größeres „Mehrprodukt“ aus der „kollektivierten Landwirtschaft“ herauszupressen. Für einige andere stalinistische Staaten ist der direkte Druck der Handelskonkurrenz größer – z.B. für die Tschechoslowakei, Kuba ...

489. Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW-Ergänzungsband, S.511f.

 


Zuletzt aktualisiert am 17.9.2002