MIA > Deutsch > Marxisten > Kautsky > Interessen
Die Sozialdemokratie tritt auf als Vertreterin der Klasseninteressen des Proletariats – die anderen Parteien gebärden sich als Vertreterinnen der Interessen aller oder doch aller bedeutenden Klassen. Wie früher schon oft, so werfen sie daher auch im jetzigen Wahlkampf unserer Partei vor, sie vertrete bloß die Interessen eines Bruchteils der Bevölkerung, sie vertrete nur Sonderinteressen, während die bürgerlichen Parteien sich damit brüsten, dass sie das Gemeininteresse, das Interesse von Staat und Gesellschaft, das Interesse der Gesamtheit der Bevölkerung eifrig und allseitig zu fördern bestrebt sind.
Wäre der Vorwurf gerechtfertigt, dann ergäbe sich daraus eine bedeutende Überlegenheit der bürgerlichen Parteien. Zum Glück beruht er nur auf einer Verwirrung der Begriffe; gerade das Gegenteil dieses Vorwurfs ist richtig. Aber es ist nicht ganz leicht, die Konfusion zu entwirren, der er entspringt.
Vor allem, ehe wir von Klasseninteressen handeln, müssen wir uns darüber klar werden, was eine Klasse ist.
Marx hat im dritten Bande seines Kapital eine Untersuchung über den Begriff der Klasse begonnen, leider aber nicht vollendet. Gerade an der entscheidenden Stelle bricht sie ab.
Wir haben in der modernen Gesellschaft drei große ökonomische Gruppen: Lohnarbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer. Was macht sie zu Bildnern der drei großen gesellschaftlichen Klassen? fragt Marx, und gibt zur Antwort:
„Auf den ersten Blick die Dieselbigkeit der Einkommen und Einkommenquellen. Es sind drei große, gesellschaftliche Gruppen, deren Bestandteile, die sie bildenden Individuen, respektive von Arbeitslohn, Profit und Grundrente, von der Verwertung ihrer Arbeitskraft, ihres Kapitals und ihres Grundeigentums leben.
„Indessen würden von diesem Standpunkt aus zum Beispiel Ärzte und Beamte auch zwei Klassen bilden, denn sie gehören zwei unterschiedenen gesellschaftlichen Gruppen an, bei denen die Einkommen der Mitglieder von jeder der beiden aus derselben Quelle fließen. Dasselbe gälte für die unendliche Zersplitterung der Interessen und Stellungen, worin die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit die Arbeiter wie die Kapitalisten und Grundeigentümer spaltet – letztere zum Beispiel in Weinbergbesitzer, Ackerbesitzer, Waldbesitzer, Bergwerksbesitzer, Fischereibesitzer.“
Hier bricht leider das Manuskript ab. Es ist natürlich unmöglich, mit Bestimmtheit festzustellen, was Marx weiterhin ausgeführt hätte. Aber wir können die Frage für uns beantworten, wenn wir die Tatsachen selbständig prüfen.
Was kennzeichnet die Stellung einerseits etwa des Grundbesitzers gegenüber dem Lohnarbeiter und dem Kapitalisten, andererseits etwa des Ackerbesitzers gegenüber dem Wald- oder dem Baugrundbesitzer?
Die Grundrente des Grundbesitzers kann bei gegebener Größe des Nationaleinkommens nur vergrößert werden entweder auf Kosten des Arbeitslohns oder des Kapitalprofits – die Interessen des Grundbesitzers stehen also im Gegensatz zu denen des Lohnarbeiters und des Kapitalisten. Dagegen wächst die Grundrente des Ackerbesitzers nicht auf Kosten der Grundrente der anderen Grundbesitzer. Im Gegenteil, das Wachsen der Grundrente oder des damit zusammenhängenden Bodenpreises der einen Bodenart zieht auch ein Wachstum der Grundrenten und Bodenpreise der anderen Grundstücke nach sich. Aber jedes Steigen dieser Grundrenten und Bodenpreise bedeutet eine entsprechende Beeinträchtigung des Arbeitslohns oder des Kapitalprofits.
Nehmen wir andererseits die Klasse der Lohnarbeiter. Sie zerfällt in Buchdrucker, Metallarbeiter, Textilarbeiter, Landarbeiter u. s. w. Aber diese Unterabteilungen bilden keine Klassen. Sie alle haben den gemeinsamen Gegensatz gegen Kapital und Grundeigentum, denn der Arbeitslohn kann bei gegebenem Nationaleinkommen nur steigen auf Kosten dieser beiden Einkommensquellen; dagegen steigt nicht innerhalb der Arbeiterklasse der Lohn der einen dieser Arbeiterschichten auf Kosten der anderen, sondern vielmehr verstärkt jede Lohnerhöhung einer Arbeiterschicht auch die Tendenz zur Lohnerhöhung der anderen; sie verstärkt das Streben der Arbeiter, höhere Löhne zu verlangen und verringert die Widerstandskraft der Unternehmer, sie zu gewähren.
Jetzt sehen wir bereits, was die einzelnen Klassen bildet. Es ist nicht bloß die Gemeinsamkeit der Einkommensquelle, sondern auch die daraus folgende Gemeinsamkeit der Interessen und die Gemeinsamkeit des Gegensatzes gegen die anderen Klassen, von denen jede bestrebt ist, die Einkommensquellen der anderen einzuengen, um die ihrige reichlicher fließen zu machen.
Die einzelnen Berufe innerhalb der einzelnen großen Einkommensgruppen bilden also keine besonderen Klassen. Wohl aber wird man bei näherer Betrachtung finden, dass sich zwischen und neben den drei großen Klassen Zwischenglieder und Ableger bilden, die ebenfalls den Charakter besonderer Klassen erhalten.
So können wir zum Beispiel innerhalb der Kapitalistenklasse unterscheiden das industrielle Kapital, das Handelskapital, das Geldkapital. Betrachten wir nur letzteres. Jeder Kapitalist muss Geld haben, um ein Unternehmen ins Leben rufen und betreiben zu können; aber unter den Kapitalisten gibt es eine Sorte, die sich mit der Arbeit des Leitens von Unternehmungen nicht befassen, sondern es vorziehen, ihr Geld an industrielle oder kommerzielle Unternehmer gegen Zinsen auszuleihen. Die Einkommensquelle dieser Geldkapitalisten gibt ihnen eine Gemeinsamkeit der Interessen; der Zinsfuß der einen steigt nicht auf Kosten des Zinsfußes der anderen; im Gegenteil; jedes Steigen des Zinsfußes hier fördert sein Steigen dort. Diese Einkommensquelle bringt sie aber auch in gemeinsamen Gegensatz zu den anderen Kapitalisten; denn der Zinsfuß steigt auf Kosten des Profits.
Notabene, um Missverständnisse auszuschließen, sei hier bemerkt, dass damit nicht etwa gesagt sein soll, wenn der Zinsfuß steige, müsse die Profitrate sinken. Das wäre ebenso falsch, als wollte man sagen, wenn der Arbeitslohn steige, müsse der Profit herabgehen. In Zeiten der Prosperität können gleichzeitig Profite, Zinsen und Arbeitslöhne in die Höhe gehen, in Zeiten der Krise gehen sie gleichzeitig herab. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt alles, was der Kapitalist unter sonst gleichen Umständen an Lohn oder Kapitalzins erspart, seinen Profit erhöht und umgekehrt. Wenn das Gesamtprodukt der Gesellschaft steigt, kann die Menge der auf jede einzelne Klasse entfallenden Produkte steigen, aber es kann nicht der prozentuelle Anteil einer jeden Klasse am Gesamtprodukt gleichzeitig steigen, sondern der Anteil der einen muss sinken, wenn der der anderen steigt; und vor allem, wie hoch auch das Gesamtprodukt sein mag, der Anteil jeder einzelnen Klasse daran wird in der heutigen Gesellschaft nicht planmäßig reguliert, sondern durch ökonomische und politische Kämpfe der verschiedensten Art bestimmt, wobei jede Klasse alle ihre Machtmittel aufbietet, um einen möglichst großen Anteil zu erlangen.
Auf dieser Methode der Verteilung der Produkte beruhen die Klassenunterschiede, Klassengegensätze und Klassenkämpfe. Sie müssen ständig fortdauern, solange die kapitalistische Gesellschaft besteht; diese Gegensätze werden nicht aufgehoben, oft nicht einmal gemildert in Zeiten, wo Löhne, Profite und Zinsen gleichzeitig steigen – was übrigens bekanntlich stets nur ein vorübergehendes Rauschstadium ist, dem unvermeidlich ein schmerzlicher Katzenjammer mit gleichzeitigem Fallen von Löhnen, Profiten und Zinsen folgt, wobei die Kämpfe um den Anteil am Nationalprodukt lebhafter entbrennen, und damit die Klassengegensätze sich verschärfen.
Der Begriff der Klasse schließt notwendigerweise den des Klassengegensatzes in sich. Ist dem aber so, dann wird die Versicherung einer Partei, dass sie den Interessen aller Klassen gerecht werde, eine leere Redensart, ja schlimmeres als das, ein demagogischer Schwindel. Es ist die Versicherung, dass diese Partei gleichzeitig die Interessen der Mieter wahren und auf Erniedrigung der Mieten hinarbeiten, wie auch die Interessen der Vermieter wahren und auf Erhöhung der Mieten hinarbeiten werde; dass sie den Arbeitern hohe Löhne und den Kapitalisten billige Arbeitskräfte verschaffen wolle; dass sie für die Konsumenten niedere Lebensmittelpreise und für die Lebensmittelproduzenten hohe Lebensmittelpreise anstrebe u. s. w.
In Wirklichkeit entsprechen den drei großen Klassen der Gesellschaft auch die großen Parteien, die in der Politik der modernen Staaten hervortreten: die Liberalen, die Konservativen und die Sozialisten.
Damit ist jedoch nicht gesagt, dass in der politischen Wirklichkeit die Parteien sich ebenso reinlich scheiden, wie die Klassen nach der ökonomischen Theorie. Einmal haben wir Zwischen- und Nebenklassen, deren Klasseninteressen nicht ganz mit der einen oder der anderen der drei großen Klassen zusammenfallen. Das Geldkapital zum Beispiel steht vermittelnd zwischen dem industriellen Kapital und dem Grundbesitz, die es beide gleich ausbeutet; es nimmt auch politisch eine Mittelstellung ein zwischen dem Liberalismus und dem feudal-agrarischen Konservatismus, schlägt sich einmal zu der einen, ein andermal zu der anderen dieser Parteien, wie bei uns zum Beispiel die Nationalliberalen und Freikonservativen.
Andererseits nehmen die Kleinbürger eine Zwischenstellung ein zwischen dem Proletariat und der Kapitalistenklasse, die Kleinbauern zwischen dem Proletariat und dem Grundbesitz.
Dann aber schließen es auch die Klassengegensätze nicht aus, dass Bestandteile verschiedener Klassen in einer Partei vereinigt werden. In demokratischen Staatswesen, unter der Herrschaft des allgemeinen Wahlrechts, können Kapitalisten wie große Grundbesitzer ihre politische Herrschaft nicht allein behaupten, dazu sind sie zu gering an Zahl.
1895 zählte man unter den Selbständigen (abgesehen also von den Lohnarbeitern) in Industrie und Handel:
|
Unbemittelte (Selbständige ohne Hilfskraft und Hausindustrielle) |
1.721.418 |
|
Kleine Meister und Händler (Besitzer und Leiter von Betrieben mit 2 bis 5 Personen) |
900.850 |
|
Kleine Kapitalisten (mit Betrieben von 5 bis 20 Personen) |
200.471 |
|
Große Kapitalisten (mit Betrieben von mehr als 20 Personen) |
48.765 |
Wir sehen, dass die Zahl der großen Kapitalisten in der Gruppe der industriellen und kommerziellen Unternehmer nicht einmal 50.000 betrug. Die Zahl der tatsächlichen Proletarier war selbst unter den angeblich „Selbständigen“ noch weitaus größer als die Zahl der kleinen Kapitalisten, samt jenen, die auf der Zwischenstufe zwischen Proletariat und Kapitalist standen.
Nicht immer wird die Rubrizierung stimmen. Ein Handelsgeschäft mit fünf Arbeitern kann schon ein sehr großes Kapital umfassen. Andererseits wird mancher Betrieb mit zwei Arbeitern, etwa einem Meister und einem Lehrling, den proletarischen zuzurechnen sein. Die einzelnen Fehler dürften sich ausgleichen, übrigens sind die Zahlenunterschiede so groß, dass es auf Genauigkeit in jedem einzelnen Falle gar nicht ankommt.
Etwas besser für die Besitzenden steht die Sache in der Landwirtschaft. Von den selbständigen Landwirten wurden gezählt in der Klasse der
|
Unbemittelten (unter 2 Hektar) |
548.572 |
|
Kleinbauern (2 bis 5 Hektar) |
694.850 |
|
Mittelbauern (5 bis 50 Hektar) |
1.221.284 |
|
Größere Grundbesitzer (über 50 Hektar) |
98.224 |
Hier ist die Zahl der proletarischen Scheinbesitzer kleiner im Verhältnis zu den Besitzenden, aber die Zahl der größeren Grundbesitzer immer noch eine minimale.
Fügen wir aber noch die Zahlen der Lohnarbeiter hinzu, dann sehen wir erst recht, wie verschwindend klein die Zahl derjenigen ist, die ausschließlich aus ihrem Grundbesitz oder einem kapitalistischen Unternehmen ihr Einkommen ziehen.
Wir haben dann in der Landwirtschaft:
|
Lohnarbeiter |
5.723.967 |
9.435.828 |
|
Unbemittelte Selbständige |
548.572 |
|
|
Bauern |
1.916.134 |
|
|
Größere Grundbesitzer |
98.224 |
Noch schlimmer steht’s in Industrie und Handel:
|
Lohnarbeiter |
7.714.410 |
15.798.307 |
|
Unbemittelte Selbständige |
1.721.418 |
|
|
Mittelklasse |
1.101.321 |
|
|
Große Kapitalisten |
48.765 |
Das gibt zusammen für die drei großen Erwerbszweige:
|
Lohnarbeiter |
13.438.377 |
|
Unbemittelte Selbständige |
2.269.990 |
|
Mittelklasse |
3.117.455 |
|
Großbesitz |
146.989 |
Zieht man noch die übrigen Erwerbszweige, sowie bei jeder Klasse die Familienmitglieder in Betracht, dann erhalten wir folgendes Ergebnis für die Gesamtbevölkerung:
|
Lohnarbeiter |
28.757.053 |
55,55 Prozent |
|
Unbemittelte Selbständige |
6.492.384 |
12,54 Prozent |
|
Mittelklasse |
15.874.600 |
30,66 Prozent |
|
Großbesitz |
646.242 |
1,25 Prozent |
Hier erscheint das Übergewicht des Proletariats geringer, weil die Zahl der müßigen Familienmitglieder bei ihm auf ein Minimum beschränkt ist. Indes ist es auch in der letzten Tabelle ein gewaltiges. Es umfasst 68 Prozent, über zwei Drittel der Bevölkerung, der Großbesitz nur etwas über 1 Prozent.
Man sieht, wie kläglich es den aus Kapitalbesitz oder Grundbesitz ihr Einkommen ziehenden Klassen erginge, blieben sie im politischen Kampfe auf ihre eigenen Mitglieder beschränkt. Sie müssen trachten, in der Masse der Bevölkerung Hilfstruppen zu gewinnen, die ihnen die nötigen Stimmen liefern. Namentlich die beiden Zwischenklassen des Kleinbürgertums und der Bauernschaft mit ihren zwiespältigen Klasseninteressen erscheinen ihnen vortrefflich dazu geeignet. Aber auch aus dem Proletariat suchen die Parteien der besitzenden Klassen sich Stimmen zu holen. Leere Versprechungen, die oft direkter Betrug sind, und wo diese nicht ausreichen, Bedrohung mit ewigen und zeitlichen Strafen, schließlich, wo alles nichts hilft, direkter Zwang, die Ausnutzung aller ökonomischen, politischen, geistigen Machtmittel, die ihre gesellschaftlich überlegene Stellung zu Gebot stellt – das sind die Methoden der „Wahlagitation“ dieser Parteien, das heißt ihres Strebens, soundso viele Stimmen den Interessen des Kapitals oder des Grundbesitzes dienstbar zu machen.
Es ist klar, bei einem solchen Wahlkampf können und dürfen die Parteien der besitzenden Klassen nicht zugeben, dass es Klasseninteressen und Klassengegensätze gibt; sie müssen die Klassengegensätze verschleiern, ja leugnen. Jeder ist ihr geschworener Feind, der die Klassengegensätze aufdeckt. Aber sie leugnen diese Gegensätze nur, um besonderen Klasseninteressen zu dienen.
Anders die Sozialdemokratie, die Partei des Proletariats. Die Kapitalisten und der große Grundbesitz stellen nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung dar. Sie würden bei dem allgemeinen Stimmrecht politisch völlig verschwinden, wenn es ihnen nicht gelänge, ihren Parteien die Stimmen anderer Klassen zuzuführen. Das Proletariat dagegen ist die stärkste Klasse der Bevölkerung. Sein Sieg ist ihm in einem industriellen demokratischen Lande in dem Moment gewiss, wo es ihm gelingt, alle Klassengenossen zum Bewusstsein ihrer Klasseninteressen zu bringen und sie der Gefolgschaft der bürgerlichen Parteien zu entziehen.
Haben die anderen Parteien also die Aufgabe, die Massen der Bevölkerung über ihre Klasseninteressen zu täuschen, um sie sich dienstbar zu machen, so hat die Sozialdemokratie alle Ursache, sie über ihre Klasseninteressen aufzuklären, damit sie sich nicht länger als Stimmvieh für fremde und feindliche Klasseninteressen gebrauchen lassen. Darum betont sie die Klassengegensätze und klärt das Volk darüber auf.
Aber nichts wäre irriger, daraus zu schließen, dass nur sie bestimmten Klasseninteressen dient. Das tut jede andere Partei auch. Noch mehr, gerade weil sie die Vertreterin der Klasseninteressen des Proletariats ist, vertritt sie in viel höherem Grad das Gemeininteresse, das Interesse der Masse der Bevölkerung als jede andere Partei. Und sie vertritt es nicht bloß deswegen, weil das Proletariat die Mehrheit im Volke bildet, sondern auch deswegen, weil die proletarischen Interessen heute zusammenfallen mit denen der Nation.
Zuletzt aktualisiert am 19. Oktober 2026