Rosa Luxemburg


Die Akkumulation des Kapitals

Erster Abschnitt
Das Problem der Reproduktion


Neuntes Kapitel
Die Schwierigkeit unter dem Gesichtswinkel des Zirkulationsprozesses

Die Analyse litt u. E. darunter, daß Marx das Problem unter der schiefen Form der Frage nach „Geldquellen“ zu beantworten suchte. Es handelt sich aber in Wirklichkeit um tatsächliche Nachfrage, um Verwendung für Waren, nicht um Geldquellen zu ihrer Bezahlung. In bezug auf Geld als Medium der Zirkulation müssen wir hier, bei der Betrachtung des Reproduktionsprozesses im ganzen, annehmen, daß die kapitalistische Gesellschaft stets die zu ihrem Zirkulationsprozeß erforderliche Geldmenge zur Verfügung hat oder sich dafür Surrogate zu beschaffen weiß. Was zu erklären ist, sind die großen gesellschaftlichen Austauschakte, die durch reale ökonomische Bedürfnisse hervorgerufen werden. Daß der kapitalistische Mehrwert, bevor er akkumuliert werden kann, unbedingt die Geldform passieren muß, darf nicht außer acht gelassen werden. Dennoch suchen wir aber die ökonomische Nachfrage nach dem Mehrprodukt ausfindig zu machen, ohne uns weiter um die Herkunft des Geldes zu kümmern. Denn, wie Marx selbst an einer anderen Stelle sagt: „Das Geld auf der einen Seite ruft dann die erweiterte Reproduktion auf der andern ins Leben, weil deren Möglichkeit ohne das Geld da ist, denn Geld an sich selbst ist kein Element der wirklichen Reproduktion.“ (1)

Daß die Frage nach der „Geldquelle“ zur Akkumulation eine ganz sterile Formulierung des Problems der Akkumulation ist, zeigt sich bei Marx selbst in einem anderen Zusammenhang.

Dieselbe Schwierigkeit beschäftigte ihn nämlich schon einmal im zweiten Bande des Kapitals bei der Untersuchung des Zirkulationsprozesses. Schon bei der Betrachtung der einfachen Reproduktion stellt er bei der Zirkulation des Mehrwerts die Frage:

„Aber das Warenkapital, vor seiner Rückverwandlung in produktives Kapital und vor der Verausgabung des in ihm steckenden Mehrwerts, muß versilbert werden. Wo kommt das Geld dazu her? Diese Frage erscheint auf den ersten Blick schwierig, und weder Tooke noch ein andrer hat sie bisher beantwortet.“ (2)

Und er geht mit aller Rücksichtslosigkeit der Sache auf den Grund:

„Das in der Form von Geldkapital vorgeschoßne zirkulierende Kapital von 500 Pfd. St., welches immer seine Umschlagsperiode, sei das zirkulierende Gesamtkapital der Gesellschaft, d. h. der Kapitalistenklasse. Der Mehrwert sei 100 Pfd. St. Wie kann nun die ganze Kapitalistenklasse beständig 600 Pfd. St. aus der Zirkulation herausziehn, wenn sie beständig nur 500 Pfd. St. hineinwirft?“ [1*]

Wir sind hier wohlgemerkt bei der einfachen Reproduktion, wo der gesamte Mehrwert von der Kapitalistenklasse zu persönlicher Konsumtion verwendet wird. Die Frage müßte also von vornherein präziser so gefaßt werden: Wie können die Kapitalisten, nachdem sie für konstantes und variables Kapital im ganzen 500 Pfund Sterling in Geld in Umlauf setzen, ihrer Konsummittel im Betrage des Mehrwerts = 100 Pfund Sterling habhaft werden? Es ist dann sofort klar, daß jene 500 Pfund Sterling, die als Kapital ständig zum Ankauf von Produktionsmitteln und zur Entlohnung der Arbeiter dienen, nicht zugleich zur Deckung der persönlichen Konsumtion der Kapitalisten dienen können. Wo kommt also das zuschüssige Geld von 100 Pfund Sterling her, das die Kapitalisten zur Realisierung ihres eigenen Mehrwerts brauchen? Marx lehnt sofort alle theoretischen Ausflüchte ab, die etwa zur Beantwortung der Frage versucht werden könnten.

„Man muß nun die Schwierigkeit nicht durch plausible Ausflüchte zu umgehn suchen.

Zum Beispiel: Was das konstante zirkulierende Kapital betrifft, so ist klar, daß nicht alle es gleichzeitig auslegen. Während Kapitalist A seine Ware verkauft, also für ihn vorgeschoßnes Kapital Geldform annimmt, nimmt für den Käufer B umgekehrt sein in Geldform vorhandnes Kapital die Form seiner Produktionsmittel an, die gerade A produziert. Durch denselben Akt, wodurch A seinem produzierten Warenkapital die Geldform wiedergibt, gibt B dem seinigen die produktive Form wieder, verwandelt es aus Geldform in Produktionsmittel und Arbeitskraft; dieselbe Geldsumme fungiert in dem doppelseitigen Prozeß wie in jedem einfachen Kauf W–G. Andrerseits, wenn A das Geld wieder in Produktionsmittel verwandelt, kauft er von C, und dieser zahlt damit B etc. So wäre dann der Hergang erklärt. Aber:

Alle in bezug auf das Quantum des zirkulierenden Geldes bei der Warenzirkulation (Buch I, Kap. III) aufgestellten Gesetze werden in keiner Art durch den kapitalistischen Charakter des Produktionsprozesses geändert.

Wenn also gesagt wird, das in Geldform vorzuschießende zirkulierende Kapital der Gesellschaft beträgt 500 Pfd. St., so ist dabei schon in Berechnung gebracht, daß dies einerseits die Summe ist, die gleichzeitig vorgeschossen war, daß aber andrerseits diese Summe mehr produktives Kapital in Bewegung setzt als 500 Pfd. St., weil sie abwechselnd als Geldfonds verschiedner produktiver Kapitale dient. Diese Erklärungsweise setzt also schon das Geld als vorhanden voraus, dessen Dasein sie erklären soll. –

Es könnte ferner gesagt werden: Kapitalist A produziert Artikel, die Kapitalist B individuell, unproduktiv konsumiert. Das Geld von B versilbert also das Warenkapital von A, und so dient dieselbe Geldsumme zur Versilbrung des Mehrwerts von B und des zirkulierenden konstanten Kapitals von A. Hier ist aber die Lösung der Frage, die beantwortet werden soll, noch direkter unterstellt. Nämlich, wo kriegt B dies Geld zur Bestreitung seiner Revenue her? Wie hat er selbst diesen Mehrwertteil seines Produkts versilbert? –

Ferner könnte gesagt werden, der Teil des zirkulierenden variablen Kapitals, den A seinen Arbeitern beständig vorschießt, strömt ihm beständig aus der Zirkulation zurück; und nur ein abwechselnder Teil davon liegt beständig bei ihm selbst zur Zahlung des Arbeitslohns fest. Zwischen der Ausgabe und dem Rückstrom verfließt jedoch eine gewisse Zeit, während deren das in Arbeitslohn ausgezahlte Geld unter andrem auch zur Versilberung von Mehrwert dienen kann. – Aber wir wissen erstens, daß, je größer diese Zeit, um so größer auch die Masse des Geldvorrats sein muß, die der Kapitalist A beständig in petto halten muß. Zweitens gibt der Arbeiter das Geld aus, kauft Waren damit, versilbert daher den in diesen Waren steckenden Mehrwert pro tanto. Also dient dasselbe Geld, das in der Form des variablen Kapitals vorgeschossen wird, pro tanto auch dazu, Mehrwert zu versilbern. Ohne hier noch tiefer auf diese Frage einzugehn, hier nur so viel: daß die Konsumtion der ganzen Kapitalistenklasse und der von ihr abhängigen unproduktiven Personen gleichzeitig Schritt hält mit der für die Arbeiterklasse; also gleichzeitig mit dem von den Arbeitern in Zirkulation geworfnen Geld, von den Kapitalisten Geld in die Zirkulation geworfen werden muß, um ihren Mehrwert als Revenue zu verausgaben; also für denselben der Zirkulation Geld entzogen sein muß. Die eben gegebne Erklärung würde nur das so nötige Quantum verringern, nicht beseitigen. –

Endlich könnte gesagt werden: Es wird doch beständig ein großes Quantum Geld in Zirkulation geworfen bei der ersten Anlage des fixen Kapitals, das der Zirkulation nur allmählich, stückweis, im Lauf von Jahren, von dem wieder entzogen wird, der es hineinwarf. Kann diese Summe nicht hinreichen, um den Mehrwert zu versilbern? – Hierauf ist zu antworten, daß vielleicht in der Summe von 500 Pfd. St. (die auch Schatzbildung für nötige Reservefonds einschließt) schon die Anwendung dieser Summe als fixes Kapital, wenn nicht durch den, der sie hineinwarf, so doch durch jemand anders, einbegriffen ist. Außerdem ist bei der Summe, die für Beschaffung der als fixes Kapital dienenden Produkte ausgegeben wird, schon unterstellt, daß auch der in diesen Waren steckende Mehrwert gezahlt ist, und es fragt sich eben, wo dies Geld herkommt.“ [2*]

Auf diesen letzten Punkt müssen wir nebenbei besondere Aufmerksamkeit lenken. Denn hier lehnt es Marx ab, die Schatzbildung für die periodische Erneuerung des fixen Kapitals zur Erklärung der Realisierung des Mehrwerts selbst bei einfacher Reproduktion heranzuziehen. Später, wo es sich um die viel schwierigere Realisierung des Mehrwertes bei der Akkumulation handelt, greift er, wie wir gesehen, versuchsweise mehrfach auf dieselbe von ihm als „plausible Ausflucht“ abgetane Erklärung zurück.

Dann folgt die Lösung, die etwas unerwartet klingt:

„Die allgemeine Antwort ist bereits gegeben: Wenn eine Warenmasse von x X 1.000 Pfd. St. zu zirkulieren, so ändert es absolut nichts am Quantum der zu dieser Zirkulation nötigen Geldsumme, ob der Wert dieser Warenmasse Mehrwert enthält oder nicht, ob die Warenmasse kapitalistisch produziert ist oder nicht. Das Problem selbst existiert also nicht. Bei sonst gegebnen Bedingungen, Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes etc., ist eine bestimmte Geldsumme erheischt, um den Warenwert von x X 1.000 Pfd. St. zu zirkulieren, ganz unabhängig von dem Umstand, wie viel oder wie wenig von diesem Wert den unmittelbaren Produzenten dieser Waren zufällt. Soweit hier ein Problem existiert, fällt es zusammen mit dem allgemeinen Problem: woher die zur Zirkulation der Waren in einem Lande nötige Geldsumme kommt.“ (3)

Die Antwort ist vollkommen richtig. Die Frage: Woher kommt das Geld zur Zirkulation des Mehrwerts? ist mit beantwortet bei der allgemeinen Frage: Wo kommt das Geld her, um eine gewisse Warenmasse im Lande in Zirkulation zu setzen? Die Einteilung der Wertmasse dieser Waren in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert existiert gar nicht vom Standpunkte der Geldzirkulation als solcher und hat von diesem Standpunkt keinen Sinn. Also nur unter dem Gesichtswinkel der Geldzirkulation oder der einfachen Warenzirkulation „existiert das Problem nicht“. Das Problem existiert aber wohl vom Standpunkte der gesellschaftlichen Reproduktion im ganzen, nur darf es nicht so schief formuliert werden, daß uns die Antwort in die einfache Warenzirkulation zurückbringt, wo das Problem nicht existiert. Die Frage lautet also nicht: Wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu realisieren?, sondern sie muß lauten: Wo sind die Konsumenten für den Mehrwert? Daß das Geld in der Hand dieser Konsumenten sich befinden und von ihnen in die Zirkulation geworfen werden muß, versteht sich dann von selbst. Marx selbst kehrt denn auch zu dem Problem, obwohl er es soeben für nicht existierend erklärt hat, immer wieder zurück:

„Nun aber existieren nur zwei Ausgangspunkte: der Kapitalist und der Arbeiter. Alle dritten Personenrubriken müssen entweder für Dienstleistungen Geld von diesen beiden Klassen erhalten, oder soweit sie es ohne Gegenleistung erhalten, sind sie Mitbesitzer des Mehrwerts in der Form von Rente, Zins etc. Daß der Mehrwert nicht ganz in der Tasche es industriellen Kapitalisten bleibt, sondern von ihm mit andern Personen geteilt werden muß, hat mit der vorliegenden Frage nichts zu tun. Es ragt sich, wie er seinen Mehrwert versilbert, nicht wie das dafür gelöste Silber sich später verteilt. Es ist also für unsern Fall der Kapitalist noch als einziger Besitzer des Mehrwerts zu betrachten. Was aber den Arbeiter betrifft, so ist bereits gesagt, daß er nur sekundärer Ausgangspunkt, der Kapitalist aber der primäre Ausgangspunkt des vom Arbeiter in die Zirkulation geworfnen Geldes ist. Das zuerst als variables Kapital vorgeschoßne Geld vollzieht bereits seinen zweiten Umlauf, wenn der Arbeiter es zur Zahlung von Lebensmitteln ausgibt.

Die Kapitalistenklasse bleibt also der einzige Ausgangspunkt der Geldzirkulation. Wenn sie zur Zahlung von Produktionsmitteln 400 Pfd. St., zur Zahlung der Arbeitskraft 100 Pfd. St. braucht, so wirft sie 500 Pfd. St. in Zirkulation. Aber der in dem Produkt steckende Mehrwert, bei Mehrwertsrate von 100 %, ist gleich einem Wert von 100 Pfd. St. Wie kann sie 600 Pfd. St. aus der Zirkulation beständig herausziehn, wenn sie beständig nur 500 Pfd. St. hineinwirft? Aus nichts wird nichts. Die Gesamtklasse der Kapitalisten kann nichts aus der Zirkulation herausziehn, was nicht vorher hineingeworfen war.“ [3*]

Weiter weist Marx noch eine Ausflucht zurück, die zur Erklärung des Problems etwa versucht werden könnte, nämlich die Heranziehung der Geschwindigkeit im Umlauf des Geldes, die es erlaubt, mit weniger Geld eine größere Wertmasse in Zirkulation zu bringen. Die Ausflucht führt natürlich zu nichts, denn die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes ist bereits mit in Berechnung gezogen, wenn man annimmt, daß zur Zirkulation der Warenmasse soundso viel Pfund Sterling erforderlich sind. Darauf kommt endlich die Auflösung des Problems:

„In der Tat, so paradox es auf den ersten Blick scheint, die Kapitalistenklasse selbst wirft das Geld in die Zirkulation, das zur Realisierung des in den Waren steckenden Mehrwerts dient. Aber notabene: sie wirft es hinein nicht als vorgeschoßnes Geld, also nicht als Kapital. Sie verausgabt es als Kaufmittel für ihre individuelle Konsumtion. Es ist also nicht von ihr vorgeschossen, obgleich sie der Ausgangspunkt seiner Zirkulation ist.“ (4)

Diese deutliche und erschöpfende Lösung beweist am besten, daß das Problem kein scheinbares war. Sie beruht auch nicht darauf, daß wir eine neue „Geldquelle“ entdeckt haben, um den Mehrwert zu realisieren, sondern daß wir die Konsumenten dieses Mehrwerts gefunden haben. Wir stehen noch hier nach Marxscher Voraussetzung auf dem Boden der einfachen Reproduktion. Das bedeutet, daß die Kapitalistenklasse ihren ganzen Mehrwert zur persönlichen Konsumtion verwendet. Da die Kapitalisten Konsumenten des Mehrwerts sind, so ist es nicht sowohl paradox als vielmehr selbstverständlich, daß sie das Geld in der Tasche haben müssen, um sich die Naturalgestalt des Mehrwerts, die Konsumgegenstände, anzueignen. Der Zirkulationsakt des Austausches ergibt sich als eine Notwendigkeit aus der Tatsache, daß die Einzelkapitalisten nicht ihren individuellen Mehrwert – resp. das individuelle Mehrprodukt, wie der Sklavenhalter – direkt verzehren können. Seine sachliche Naturalgestalt schließt vielmehr in der Regel diesen Verbrauch aus. Der Gesamtmehrwert aller Kapitalisten befindet sich aber – unter der Voraussetzung der einfachen Reproduktion – im gesellschaftlichen Gesamtprodukt in einer entsprechenden Menge von Konsummitteln für die Kapitalistenklasse ausgedrückt, wie der Gesamtsumme der variablen Kapitale eine wertgleiche Menge von Lebensmitteln für die Arbeiterklasse entspricht und wie dem konstanten Kapital aller Einzelkapitalisten zusammen eine wertgleiche Menge von sachlichen Produktionsmitteln entspricht. Um den individuellen ungenießbaren Mehrwert gegen die entsprechende Menge Lebensmittel einzutauschen, ist ein doppelter Akt der Warenzirkulation nötig: der Verkauf des eigenen Mehrprodukts und der Einkauf der Lebensmittel aus dem gesellschaftlichen Mehrprodukt. Da diese zwei Akte ausschließlich innerhalb der Kapitalistenklasse vor sich gehen, unter einzelnen Kapitalisten stattfinden, so geht auch das vermittelnde Geldmedium hierbei nur aus einer Hand der Kapitalisten in die andere und bleibt immer in der Tasche der Kapitalistenklasse hängen. Da die einfache Reproduktion stets dieselben Mengen Werte zum Ausrausch bringt, so dient zur Zirkulation des Mehrwert jedes Jahr dieselbe Geldmenge, und man könnte höchstens, bei ausnahmsweiser Gründlichkeit, etwa die Frage stellen: Wo kam diese zur Vermittelung der eigenen Konsumtion der Kapitalisten dienende Geldmenge einst in die Taschen der Kapitalisten her? Aber diese Frage löst sich in die andere allgemeinere Frage auf: Wo kam überhaupt das erste Geldkapital einst in die Hände der Kapitalisten her, jenes Geldkapital, von dem sie neben der Verwendung für produktive Anlagen einen gewissen Teil stets in der Tasche behalten mußten für die Zwecke der persönlichen Konsumtion.? Die so gestellte Frage schlägt aber in das Kapitel der sogenannten „primitiven Akkumulation“, d. h. der geschichtlichen Genesis des Kapitals, und fällt aus dem Rahmen der Analyse sowohl des Zirkulations- wie des Reproduktionsprozesses.

So ist die Sache klar und unzweideutig – wohlgemerkt: solange wir auf dem Boden der einfachen Reproduktion stehen. Hier wird das Problem der Realisierung des Mehrwertes durch die Voraussetzungen selbst gelöst, es ist eigentlich schon antizipiert im Begriff der einfachen Reproduktion. Diese beruht eben darauf, daß der ganze Mehrwert von der Kapitalistenklasse konsumiert wird, und damit ist gesagt, daß er von ihr auch gekauft, d. h. von den Einzelkapitalisten einander abgekauft werden muß.

„In diesem Fall“, sagt Marx selbst, „war angenommen, daß die Geldsumme, die der Kapitalist bis zum ersten Rückfluß seines Kapitals zur Bestreitung seiner individuellen Konsumtion in Zirkulation wirft, exakt gleich ist dem von ihm produzierten und daher zu versilbernden Mehrwert. Dies ist offenbar, mit Bezug auf den einzelnen Kapitalisten, eine willkürliche Annahme. Aber sie muß richtig sein für die gesamte Kapitalistenklasse, bei Unterstellung einfacher Reproduktion. Sie drückt nur dasselbe aus, was diese Unterstellung besagt, nämlich daß der ganze Mehrwert, aber auch nur dieser, also kein Bruchteil des ursprünglichen Kapitalstocks, unproduktiv verzehrt wird.“ (5)

Aber die einfache Reproduktion auf kapitalistischer Basis ist in der theoretischen Ökonomie eine imaginäre Größe, eine wissenschaftlich so berechtigte und unentbehrliche imaginäre Größe wie square root -1 in der Mathematik. jedoch das Problem der Realisierung des Mehrwertes ist damit für die Wirklichkeit, d. h. für die erweiterte Reproduktion oder Akkumulation, durchaus nicht gelöst. Und das bestätigt Marx selbst zum zweitenmal, sobald er seine Analyse fortsetzt.

Wo kommt das Geld zur Realisierung des Mehrwerts her unter Voraussetzung der Akkumulation, d. h. des Nichtverzehrs, der Kapitalisierung eines Teils des Mehrwerts? Die erste Antwort, die Marx gibt, lautet:

„Was zunächst das zuschüssige Geldkapital betrifft, erheischt zur Funktion des wachsenden produktiven Kapitals, so wird es geliefert durch den Teil des realisierten Mehrwerts, der als Geldkapital, statt als Geldform der Revenue, von den Kapitalisten in Zirkulation geworfen wird. Das Geld ist bereits in der Hand der Kapitalisten. Bloß seine Anwendung ist verschieden.“ [4*]

Diese Erklärung ist uns schon bekannt aus der Untersuchung des Reproduktionsprozesses und ebenso ihre Unzulänglichkeit. Die Antwort stützt sich nämlich ausschließlich auf den Moment des ersten Übergangs von einfacher Reproduktion zur Akkumulation: Eben erst, gestern, verzehrten die Kapitalisten ihren ganzen Mehrwert, hatten also auch die entsprechende Geldmenge zu dessen Zirkulation in der Tasche. Heute entschließen sie sich, einen Teil des Mehrwerts zu „sparen“ und produktiv anzulegen, statt ihn zu verjubeln. Sie brauchen dazu – vorausgesetzt, daß sachliche Produktionsmittel statt Luxus produziert worden sind – nur einen Teil ihres persönlichen Geldfonds anders zu verwenden. Aber der Übergang von einfacher zur erweiterten Produktion ist ebenso theoretische Fiktion wie die einfache Reproduktion des Kapitals selbst. Marx geht denn auch sogleich weiter:

„Nun wird aber infolge des zuschüssigen produktiven Kapitals, als sein Produkt, eine zuschüssige Warenmasse in Zirkulation geworfen. Mit dieser zuschüssigen Warenmasse wurde zugleich ein Teil des zu ihrer Realisation nötigen zuschüssigen Geldes in Zirkulation geworfen, soweit nämlich der Wert dieser Warenmasse gleich ist dem Wert des in ihrer Produktion verzehrten produktiven Kapitals. Diese zuschüssige Geldmasse ist gerade als zuschüssiges Geldkapital vorgeschossen worden und fließt daher zum Kapitalisten zurück durch den Umschlag seines Kapitals. Hier tritt wieder dieselbe Frage auf wie oben. Wo kommt das zuschüssige Geld her, um den jetzt in Warenform vorhandnen zuschüssigen Mehrwert zu realisieren?“ [5*]

Nun aber, wo das Problem in aller Schärfe wieder gestellt ist, bekommen wir statt einer Lösung die folgende unerwartete Antwort:

„Die allgemeine Antwort ist wieder dieselbe. Die Preissumme der zirkulierenden Warenmasse ist vermehrt, nicht, weil die Preise einer gegebnen Warenmasse gestiegen, sondern, weil die Masse der jetzt zirkulierenden Waren größer ist als die der früher zirkulierenden Waren, ohne daß dies durch einen Fall der Preise ausgeglichen wäre. Das zur Zirkulation dieser größern Warenmasse von größtem Wert erforderte zuschüssige Geld muß beschafft werden entweder durch erhöhte Ökonomisierung der zirkulierenden Geldmasse – sei es durch Ausgleichung der Zahlungen etc., sei es durch Mittel, welche den Umlauf derselben Geldstücke beschleunigen – oder aber durch Verwandlung von Geld aus der Schatzform in die zirkulierende Form.“ (6)

Diese Lösung geht auf die folgende Erklärung hinaus: Die kapitalistische Reproduktion wirft unter den Bedingungen einer im Fluß befindlichen und wachsenden Akkumulation eine immer größere Masse Warenwert auf den Markt. Um diese im Wert wachsende Warenmasse in Zirkulation zu bringen, ist eine immer größere Geldmenge notwendig. Diese wachsende Geldmenge muß eben – beschafft werden. Das ist alles unzweifelhaft richtig und einleuchtend, aber das Problem, um das es sich handelte, ist damit nicht gelöst, sondern verschwunden.

Eins von beiden. Entweder betrachtet man das gesellschaftliche Gesamtprodukt (der kapitalistischen Wirtschaft) einfach als eine Warenmasse von bestimmtem Wert, als einen „Warenbrei“, und sieht, bei Bedingungen der Akkumulation, nur ein Anwachsen dieses unterschiedslosen Warenbreis und dessen Wertmasse. Dann wird nur zu konstatieren sein, daß zur Zirkulation dieser Wertmasse eine entsprechende Geldmenge notwendig ist, daß diese Geldmenge wachsen muß, wenn die Wertmasse wächst – falls die Beschleunigung des Verkehrs und seine Ökonomisierung den Wertzuwachs nicht aufwiegen. Und etwa auf eine letzte Frage, woher denn schließlich alles Geld komme, kann man mit Marx die Antwort geben: aus den Goldgruben. Das ist auch ein Standpunkt, nämlich der Standpunkt der einfachen Warenzirkulation. Aber dann braucht man nicht Begriffe wie konstantes und variables Kapital und Mehrwert hineinzubringen, die nicht zur einfachen Warenzirkulation, sondern zur Kapitalzirkulation und zur gesellschaftlichen Reproduktion gehören, und man braucht dann nicht die Frage zu stellen: Wo kommt das Geld her, um den gesellschaftlichen Mehrwert, und zwar 1. sub einfacher Reproduktion, 2. sub erweiterter Reproduktion zu realisieren? Solche Fragen haben vom Standpunkte der einfachen Waren- und Geldzirkulation gar keinen Sinn und Inhalt. Hat man aber einmal diese Fragen gestellt und die Untersuchung auf das Geleise der Kapitalzirkulation und der gesellschaftlichen Reproduktion eingestellt, dann darf man nicht die Antwort im Bereiche der einfachen Warenzirkulation suchen, um – da hier das Problem nicht existiert und nicht beantwortet werden kann – hinterher zu erklären: das Problem sei schon längst beantwortet, es existiere überhaupt nicht.

Die Fragestellung selbst ist also bei Marx die ganze Zeit schief gewesen. Es hat keinen ersichtlichen Zweck zu fragen: Wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu realisieren? Sondern die Frage muß lauten: Wo kommt die Nachfrage her, wo ist das zahlungsfähige Bedürfnis für den Mehrwert? War die Frage von Anfang an so gestellt, so hätte es nicht so langwieriger Umwege bedurft, um ihre Lösbarkeit respektive Unlösbarkeit klar hervortreten zu lassen. Unter der Annahme der einfachen Reproduktion ist die Sache einfach genug: Da der ganze Mehrwert von den Kapitalisten verzehrt wird, so sind sie eben selbst die Abnehmer, die Nachfrage für den gesellschaftlichen Mehrwert in seinem ganzen Umfang, müssen also auch das zur Zirkulation des Mehrwerts nötige Kleingeld in der Tasche haben. Aber gerade aus derselben Tatsache ergibt sich mit Evidenz, daß unter der Bedingung der Akkumulation, d. h. der Kapitalisierung eines Teils des Mehrwerts, die Kapitalistenklasse selbst unmöglich ihren ganzen Mehrwert abkaufen, realisieren kann. Es stimmt schon, daß genug Geld beschafft werden muß, um den kapitalisierten Mehrwert zu realisieren – wenn er überhaupt realisiert werden soll. Aber dieses Geld kann unmöglich aus der Tasche der Kapitalisten selbst kommen. Sie sind vielmehr gerade durch Annahme der Akkumulation Nichtabnehmer ihres Mehrwerts, auch wenn sie – abstrakt genommen – hierfür Geld genug in der Tasche hätten. Wer kann aber sonst die Nachfrage nach den Waren darstellen, in denen der kapitalisierte Mehrwert steckt?

„Außer dieser Klasse (der Kapitalisten – R.L.) gibt es nach unsrer Unterstellung – allgemeine und ausschließliche Herrschaft der kapitalistischen Produktion – überhaupt keine andre Klasse als die Arbeiterklasse. Alles, was die Arbeiterklasse kauft, ist gleich der Summe ihres Arbeitslohns gleich der Summe des von der gesamten Kapitalistenklasse vorgeschoßnen variablen Kapitals.“ [6*]

Die Arbeiter können also den kapitalisierten Mehrwert noch weniger realisieren als die Kapitalistenklasse. Aber irgend jemand muß ihn doch abkaufen, sollen die Kapitalisten das vorgeschossene akkumulierte Kapital immer wieder in die Hände kriegen. Und doch ist außer Kapitalisten und Arbeitern kein Abnehmer denkbar. „Wie soll da also die gesamte Kapitalistenklasse Geld akkumulieren?“ (7) Die Realisierung des Mehrwerts außerhalb der beiden einzig existierenden Klassen der Gesellschaft scheint ebenso notwendig wie unmöglich. Die Akkumulation des Kapitals ist in einen fehlerhaften Zirkel geraten. Im zweiten Bande des Kapitals finden wir jedenfalls keine Lösung des Problems.

Wenn man nun fragen wollte, weshalb die Lösung dieses wichtigen Problems der kapitalistischen Akkumulation in dem Marxschen Kapital nicht zu finden ist, so muß vor allem der Umstand in Betracht gezogen werden, daß der zweite Band des Kapitals kein abgeschlossenes Werk, sondern Manuskript war, das mitten im Wort abgebrochen wurde.

Schon die äußere Form namentlich der letzten Kapitel dieses Bandes zeigt, daß es mehr Aufzeichnungen zur Selbstverständigung des Denkers sind als fertige Ergebnisse, bestimmt zur Aufklärung des Lesers. Diese Tatsache bestätigt uns zur Genüge der berufenste Zeuge – nämlich der Herausgeber des zweiten Bandes, Friedrich Engels. In seinem Vorwort zum zweiten Band berichtet er über den Stand der von Marx hinterlassenen Vorarbeiten und Manuskripte, die als Grundlage für diesen Band dienen sollten, in folgender eingehender Weise:

„Die bloße Aufzählung des von Marx hinterlaßnen handschriftlichen Materials zu Buch II beweist, mit welcher Gewissenhaftigkeit ohnegleichen, mit welcher strengen Selbstkritik er seine großen ökonomischen Entdeckungen bis zur äußersten Vollendung auszuarbeiten strebte, ehe er sie veröffentlichte; eine Selbstkritik, die ihn nur selten dazu kommen ließ, die Darstellung nach Inhalt und Form seinem stets durch neue Studien sich erweiternden Gesichtskreis anzupassen. Dies Material besteht nun aus folgendem.

Zuerst ein Manuskript Zur Kritik der politischen Oekonomie, 1.472 Quartseiten in 23 Heften, geschrieben August 1861 bis Juni 1863. Es ist die Fortsetzung des 1859 in Berlin erschienenen ersten Hefts desselben Titels ... So wertvoll dies Manuskript, so wenig war es für die gegenwärtige Ausgabe des Buch II zu benutzen.

Das dem Datum nach jetzt folgende Manuskript ist das von Buch III ...

Aus der nächsten Periode – nach Erscheinen des Buch I – liegt vor für Buch II eine Sammlung von vier Manuskripten in Folio, von Marx selbst I-IV numeriert. Davon ist Manuskript I (150 Seiten), vermutlich von 1865 oder 1867 datierend, die erste selbständige, aber mehr oder weniger fragmentarische Bearbeitung von Buch II in seiner gegenwärtigen Einteilung. Auch hiervon war nichts benutzbar. Manuskript III besteht teils aus einer Zusammenstellung von Zitaten und Hinweisen auf Marx’ Auszugshefte – meist auf den ersten Abschnitt des Buch II bezüglich –, teils aus Bearbeitungen einzelner Punkte, namentlich der Kritik der A. Smithschen Sätze über fixes und zirkulierendes Kapital und über die Quelle des Profits; ferner eine Darstellung des Verhältnisses der Mehrwertsrate zur Profitrate, die in Buch III gehört. Die Hinweise lieferten wenig neue Ausbeute, die Ausarbeitungen waren sowohl für Buch II wie Buch III durch spätere Redaktionen überholt, mußten also auch meist beiseitegelegt werden. – Manuskript IV ist eine druckfertige Bearbeitung des ersten und der ersten Kapitel des zweiten Abschnitts von Buch II und ist da, wo es an die Reihe kommt, auch benutzt worden. Obwohl sich herausstellte, daß es früher abgefaßt ist als Manuskript II, so konnte es doch, weil vollendeter in der Form, für den betreffenden Teil des Buchs mit Vorteil benutzt werden; es genügte, aus Manuskript II einige Zusätze zu machen. – Dies letztre Manuskript ist die einzige einigermaßen fertig vorliegende Bearbeitung des Buch II und datiert von 1870. Die gleich zu erwähnenden Notizen für die schließliche Redaktion sagen ausdrücklich: ‚Die zweite Bearbeitung muß zugrunde gelegt werden.‘

Nach 1870 trat wieder eine Pause ein, bedingt hauptsächlich durch Krankheitszustände. Wie gewöhnlich füllte Marx diese Zeit durch Studien aus; Agronomie, amerikanische und namentlich russische ländliche Verhältnisse, Geldmarkt und Bankwesen, endlich Naturwissenschaften: Geologie und Physiologie, und namentlich selbständige mathematische Arbeiten bilden den Inhalt der zahlreichen Auszugshefte aus dieser Zeit. Anfang 1877 fühlte er sich soweit hergestellt, daß er wieder an seine eigentliche Arbeit gehn konnte. Von Ende März 1877 datieren Hinweise und Notizen aus obigen vier Manuskripten als Grundlage einer Neubearbeitung von Buch II, deren Anfang in Manuskript V (56 Seiten Folio) vorliegt. Es umfaßt die ersten vier Kapitel und ist noch wenig ausgearbeitet; wesentliche Punkte werden in Noten unter dem Text behandelt; der Stoff ist mehr gesammelt als gesichtet, aber es ist die letzte vollständige Darstellung dieses wichtigsten Teils des ersten Abschnitts. – Ein erster Versuch, hieraus ein druckfertiges Manuskript zu machen, liegt vor in Manuskript VI (nach Oktober 1877 und vor Juli 1878); nur 17 Quartseiten, den größten Teil des ersten Kapitels umfassend, ein zweiter – der letzte – in Manuskript VII, ‚2. Juli 1878‘, nur 7 Folioseiten.

Um diese Zeit scheint Marx sich darüber klar geworden zu sein, daß ohne eine vollständige Revolution seines Gesundheitszustandes er nie dahin kommen werde, eine ihm selbst genügende Bearbeitung des zweiten und dritten Buchs zu vollenden. In der Tat tragen die Manuskripte V bis VIII die Spuren gewaltsamen Ankämpfens gegen niederdrückende Krankheitszustände nur zu oft an sich. Das schwierigste Stück des ersten Abschnitts war in Manuskript V neu bearbeitet; der Rest des ersten und der ganze zweite Abschnitt (mit Ausnahme des siebzehnten Kapitels) boten keine bedeutenden theoretischen Schwierigkeiten; der dritte Abschnitt dagegen, die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Kapitals, schien ihm einer Umarbeitung dringend bedürftig. In Manuskript II war nämlich die Reproduktion behandelt zuerst ohne Berücksichtigung der sie vermittelnden Geldzirkulation und sodann nochmals mit Rücksicht auf diese. Dies sollte beseitigt und der ganze Abschnitt überhaupt so umgearbeitet werden, daß er dem erweiterten Gesichtskreis des Verfassers entsprach. So entstand Manuskript VIII, ein Heft von nur 70 Quartseiten; was Marx aber auf diesen Raum zusammenzudrängen verstand, beweist die Vergleichung von Abschnitt III im Druck, nach Abzug der aus Manuskript II eingeschobenen Stücke.

Auch dies Manuskript ist nur eine vorläufige Behandlung des Gegenstands, bei der es vor allem darauf ankam, die gewonnenen neuen Gesichtspunkte gegenüber Manuskript II festzustellen und zu entwickeln, unter Vernachlässigung der Punkte, über die nichts Neues zu sagen war. Auch ein wesentliches Stück von Kapitel XVII des zweiten Abschnitts, das ohnehin einigermaßen in den dritten Abschnitt übergreift, wird wieder hineingezogen und erweitert. Die logische Folge wird öfters unterbrochen, die Behandlung ist stellenweise lückenhaft und namentlich am Schluß ganz fragmentarisch. Aber was Marx sagen wollte, ist in dieser oder jener Weise darin gesagt.

Das ist das Material zu Buch II, woraus, nach einer Äußerung von Marx zu seiner Tochter Eleanor kurz vor seinem Tode, ich ‚etwas machen‘ sollte.“ [7*]

Man muß dies „etwas“ bewundern. das Engels aus einem so beschaffenen Material zu machen verstanden hat. Aus seinem genauen Bericht geht aber für die uns interessierende Frage mit aller Deutlichkeit hervor, daß von den drei Abschnitten, die den Band II bilden, für die ersten zwei: über den Kreislauf des Geld- und Warenkapitals sowie die Zirkulationskosten und über den Umschlag des Kapitals, das von Marx hinterlassene Manuskript am ehesten druckreif war. Hingegen stellte der dritte Abschnitt, der die Reproduktion des Gesamtkapitals behandelt, nur eine Sammlung von Fragmenten dar, die Marx selbst einer Umarbeitung „dringend bedürftig“ schienen. Von diesem Abschnitt ist aber das letzte einundzwanzigste Kapitel, auf das es gerade ankommt: die Akkumulation und erweiterte Reproduktion, am unfertigsten vom ganzen Buch geblieben. Es umfaßt alles in allem bloß 35 Druckseiten und bricht mitten in der Analyse ab.

Außer diesem äußeren Umstand war u. E. noch ein anderes Moment von großem Einfluß. Die Untersuchung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses nimmt bei Marx. wie wir gesehen, ihren Ausgangspunkt von der Ad. Smithschen Analyse, die u. a. an dem falschen Satz von der Preiszusammensetzung aller Waren aus v + m gescheitert ist. Die Auseinandersetzung mit diesem Dogma beherrscht nun die ganze Analyse des Reproduktionsprozesses bei Marx. Der Beweisführung, daß das gesellschaftliche Gesamtprodukt nicht bloß der Konsumtion im Betrage der verschiedenen Einkommensquellen, sondern auch der Erneuerung des konstanten Kapitals dienen muß, widmet Marx seine ganze Aufmerksamkeit. Da aber für diese Beweisführung die theoretisch reinste Form nicht bei der erweiterten, sondern bei der einfachen Reproduktion gegeben ist, so betrachtet Marx vorwiegend die Reproduktion unter einem der Akkumulation gerade entgegengesetzten Gesichtswinkel: unter der Annahme, daß der ganze Mehrwert von den Kapitalisten verzehrt wird. Wie sehr die Polemik gegen Smith die Marxsche Analyse beherrschte, dafür zeugt, daß er zu dieser Polemik im Verlaufe seiner ganzen Arbeit unzählige Male von verschiedensten Seiten zurückkehrt. So sind ihr gewidmet gleich im ersten Band 7. Abschnitt, 22. Kapitel, S. 551–554, im zweiten Band S. 335–370, S. 383, S. 409–412, S. 451–453. Im Band III/2 nimmt Marx das Problem der Gesamtreproduktion wieder auf, stürzt sich aber dabei wieder sofort in das von Smith aufgegebene Rätsel und widmet ihm das ganze 49. Kapitel (S. 367–388) und eigentlich auch noch das ganze 50. Kapitel (S. 388 bis 413). Endlich in den Theorien über den Mehrwert finden wir wieder ausführliche Polemiken gegen das Smithsche Dogma in Band I, S. 164–253, Band II/2, S. 92, 95 126, 233–262. Wiederholt betont und unterstreicht Marx selbst, daß er gerade in dem Problem des Ersatzes des konstanten Kapitals aus dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt die schwierigste und wichtigste Frage der Reproduktion erblickte. (8) So wurde das andere Problem, das der Akkumulation, nämlich die Realisierung des Mehrwerts zu Zwecken der Kapitalisierung, in den Hintergrund gedrängt und ist schließlich von Marx kaum angeschnitten worden.

Bei der großen Bedeutung dieses Problems für die kapitalistische Wirtschaft ist es kein Wunder, daß es die bürgerliche Ökonomie immer und immer wieder beschäftigte. Die Versuche, mit der Lebensfrage der kapitalistischen Wirtschaft, nämlich mit der Frage, ob die Kapitalakkumulation praktisch möglich sei, fertig zu werden, tauchen im Verlaufe der Geschichte der Ökonomie immer wieder auf. Zu diesen geschichtlichen Versuchen vor wie nach Marx, die Frage zu lösen, wollen wir uns jetzt wenden.

Fußnoten von Rosa Luxemburg

1. Das Kapital, Bd. II, S. 466. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 486.]

2. Das Kapital, Bd. II, S. 304. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 332.]

3. Das Kapital, Bd. II, S. 306. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 334.]

4. Das Kapital, Bd. II, S. 308. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 335.]

5. Das Kapital, Bd. II, S. 309. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 337.]

6. Das Kapital, Bd. II, S. 318. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 346.]

7. Das Kapital, Bd. II, S. 322. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 349.]

8. Siehe z. B. Das Kapital, Bd. II, S. 343, 424 u. 431. [Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 369, 445/446 u. 452.]


Anmerkungen der Redaktion

1*. Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 332.

2*. Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 332/334.

3*. Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 334/335.

4*. Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 345.

5*. Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 345/346.

6*. Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 348/349.

7*. Friedrich Engels: Vorwort zu Karl Marx: Das Kapital, Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 8/12.


Zuletzt aktualisiert am 14.1.2012